Märchen der Macht
Kolumne Das Ende einer politischen Kultur: Die Zeitungen verschwinden, weil sie von der Werbung nicht mehr gebraucht werden.
Kolumne Das Ende einer politischen Kultur: Die Zeitungen verschwinden, weil sie von der Werbung nicht mehr gebraucht werden.
Ob denn Auschwitz in der Schweiz liege, hatte unser Bundesrat Delamuraz ungläubig gefragt, als Mitte der neunziger Jahre die Vergangenheit unseres Landes im Krieg auf die Anklagebank der internationalen Öffentlich geriet. Unser nationales Gewissen Adolf Muschg schrieb über dieses Selbstgericht ein Buch. Das Begleichen der offenen Rechnungen – nicht nur der symbolischen – wurde eingefordert. Die Schweiz hat sie bezahlt, und sie hat den Bergier-Bericht bekommen. Was aber ist seither von der ganzen Debatte geblieben? Offensichtlich nicht viel. Das zeigte sich, als Bundesrat Couchepin den Nationalrat Dr. Mörgeli mit dem Auschwitz-Arzt Joseph Mengele verwechselte und verglich. Mörgeli war dann noch ein Stück unverfrorener, als er das Schweizer Fernsehen für sein Statement als Opfer nach Buchenwald bestellte. Das alles ist bekannt – mit den bekannten Folgen.Nur über das Fernsehen hat man viel zu wenig gesprochen. Wie kommt es, dass ein Deutschlandkorrespondent dazu bereit ist, Mörgeli in Buchenwald zu filmen? Und dann auch noch erklärt, es sei auf dem Parkplatz geschehen, wo es kein Drehverbot gebe. Fehlt inzwischen jegliche historische Sensibilität? Ist selbst ein Konzentrationslager als Kulisse für einen Selbstdarsteller salonfähig geworden? Die politische Unbedarftheit, die hier offenbar wurde, ist erschreckend. Und noch erschreckender ist, dass auch in der Redaktion niemand die barbarische Frivolität von Mörgelis Auftritt am Drahtzaun erkannte. Seinen lächelnden Triumph – gegen Couchepin – auf Kosten der KZ-Opfer?
SF-Chefredaktor Ueli Haldimann hat den Skandal nach aussen sehr geschickt gemanagt. Zur öffentlichen Selbstkritik sind Medien eh nie wirklich bereit. Es geht in diesem Fall aber um sehr viel mehr. Das sollte man ohne individuelle Schuldzuweisungen und Rechthaberei anerkennen – und nach dem Abflauen der individuellen Empörungen und der öffentlichen Erregung gründlich diskutieren. Vielleicht ist die (bislang) einmalige Fehlleistung tatsächlich das Symptom des kommenden Journalismus einer neuen Generation – und einer neuen Epoche: Jener des Internets, die das Zeitalter des Buchdrucks und der Zeitung ablöst.
Über sein Ende wird gegenwärtig in Frankreich debattiert. Zum einen wegen Sarkozy, der das Land in den letzten Monaten mit den Geschichten aus seinem Privatleben regierte. «Storytelling» wird das genannt, und es hat Methode. Es geht um die Märchen der Macht, die von allem anderen ablenken. Auch die seriösen Medien bleiben nicht verschont. Im Wahlkampf war die Entmachtung der Journalisten beklagt worden – seither sind die Verhältnisse nicht besser geworden. Dass sich die Medien gegenwärtig genauso brüsk von Sarkozy, dem sie zu Füssen lagen, abwenden, verweist letztlich auf die gleichen Mechanismen. Hysterie und Klatsch an allen Fronten. Keine Zeit zum Nachdenken, keine Distanz.
Nachrichten, Kommentare, Hintergrundberichte spielen im publizistischen Geschäft eine zunehmend geringere Rolle. Auf diesen Befund stützen sich zwei Medienexperten, die in der Zeitschrift Le Débat das Ende der Zeitungen verkündeten und damit auch den kulturellen Umbruch meinen. Der provozierende Aufsatz wurde zum Anlass für ein Kolloquium in der Bibliothèque Nationale in Paris. Zwar haben die Zeitungen für das vergangene Jahr leicht bessere Bilanzen vorgelegt. Die Auflagen stiegen – auch dank dem Wahlkampf. Die Defizite wurden reduziert. Am strukturellen Befund ändert das für die Débat-Autoren nichts: Es sei eine Mär zu glauben, neue Medien würden die alten nicht verdrängen, sondern ergänzen.
In Frankreich erreichen nur noch vier politische Tageszeitungen eine Auflage von 400’000 Exemplaren. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden täglich mehrere Millionen Zeitungen verkauft, nach 1945 gab es Dutzende von Titeln. Auch das «letzte Massenmedium» Fernsehen verliert an Reichweite. Das Interesse an Information schwindet in dramatischen Dimensionen – als Transportmittel für die Werbung wird sie nicht mehr gebraucht. Man kann die Konsumenten über das Internet billiger und auch attraktiver ansprechen. Yahoo, Google, YouTube erreichen einzeln mehr Zeitgenossen als alle Zeitungsportale zusammen.
Springer hatte ausführliche Marktstudien durchgeführt, um in Frankreich eine Boulevardzeitung wie Bild zu lancieren. Es gibt eine publizistische Marktlücke, die Zeitung könnte erfolgreich sein. Ein Problem stellt der Vertrieb dar: Es existieren zu wenige Verkaufsstellen. Springer verzichtete – und kaufte dafür das Internetportal aufeminin.com für 284 Millionen Euro. Mit Journalismus hat das weder in verlegerischer noch in publizistischer Hinsicht etwas zu tun.
Jürg Altwegg ist Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen in Genf.
