Liaisons dangereuses
Gastkommentar Regionalverleger, die dem Tages-Anzeiger heute den kleinen Finger geben, werden morgen die ganze Hand verlieren, sagt Christian Rentsch voraus.
Gastkommentar Regionalverleger, die dem Tages-Anzeiger heute den kleinen Finger geben, werden morgen die ganze Hand verlieren, sagt Christian Rentsch voraus.Verzweiflung ist ein schlechter Ratgeber. Tamedia-Chef Martin Kall muss ziemlich verzweifelt sein, dass er sich auf einen Kampf einlässt, den er kaum gewinnen kann. Und der seinen schlechten Ruf als rücksichtslosen Medienstrategen festigt.Seine Analyse ist allerdings völlig richtig: Der Tages-Anzeiger, das Flaggschiff der Tamedia, sitzt gleich zwischen vier Felsen fest. Die starken und in ihren Homelands gut verankerten Lokalblätter Landbote, Zürichsee-Zeitung, Zürcher Unterländer und Zürcher Oberländer bilden einen Festungsring ums Stammgebiet des Tagi und verhindern so, dass dieser expandieren kann. Will er im so genannten Millionen-Zürich wachsen, muss er diesen Ring knacken.
Kall ist ein zu redseliger Machiavellist: Zwar flötet er zurzeit gern, es gehe ihm um «wie auch immer geartete Kooperationen». Aber jedem, der es hören will, sagt er zugleich, dass er die Landzürcher Konkurrenz aus dem Weg räumen will. Denn die Synergien solcher Zusammenarbeit seien vernachlässigbar, solange die Zeitungen selbstständig bleiben, weiter die Inseratehoheit haben und die eigenen Druckereien nutzen. Und zwei-, dreitausend zusätzliche Abonnenten spielen nicht einmal die Kosten einer neuen Lokalredaktion und einer höheren Auflage ein.
Das wissen auch die Regionalverleger. Für sie stellt sich also lediglich die Frage, ob ein um Lokalsplits erweiterter Tagi ihnen wirklich gefährlich werden kann. Die Antwort lautet nein. Ein Blick auf die Abstimmungs- und Wahlresultate dieser Bezirke zeigt es: Der sich urban gebärdende und immer noch als linksliberal missverstandene Tages-Anzeiger ist die falsche Zeitung für die ländliche, von FDP und SVP dominierte Agglomerationsbevölkerung. Und wem das rechtsbürgerliche Lokalblatt nicht genügt, liest ihn bereits heute.
Bleiben die viel wichtigeren Inserenten, das lokale Gewerbe. Und die Behörden, die entscheiden, welche Zeitung ihr amtliches
Publikationsorgan sein soll. Bloss: Warum soll das einheimische, rechtsbürgerliche Gewerbe im politisch unzuverlässigen Tages-Anzeiger inserieren, der im Zweifelsfall doch für städtische und gegen ländliche Interessen optiert? Und warum sollen Behörden, die in den Lokalzeitungen ideale Partner haben, den Tagi an deren Stelle setzen? In der Zürichsee-Zeitung etwa können sie weit gehend unhinterfragt und zum Teil sogar selbst über ihre Arbeit berichten, während sie beim Tages-Anzeiger immer damit rechnen müssen, dass ein Journalist etwas aufzudecken versucht.
Die Provinzpolitiker, welche jetzt das Mantra von der «belebenden Konkurrenz» herunterbeten, müssen sich im Klaren sein: Sollte Kalls Strategie aufgehen, gibt es in zehn Jahren in der Agglomeration von Zürich keine Meinungsvielfalt mehr, sondern nur noch den Tages-Anzeiger.
> Christian Rentsch war erst Leiter des Kultur- und dann des Medienressorts des Tages-Anzeigers. Nach dessen Abschaffung Anfang 2004 liess er sich frühpensionieren.
Kall ist ein zu redseliger Machiavellist: Zwar flötet er zurzeit gern, es gehe ihm um «wie auch immer geartete Kooperationen». Aber jedem, der es hören will, sagt er zugleich, dass er die Landzürcher Konkurrenz aus dem Weg räumen will. Denn die Synergien solcher Zusammenarbeit seien vernachlässigbar, solange die Zeitungen selbstständig bleiben, weiter die Inseratehoheit haben und die eigenen Druckereien nutzen. Und zwei-, dreitausend zusätzliche Abonnenten spielen nicht einmal die Kosten einer neuen Lokalredaktion und einer höheren Auflage ein.
Das wissen auch die Regionalverleger. Für sie stellt sich also lediglich die Frage, ob ein um Lokalsplits erweiterter Tagi ihnen wirklich gefährlich werden kann. Die Antwort lautet nein. Ein Blick auf die Abstimmungs- und Wahlresultate dieser Bezirke zeigt es: Der sich urban gebärdende und immer noch als linksliberal missverstandene Tages-Anzeiger ist die falsche Zeitung für die ländliche, von FDP und SVP dominierte Agglomerationsbevölkerung. Und wem das rechtsbürgerliche Lokalblatt nicht genügt, liest ihn bereits heute.
Bleiben die viel wichtigeren Inserenten, das lokale Gewerbe. Und die Behörden, die entscheiden, welche Zeitung ihr amtliches
Publikationsorgan sein soll. Bloss: Warum soll das einheimische, rechtsbürgerliche Gewerbe im politisch unzuverlässigen Tages-Anzeiger inserieren, der im Zweifelsfall doch für städtische und gegen ländliche Interessen optiert? Und warum sollen Behörden, die in den Lokalzeitungen ideale Partner haben, den Tagi an deren Stelle setzen? In der Zürichsee-Zeitung etwa können sie weit gehend unhinterfragt und zum Teil sogar selbst über ihre Arbeit berichten, während sie beim Tages-Anzeiger immer damit rechnen müssen, dass ein Journalist etwas aufzudecken versucht.
Die Provinzpolitiker, welche jetzt das Mantra von der «belebenden Konkurrenz» herunterbeten, müssen sich im Klaren sein: Sollte Kalls Strategie aufgehen, gibt es in zehn Jahren in der Agglomeration von Zürich keine Meinungsvielfalt mehr, sondern nur noch den Tages-Anzeiger.
> Christian Rentsch war erst Leiter des Kultur- und dann des Medienressorts des Tages-Anzeigers. Nach dessen Abschaffung Anfang 2004 liess er sich frühpensionieren.
