Macho gegen Big Mother
Kolumne Bikini Royal und Zirkus Sarkozy: Im französischen Wahlkampf um die Präsidentschaft spielen die Medien eine neue Rolle.
Kolumne Bikini Royal und Zirkus Sarkozy: Im französischen Wahlkampf um die Präsidentschaft spielen die Medien eine neue Rolle.Als ihre Kinder zur Welt kamen, hatte sich die Sozialistin Ségolène Royal im Wochenbett für Paris Match fotografieren lassen. Dass sie immer noch eine gute Figur macht, zeigte sie im vergangenen August: In der französischen Klatschpresse erschienen Fotos, die Ségolène Royal im blauen Bikini zeigen. So war noch nie eine französische Politikerin zu sehen gewesen. Die Genossen und die Gegner schäumten, keiner glaubte den Beteuerungen der Frau, die scharfen Bilder seien von einem Paparazzo aus dem Hinterhalt geschossen worden. Neben ihr sass der Generalsekretär der Partei, François Hollande, im Boot – der Lebensgefährte, der Vater ihrer Kinder.Als Antwort auf Ségolènes Busen liess der Innenminister Nicolas Sarkozy seine Muskeln spielen. Oben ohne liess sich der Rivale beim Joggen am Strand ablichten – mit Sonnenbrille und MP3-Player. Die Bodyguards, die ihn begleiteten, waren alle mit einem T-Shirt bekleidet. Er zeigte seinen straffen Bauch und publizierte ein Buch: Eine Liebeserklärung voller Kitsch an seine Frau Cecilia, die rechtzeitig zum Wahlkampf nach Hause zurückgekehrt war. Vor einem Jahr hatte Sarkozy eine Biographie seiner Gattin verbieten und 20 000 gedruckte Exemplare einstampfen lassen. Der Chefredaktor von Paris Match, der Cecilia mit einem Lover aufs Titelblatt gehievt hatte, wurde entlassen – und Peter Rothenbühlers Le Matin mit einem Prozess in Thonon eingedeckt.
Sarkozy ist mit allen wichtigen Verlegern und TV-Chefs befreundet. Sogar bei der serbelnden Libération, bei der inzwischen ein Rothschild der massgebliche Aktionär ist, konnte er verhindern, dass der renommierte Journalist Edwy Plenel Chef wurde – mit dem Konzept, eine «Anti-Sarkozy-Zeitung» zu machen.
Seine Terroristenfahndungen scheint er ausschliesslich nach dem Sendeschema des Fernsehens zu inszenieren, dessen Journalisten zahlreicher als die Polizisten vor Ort sind. Bei seinen Wahlveranstaltungen wird er von einer privaten Produktionsfirma gefilmt – deren Sequenzen auch vom staatlichen Fernsehen verwendet werden. Italien, Berlusconi? Nein, Frankreich mit einem Innenminister, der sich für Napoleon hält und die Medien beherrschen will. Er schürt die Ängste und präsentiert sich als letzte Instanz zur Abwehr der Gefahren.
Noch gefährlicher als die Royal ist für Sarkozy – Sarkozy selber. Die Ankündigung seiner Kandidatur geriet zum peinlichen Flop. Mit den Verlegern der Regionalpresse hatte er verhandelt, sechs Journalisten wurden zum Interview zitiert, 61 Zeitungen sollten es drucken. Doch viele haben sich geweigert, so Ouest France mit mehreren hunderttausend Exemplaren Auflage. Die Zeitungen, die dabei waren, fühlten sich instrumentalisiert – und die anderen ausgeschlossen. Einer hat das Interview Libération zugespielt – die es bereits am Tag zuvor ins Internet stellte.
Wer denn wohl die Kinder hüten werde, hatten Ségolènes Genossen und Gegner gespottet. Doch drei TV-Debatten hat sie relativ unbeschadet überstanden. Auch mehrere Attacken im Internet. Eine Szene aus einem Interview des längst verstorbenen Soziologen Pierre Bourdieu wurde kaum weniger oft angeklickt als Zidanes Kopfstoss. Sie sei gar keine Linke, sondern eine konservative Moralistin, erklärte der Soziologe des Klassenkampfs. Zu den Sozialisten ging sie, weil sie hier die besseren Karrierechancen – besonders für Frauen – erkannte. Freund filmt mit: Ein mit dem Handy gefilmter Auftritt Ségolènes bei einer nicht öffentlichen Besprechung gelangte ins Netz.
