Manische Verteufelung
Aufgefallen Je tiefer ihre Popularitätsrate sinkt, desto mehr Lust zeigen Politiker und Manager am Medien-Bashing. Eine Unsitte, die in jedem Fall kontraproduktiv wirkt und zudem der Demokratie schadet.
Kolumne Je tiefer ihre Popularitätsrate sinkt, desto mehr Lust zeigen Politiker und Manager am Medien-Bashing. Eine Unsitte, die in jedem Fall kontraproduktiv wirkt und zudem der Demokratie schadet.Medien eignen sich gut als gesellschaftliche Gesamtschuldner: Das Fernsehen lasse die sexuellen Sitten verkommen, fördere die allgemeine Verrohung der Gesellschaft und trainiere mit seinen Gewaltdarstellungen die junge Generation geradezu in Fühllosigkeit und Inhumanität. So tönte es vom Sendebeginn des Mediums an und wurde jüngst in einer einschlägigen Sonntagsrede des deutschen Bundespräsidenten wieder einmal zu Gehör gebracht.Und wenn die über den Mattscheiben-Unrat Entrüsteten mal Pause machen, dann trifft es die Presse: Zurzeit sind Vorwürfe beliebt, welche die Zeitungen und Zeitschriften unter den Generalverdacht der Förderung von Politikverdrossenheit stellen. Ihre Dauerberichterstattung über die Skandale und das Versagen derer, die in Staat und Wirtschaft Verantwortung tragen, erzeuge ein gesellschaftspolitisches Klima des Misstrauens respektive der Verachtung und zerstöre damit die zivilen Voraussetzungen jedes Gemeinwesens. So lautet die Anschuldigung. Als besonders übel gilt den Betroffenen der so genannte Kampagnenjournalismus, von dem sie sich verfolgt und bedroht fühlen. Die rotgrüne Chaos–Kombo in Berlin intoniert diesen alten Gassenhauer selbst ernannter Medienopfer gerade wieder mit Inbrunst.
Nun könnte man über die rituelle Wiederkehr solcher Vorwürfe einfach die Achseln zucken und zum Tagesgeschäft übergehen. Wenn da nicht Gerhard Schröder jüngst noch nachgesetzt hätte: Die Bild-Zeitung, welche sich in den Tagen seines Regierungsantritts noch seiner Wertschätzung erfreute – schliesslich haben Ehefrau und Regierungssprecher dort ihren Journalismus gelernt –, ist neuerdings keine Gesprächspartnerin mehr für ihn. Auch die SPD-Bundestagsfraktion hat der Kanzler dazu aufgefordert, das Krawallblatt künftig in Acht und Bann zu schlagen. Ob Bild-Reporter bei Auslandsreisen noch dabei sein dürfen, gilt als äusserst fraglich.
Wer sich erinnern mag, stellt überraschende Parallelen zum Verhalten von Schröders Vorgänger fest. Was diesem die Bild-Zeitung ist, war für Helmut Kohl der Spiegel, den er fast keines Interviews würdigte und systematisch boykottierte. Damals galt diese Verweigerung als weiteres Zeichen für die provinziell-spiessige Beschränktheit des konservativen Pfälzers und sein fragwürdiges Verhältnis zu den Herstellerinnen und Herstellern von Öffentlichkeit. Jetzt zieht sein pseudolinker Nachfolger gleich, der sich bis anhin als weltläufiger «Medienkanzler» hat feiern lassen.
Wir lernen daraus, dass nicht die politische Orientierung über die Haltung zu den Medien entscheidet, sondern einzig das Amt. Kein Wunder also, schimpfte bereits Oskar Lafontaine, als er noch Ministerpräsident in Saarbrücken war, über den «Schweinejournalismus» jener Kollegen, die über seinen merkwürdigen Bekanntenkreis informiert hatten. Es ist eine Binsenwahrheit, die aber gerade heute nicht oft genug wiederholt werden kann: Die Empörung von Politikern und Managern über die Medien ist in neun von zehn Fällen immer die Empörung von Leuten, die dabei ertappt worden sind, dass sie ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind. Anstatt jedoch den Spiegel ihrer Pannen und Pleiten anzuspucken, sollten sie lieber in ihn hineinblicken. Und was sie da sehen können – in Deutschland jüngst wieder beim Kandidaten-Wrestling vor der Wahl des Bundespräsidenten –, müsste ihnen die beleidigte Pose einer verfolgten Unschuld eigentlich unmöglich machen.
Bevor sich simple Manipulationstheorien wieder durchsetzen, ist also daran zu erinnern, dass Medien Stimmungen und Trends nicht aus dem Nichts schaffen, sondern lediglich jenen Stoff zu Geschichten verarbeiten, der in einer Gesellschaft gärt.
> Heribert Seifert ist Medien- und Kulturkorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung in Deutschland.
Nun könnte man über die rituelle Wiederkehr solcher Vorwürfe einfach die Achseln zucken und zum Tagesgeschäft übergehen. Wenn da nicht Gerhard Schröder jüngst noch nachgesetzt hätte: Die Bild-Zeitung, welche sich in den Tagen seines Regierungsantritts noch seiner Wertschätzung erfreute – schliesslich haben Ehefrau und Regierungssprecher dort ihren Journalismus gelernt –, ist neuerdings keine Gesprächspartnerin mehr für ihn. Auch die SPD-Bundestagsfraktion hat der Kanzler dazu aufgefordert, das Krawallblatt künftig in Acht und Bann zu schlagen. Ob Bild-Reporter bei Auslandsreisen noch dabei sein dürfen, gilt als äusserst fraglich.
Wer sich erinnern mag, stellt überraschende Parallelen zum Verhalten von Schröders Vorgänger fest. Was diesem die Bild-Zeitung ist, war für Helmut Kohl der Spiegel, den er fast keines Interviews würdigte und systematisch boykottierte. Damals galt diese Verweigerung als weiteres Zeichen für die provinziell-spiessige Beschränktheit des konservativen Pfälzers und sein fragwürdiges Verhältnis zu den Herstellerinnen und Herstellern von Öffentlichkeit. Jetzt zieht sein pseudolinker Nachfolger gleich, der sich bis anhin als weltläufiger «Medienkanzler» hat feiern lassen.
Wir lernen daraus, dass nicht die politische Orientierung über die Haltung zu den Medien entscheidet, sondern einzig das Amt. Kein Wunder also, schimpfte bereits Oskar Lafontaine, als er noch Ministerpräsident in Saarbrücken war, über den «Schweinejournalismus» jener Kollegen, die über seinen merkwürdigen Bekanntenkreis informiert hatten. Es ist eine Binsenwahrheit, die aber gerade heute nicht oft genug wiederholt werden kann: Die Empörung von Politikern und Managern über die Medien ist in neun von zehn Fällen immer die Empörung von Leuten, die dabei ertappt worden sind, dass sie ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind. Anstatt jedoch den Spiegel ihrer Pannen und Pleiten anzuspucken, sollten sie lieber in ihn hineinblicken. Und was sie da sehen können – in Deutschland jüngst wieder beim Kandidaten-Wrestling vor der Wahl des Bundespräsidenten –, müsste ihnen die beleidigte Pose einer verfolgten Unschuld eigentlich unmöglich machen.
Bevor sich simple Manipulationstheorien wieder durchsetzen, ist also daran zu erinnern, dass Medien Stimmungen und Trends nicht aus dem Nichts schaffen, sondern lediglich jenen Stoff zu Geschichten verarbeiten, der in einer Gesellschaft gärt.
> Heribert Seifert ist Medien- und Kulturkorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung in Deutschland.
