Macho-Mauzereien

Kolumne Heute ist ein Mitglied der Regierung zu loben. Einmal ist kein Mal. Und was wiegt in Zeiten randalierender PR schon ein Lob, meint Oliver Fahrni.

Kolumne Heute ist ein Mitglied der Regierung zu loben. Einmal ist kein Mal. Und was wiegt in Zeiten randalierender PR schon ein Lob…Nein, nicht der Minister für und gegen Justiz. Den plagen andere Sorgen, Karikaturen etwa. Immerhin, er hat gerade zwei Abstimmungen gegen die Ausländer gewonnen, und das Thema wird er uns im Wahljahr 2007 in allen erdenklichen Variationen kredenzen, sekundiert vom willfährigen Teil der Journalisten. Keine geringe Leistung auch sein Opfer-Gestus. Er bastelt die Gesetze, er hat wirtschaftliche Macht, er gebietet über die grösste Kommunikationsmaschine, die je ein Politiker aus der Schweiz sein Eigen nannte, und eine Wochenzeitung und reichlich Platz in allen anderen Medien; der Mainstream ist neoliberal, die Regierung steht weit rechts, und die Gewinne der Konzerne blinken astronomisch – doch dieser Mann schafft es, die Schweiz als bedrohtes Land in den Klauen einer roten etatistischen Elite darzustellen. Wahrheitswidrig wie vieles an ihm. Eigentlich ein Fall für die Medien…Den Chapeau lüften wir hingegen kurz vor einer Bundesrätin: Aussenministerin Micheline Calmy-Rey ist die andere Schweiz. Beharrlich und gegen manche Anfeindung hat sie den israelischen Kriegszug im Libanon kritisiert (und den Angriff der Hizbollah), die Einstellung der Kämpfe gefordert, den schnellen Rückzug. In Palästina insistiert sie auf einer Verhandlungslösung (Genfer Initiative). Ein neuer Uno-Menschenrechtsrat ist unter ihrem Antrieb entstanden. Im diplomatischen Corps hat sie nach der Visa-Affäre aufgeräumt – persönlich, in Islamabad. Frauenrechte, auch im EDA, Kampf gegen den Menschenhandel, Reform der Vereinten Nationen, Konfliktvermeidung und Friedenssicherung, humanitäre Hilfe und Entwicklung – MCR setzt Akzente. Der Schweizer Präsenz bekommts. «In Menschen- und Völkerrechtsfragen haben wir eine grosse Glaubwürdigkeit. Wir können etwas leisten, viele Länder erwarten das von uns.»
Aktive Neutralität nennt sie das. Derlei irritiert, vorab jene Leisetreter, die denken, je niedriger das politische Profil des Landes sei, desto bessser lebe der Offshore-Finanzplatz. Dort zumindest ist die Schweiz heute global Nummer 1. Geschäftsgrundlage ist ein gezischtes «Pssst».
Nicht, dass Calmy-Rey grundlegende Positionen der Aussenpolitik revidieren würde – eher arbeitet sie am Vorhaben, dieses Selbstbild eines Landes der Freiheit und Menschenrechte in Deckung mit seiner Praxis zu bringen. Eine abweichende Stimme, etwa bei der bundesrätlichen Vertuschung der geheimen US-Gefangenentransporte, erhebt sie nicht – doch sie besteht bei jeder Gelegenheit auf der Verbindlichkeit internationalen Rechts.
Wahrscheinlich wäre dies alles für die Isolationisten nur halb so enervierend, kämen ihr Politik und Medien mit den üblichen Macho-Mauzereien bei. Zwar murmelte das helvetische Leitblatt kaum vernehmlich von emotionaler Politik, die nichts wisse von den militärischen Notwendigkeiten. Bei MCR verfängt derlei nicht. Noch weniger jeder Versuch, ihre Weiblichkeit gegen sie in Anschlag zu bringen, Frisur, Gatte oder Tenue vor sie zu stellen (nicht einmal in der Softcore-Version «erstaunlich, wie gut sie Emotionen und Professionalität zusammenbringt»). Sie hat die Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie gezähmt. Lächelnd-bestimmt, mitunter in weltläufiges Parlando gekleidet ist ihr Auftritt. Souverän im eigentlichen Sinne. Locker trägt sie eine Botschaft, die da lauten könnte: Kann sein, dass ich einen sehr guten Job mache, weil ich Frau bin. Bewegte Zeiten brauchen Staatsfrauen.
Vermutlich hat die Warenästhetik der Geschlechter keinen Zugriff auf sie, weil sie dies nicht macht, sondern ist. Zu beweisen hat die frühere Unternehmerin und Genfer Regierungschefin, Grossmutter und Ministerin nichts. Einen wie den SVP-Chef Ueli Maurer kann so etwas in Rage bringen. Man müsse Calmy-Rey das EDA wegnehmen, sagte er, als sie einen Schweizer Sitz im Uno-Sicherheitsrat ins Gespräch brachte. Hier ist Black&Decker-Land: Was an der Hecke über steht, was nach dem Licht sich streckt, wird sogleich gerade gestutzt. Könnte es sein, dass die Schweiz ihre Aussenministerin nicht verdient?
Oliver Fahrni ist freier Publizist, war bis 2001 stv. Chefredaktor der Weltwoche, danch Auslandchef der Hamburger Woche.

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