Es hat alles nichts genützt. Die Männer ihrer Partei hat sie per K.o. besiegt. Und im Umgang mit den Medien steht sie auch Sarkozy in nichts nach. Sie hat dem Fernsehen verboten, sie beim Essen zu zeigen. Gegen kritische Journalisten opponiert sie fast so autoritär wie Sarkozy. Eine Gegendarstellung verlangte sie «mit einem grossen Foto, das die Aufmerksamkeit der Leser auf sich zieht». Ein Medienkritiker befand, dass ihre TV-Auftritte wie ein «heidnischer Kult» inszeniert würden: «Niemand macht das Licht so hell wie Ségolène.»
Sie weiss, was inzwischen auch die Wähler wissen: Programme werden nicht verwirklicht, Versprechungen nicht gehalten – auf sie zu verzichten, muss kein Nachteil sein. Die Traumpaarung der Traumpaare macht den französischen Wahlkampf zum Machtdrama mit grossem Unterhaltungswert: Der nervöse Macho, der sich nicht im Zaume hält, gegen die «Big Mother» ohne Konzept, die sich als Beruhigungsmittel verkauft.
Jürg Altwegg ist Kulturkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen in Genf und Buchautor.
Sarkozy ist mit allen wichtigen Verlegern und TV-Chefs befreundet. Sogar bei der serbelnden Libération, bei der inzwischen ein Rothschild der massgebliche Aktionär ist, konnte er verhindern, dass der renommierte Journalist Edwy Plenel Chef wurde – mit dem Konzept, eine «Anti-Sarkozy-Zeitung» zu machen.
Seine Terroristenfahndungen scheint er ausschliesslich nach dem Sendeschema des Fernsehens zu inszenieren, dessen Journalisten zahlreicher als die Polizisten vor Ort sind. Bei seinen Wahlveranstaltungen wird er von einer privaten Produktionsfirma gefilmt – deren Sequenzen auch vom staatlichen Fernsehen verwendet werden. Italien, Berlusconi? Nein, Frankreich mit einem Innenminister, der sich für Napoleon hält und die Medien beherrschen will. Er schürt die Ängste und präsentiert sich als letzte Instanz zur Abwehr der Gefahren.
Noch gefährlicher als die Royal ist für Sarkozy – Sarkozy selber. Die Ankündigung seiner Kandidatur geriet zum peinlichen Flop. Mit den Verlegern der Regionalpresse hatte er verhandelt, sechs Journalisten wurden zum Interview zitiert, 61 Zeitungen sollten es drucken. Doch viele haben sich geweigert, so Ouest France mit mehreren hunderttausend Exemplaren Auflage. Die Zeitungen, die dabei waren, fühlten sich instrumentalisiert – und die anderen ausgeschlossen. Einer hat das Interview Libération zugespielt – die es bereits am Tag zuvor ins Internet stellte.
Wer denn wohl die Kinder hüten werde, hatten Ségolènes Genossen und Gegner gespottet. Doch drei TV-Debatten hat sie relativ unbeschadet überstanden. Auch mehrere Attacken im Internet. Eine Szene aus einem Interview des längst verstorbenen Soziologen Pierre Bourdieu wurde kaum weniger oft angeklickt als Zidanes Kopfstoss. Sie sei gar keine Linke, sondern eine konservative Moralistin, erklärte der Soziologe des Klassenkampfs. Zu den Sozialisten ging sie, weil sie hier die besseren Karrierechancen – besonders für Frauen – erkannte. Freund filmt mit: Ein mit dem Handy gefilmter Auftritt Ségolènes bei einer nicht öffentlichen Besprechung gelangte ins Netz.
Es hat alles nichts genützt. Die Männer ihrer Partei hat sie per K.o. besiegt. Und im Umgang mit den Medien steht sie auch Sarkozy in nichts nach. Sie hat dem Fernsehen verboten, sie beim Essen zu zeigen. Gegen kritische Journalisten opponiert sie fast so autoritär wie Sarkozy. Eine Gegendarstellung verlangte sie «mit einem grossen Foto, das die Aufmerksamkeit der Leser auf sich zieht». Ein Medienkritiker befand, dass ihre TV-Auftritte wie ein «heidnischer Kult» inszeniert würden: «Niemand macht das Licht so hell wie Ségolène.»
Sie weiss, was inzwischen auch die Wähler wissen: Programme werden nicht verwirklicht, Versprechungen nicht gehalten – auf sie zu verzichten, muss kein Nachteil sein. Die Traumpaarung der Traumpaare macht den französischen Wahlkampf zum Machtdrama mit grossem Unterhaltungswert: Der nervöse Macho, der sich nicht im Zaume hält, gegen die «Big Mother» ohne Konzept, die sich als Beruhigungsmittel verkauft.
Jürg Altwegg ist Kulturkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen in Genf und Buchautor.
