Lernprozess

René Worni über die schwankende Balance der Kräfte.

 
René Worni über die schwankende Balance der Kräfte.Wir erinnern uns: Im Herbst 2004 gaben NZZ und PubliGroupe ihre Kooperation bekannt. Damals hiess es, der erdbebengleiche Deal lasse bei den Medien im Grossraum Zürich keinen Stein auf dem anderen. Der NZZ war sozusagen über Nacht gelungen, drei begehrte Zürcher Landzeitungen an sich zu binden und weitere bereits zum Konzern zählende Titel wie etwa das St. Galler Tagblatt oder die Neue Luzerner Zeitung in der eigens dafür gegründeten Freien Presse Holding zu sammeln. Das NZZ-Credo lautete, die Unabhängigkeit der Regionalpresse zu stützen und zu fördern, und man sonnte sich, gewohnt sophisticated, im Lichte einer Retterin der Pressevielfalt. Ein Modell redaktioneller Zusammenarbeit, genannt Pressenetz, würde ausserdem der Regionalpresse kostengünstigen Content-Austausch erlauben und garantieren, dass die Redaktionen nicht bis auf die Knochen blankgespart werden müssten. Vor so viel Cleverness erschien der Branche Konkurrentin Tamedia strategisch weit im Abseits. Mit dem Bau eigener Regionalredaktionen griff man zu robusten Mitteln gegen die Landzeitungen, um allmählich aus der Defensive zu kommen.
Und heute? Die Schauplätze haben sich geändert, die Wettbewerber auch und mit ihnen das Gleichgewicht der Kräfte. Tamedia hat sich Espace einverleibt und wird – wer hätte das geahnt – im Verbund mit der Basler Zeitung ein Sammelbecken für die dazugehörenden Medien bilden, im Kern die voraussichtlich grösste Schweizer Medien-Plattform im Internet, verknüpft mit einer weiteren Neuplatzierung im gegenwärtigen Dickicht der Gratisblätter. Offenbar hat man bei Tamedia Wichtiges gelernt, wohl nicht zuletzt vom strategischen Verständnis an der Falkenstrasse. Man beherrscht jetzt alle Schattierungen denkbarer Kooperationen, solange beide Seiten davon profitieren. Da braucht sich der Stärkere seinen Partner nicht gleich einzuverleiben.
Heute ist es die NZZ, die im Abseits steht und sich Gedanken machen muss, was sie der rasant wachsenden Marktmacht der Werdsträssler entgegenhalten will. Dass sie mit der Publicitas im selben Boot fährt, mag einigen zudem als Schönheitsfehler erscheinen. Für viele Verlage ist die P nicht mehr sexy, sie gehen heute eigene Wege, wenn sie der Werbewirtschaft attraktive Angebote machen wollen.
> René Worni, Redaktor

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