Liveticker, richtig getaktet?
Besonders grotesk war es bei den Spielen der Fussball-WM. Die Nachrichtenportale sendeten «Liveticker», also fortlaufende, minutengenaue (vermeintlich «minutiöse») Berichte über den Spielverlauf. Aber wozu eigentlich und für wen? Von Karl Lüönd
Wer das Spiel nicht am Fernsehen mitverfolgen konnte, etwa als Automobilist, hatte mit einiger Sicherheit einen Radiosender in Hörweite, der einem erzählte, was vorging – nicht so dramatisch und bildhaft wie seinerzeit Jean-Pierre Gerwig auf Radio Beromünster, aber immerhin. Wer also sollte die verhackstückten Online- Spielberichte wirklich nutzen? Die ganz fanatischen Fans vielleicht, um sofort per Twitter und Whats- App ihre Kommentare abzusetzen? Das wird den Werbekunden auf die Dauer nicht reichen.
Für mich bedeutet Live-Stream jede Menge Bäume, aber zu wenig Wald. Das Medium, nicht der Bedarf hat diese Darreichungsform kreiert. Push, nicht Pull! Die Geschwindigkeit und die praktisch kostenlose Veränderbarkeit des Internets im Minutentakt sind technische Möglichkeiten, die ausgenutzt werden, ob sie nun wirklich nützlich sind oder nicht. Es ist wie immer am Anfang von neuen Errungenschaften: Was möglich ist, wird mal gemacht. Später sortiert die meist wirtschaftlich diktierte Wirklichkeit die lockenden Optionen gnadenlos aus. Hier entscheidet wohl die Ökonomie der Aufmerksamkeit, die auf der Tatsache gründet, dass jeder Mensch nur über eine Lebenszeit von 24 × 60 Minuten am Tag verfügt. Noch immer steht Mediennutzung an der Spitze bei der Verwendung des Zeitdrittels, das der Durchschnittsmensch – neben Schlaf und Arbeit – für Erholung und Unterhaltung aufwendet. Aber die für die Medien reservierten Zeitfenster werden nicht mehr grösser. Alle sind herausgefordert, stärkere Reize zu setzen, genauer auf den Punkt zu kommen und immer mehr Nutzen in der gleichen Zeiteinheit zu stiften.
Am anderen Ende der Nachrichten-Wahrnehmung, in der grösstmöglichen Entfernung vom Live- Stream, steht – nicht nur bei älteren Leuten, wie ich nun mal vermute – die Nachfrage nach Zusammenfassung, Vertiefung und Hintergrund. Vorausgesetzt, ich habe nicht den ganzen Tag die Nerven und die Zeit, die Entwicklungen in Gaza und in der Ukraine mitzuverfolgen, möchte ich wenigstens am Abend die Fortschreibung des Tages beziehen. Gefragt ist das Gegenteil des Livetickers: der Digest, die Verdichtung.
Für andere, weniger dramatische Ereignisketten und Entwicklungen – etwa das Gezerre um die Autobahn- Maut in Deutschland – genügt selbst einem alten News-Junkie wie mir das wöchentliche Update (das ich, fast seit ich lesen kann, aus dem Spiegel beziehe.) Wenn ich versuche, komplexe Dauerthemen wie etwa das Verhältnis der Schweiz zur EU einzuordnen, schätze ich, müde vom langweiligen Gleichklang in den Tagi-, NZZ- und SRG-Medien, die manchmal klugen und manchmal lästigen Gegenpositionen der Weltwoche. Und wofür gibt es seit Jahr und Tag Titel wie die Bilanz oder den Beobachter, die von der Aktualität her dem «Hinkenden Boten » gleichen und dennoch mit ihren Hintergrundberichten und Analysen ihre Positionen behaupten? Als dritte matchentscheidende Dimension der Mediennutzung neben News und Vertiefung steht die Unterhaltung, die Freude am Unverhofften. Das fällt mir an mir selber jedes Mal auf, wenn ich in Berlin bin und frühmorgens die NZZ und den Tagi am Bildschirm «gelesen» habe, wofür ich zu meiner eigenen Verwunderung keine 20 Minuten pro Stück brauche. Aber wie oft habe ich mir am Kiosk schon den Tagesspiegel geholt (in der Hoffnung auf einen Martenstein) und die Süddeutsche (wegen des Streiflichts und der Seite 3) und die Taz sowieso, weil sie die intelligentesten und hintersinnigsten Titel setzt. Jedes Mal gebe ich Geld aus in der Hoffnung auf etwas Überraschendes.
Früher war Medienkonsum ein Menü. Gegessen wurde, was auf den Tisch kam: die NZZ oder die Freiburger Nachrichten oder was auch immer, und man ass sich von vorn nach hinten. Heute bedeutet Medienkonsum ein Buffet für Gäste, die eigentlich online und in den elektronischen Medien schon satt geworden sind.
Wer es versteht, sein Buffet mit unwiderstehlichen Häppchen zu bestücken und attraktiv zu dekorieren, oder wer die schönsten Desserts weit und breit anbietet, wird sein Publikum auch in Zukunft nicht suchen müssen. Das Problem ist nur: Die Buffetgäste sind schneller und launiger geworden, «schnäderfrässig», ungeduldig und weniger loyal denn je.
Karl Lüönd ist freier Publizist und Buchautor.
