Meister im Gesundbeten
Kolumne Die Schweiz, das Land der «ehrenvollen Niederlagen». Wir haben eine unnachahmliche Begabung, Dinge zu ignorieren oder offensichtliche Schwächen schönzureden, bis sie sich nicht mehr verleugnen lassen.
Kolumne Die Schweiz, das Land der «ehrenvollen Niederlagen». Wir haben eine unnachahmliche Begabung, Dinge zu ignorieren oder offensichtliche Schwächen schönzureden, bis sie sich nicht mehr verleugnen lassen.
Sogar die grössten Bewunderer von Roger Federer, dem besten Botschafter der Marke Schweiz, den die jüngste Geschichte kennt, nahmen mit Erstaunen zur Kenntnis, dass die geniale Nummer eins des Welttennis nach der vernichtenden Niederlage gegen den «Roi soleil de la terre battue», Raphael Nadal, sich damit zufrieden gab, immerhin den Final in Paris erreicht zu haben. Mats Wilander, kompetenter Kommentator und bisher nicht als Kritiker von Federer aufgefallen, war sichtlich irritiert, dass der Champion sich in die Niederlage geschickt und kaum Kampfeswillen gezeigt hatte. Das stehe einer Nummer eins und dem vielleicht grössten Spieler der Geschichte schlecht an, meinte er nach dem ernüchternden 0:6 im letzten Satz.Mangelnde Kampfeslust kann man unserer Fussballnationalmannschaft nicht vorwerfen. Gefightet haben sie wie einst die Eidgenossen bei der Schlacht von St. Jakob, dennoch gingen auch sie als Verlierer gegen die Tschechen und gegen die Türkei vom Platz und schieden schon in der Vorrunde des Heimturniers aus. «Wie ungerecht Fussball doch sein kann», beklagten die Medien und Experten das fehlende Schlachtenglück unserer Fussball-Matadore. Mitleidlos war dagegen Berti Vogts, der süffisant anmerkte, «wer kein Tor schiesst, kann auch kein Spiel gewinnen». Und der Spiegel doppelte nach, Ottmar Hitzfeld, der ans Siegen gewöhnte Nachfolger von Köbi Kuhn, müsse nun eben die Schweiz von ihrer «unerklärlichen Neigung zur Niederlage befreien».
Noch zwei Tage vor dem endgültigen Aus hatte der Blick tapfer und trotzig die Schlagzeile ausgepackt, «10 Gründe, warum wir trotzdem Europameister werden». Am Abend des 11. Juni war auch diese beschwörende Schönrederei zur Makulatur geworden.
Als müssten wir dem permanenten Vorurteil Paroli bieten, wir seien professionelle Miesepeter, profilieren wir uns zusehends als Europameister im Gesundbeten. Dass uns das manchmal nicht gut tut, hatte die UBS erfahren müssen, als sie die unselige Affäre Meili um die nachrichtenlosen Vermögen nicht als das erkannte, was sie schon damals war: Der Versuch des US-Finanzplatzes, die Schweiz, einer ihrer stärksten Konkurrenten, in die Ecke zu drängen. Beschwichtigen und ignorieren war schon damals die hilflose Reaktion, die mit einem noch heute spürbaren Image-Schaden für die Schweiz und mit horrenden Kosten für die betroffene Bank endete.
Die Geschichte wiederholt sich. Ein möglicherweise fehlbarer UBS-Banker in den USA wird wieder einmal als Hebel benutzt, um dem Bankkundengeheimnis an den Kragen zu gehen. Und wie reagieren die offiziellen Sprecher des Bankenplatzes? Der Ball wird flachgehalten und die bestehende Gefahr kleingeredet. Wie damals will man keinen generellen Angriff auf den Schweizer Bankenplatz erkennen, was besonders irritierend ist, weil nun schon seit Monaten auch die EU Druck auf die Schweiz ausübt, um die verschwiegene Bank Schweiz zu knacken und möglichst viel von dem in der Schweiz verwalteten Geld wieder in die eigenen Kassen zu leiten. Lieber duckt man sich weg und hofft, dass sich das Ungemach irgendwie selber erledigt.
Nichts gegen eine positive Attitüde und selbstverständlich sind permanente Panikattacken weder hilfreich, noch dienen sie zur Lösung tatsächlicher Probleme. Aber die immer offensichtlichere Tendenz, Schwächen nicht anzuerkennen und die wirklich vorhandenen Herausforderungen beim Namen zu nennen, stimmt nachdenklich. Unser Hang zur Genügsamkeit und Leisetreterei mag in der historischen Erfahrung wurzeln, dass die Schweiz durch geschicktes Lavieren und durch geduldiges Aussitzen tatsächlich unbeschadet durch manche Krisen gekommen ist. Vor der Globalisierung kann sich aber am Ende des Tages niemand verstecken. Neue, selbstbewusste Nationen sind auf den Plan getreten, die von einer Sonderrolle der Schweiz nichts wissen wollen oder noch nie davon gehört haben. Das insulare Abseitsstehen wird zunehmend zur insularen Abseitsfalle.
Es ist eine wahre Freude, an internationalen Zusammenkünften junge, offene und abenteuerlustige Menschen aus jenen aufstrebenden Ländern zu treffen, die nicht bereit sind, «ehrenvolle Niederlagen» zu akzeptieren. Ein Satz wie ihn Köbi Kuhn nach dem frühen Ausscheiden der Schweiz formuliert hatte, man habe «nahe am Maximum» gespielt, würde ihrer optimistischen Winner-Mentalität völlig widersprechen.
Wir haben dagegen gelernt, auch unsere Verlierer hochleben zu lassen. Fröhlich feierten Tausende von Anhängern unsere helvetischen Fussballer, als sie nach den zwei Niederlagen wieder zum Aufgalopp auf dem Trainingsplatz erschienen. Und ausgelassener Jubel begleitete Köbi und seine Mannen, als sie nach der Kehraus-Partie gegen Portugal endgültig den Platz verliessen. Man hätte meinen können, sie hätten sich gerade die Qualifikation für die Viertelfinals gesichert. Niemand würde bestreiten, dass dies Balsam ist für die empfindliche Volksseele eines durch und durch psychotherapierten Landes. Aber auch ehrenvolle Niederlagen bleiben solche und kein Gesundbeten macht einen Sieg daraus.
Wir können es uns langfristig aber gar nicht leisten, das Mittelmass als Messlatte zu akzeptieren. Wir leben von unseren Talenten, unserem unbedingten Siegeswillen und unserer Überzeugung, dass die Überschaubarkeit der Schweiz nicht zur Kontemplation und Selbstgenügsamkeit einladen sollte. Wie in einem Labor müssen wir die richtige Medizin finden, die Sieger produziert und nicht das Verlieren angenehm macht. Gesundbeten jedenfalls wird uns nie auf das oberste Treppchen eines Wettbewerbes bringen, sondern uns höchstens einen Platz im Museum der verpassten Chancen sichern.
Oder wie Captain Alex Frei es treffend in seinem Interview mit der SonntagsZeitung formulierte: «Wir Schweizer müssen unbedingt lernen, nicht zu verlieren.»
Kaspar Loeb ist CEO der Schweizer Werbeagentur Saatchi & Saatchi Simko
