Le Blick des Romands
René Worni über die letzte Pressenische der Westschweiz.
René Worni über die letzte Pressenische der Westschweiz.
Lokal ist hip. Besonders in Amerika – wo denn sonst. Seit einiger Zeit ist dort im Journalismus «strictly local» ein waschechter Trend, an dem kein Zeitungsverleger vorbeikommt. Der mediale Blick in Nachbars Garten gilt gar als letzter Hoffnungsträger gegen den Niedergang der krisengebeutelten US-Presse. Zeitungsriese Gannett mit USA Today und 85 Lokalblättern machts vor. Gannetts Lokalkonzept gilt auch im Vorarlberg des Eugen A. Russ und seinem Vorarlberger Medienhaus als wichtiger Innovationstreiber. Wer heute durch Vorarlberg fährt, gerät bestimmt in die Fänge eines mobilen Journalisten, eines «MoJo», die rund um die Uhr jede noch so kleine Bewegung kartografieren. Die hiesigen Verleger pilgerten sämtlich zur Inspiration nach Vorarlberg. Und natürlich zu Urs Gossweiler, der sich mit seiner Jungfrauzeitung bereits zu Lebzeiten in der hiesigen Branche ein Denkmal gesetzt hat. Vor diesem Hintergrund ist die Schliessung der redaktionellen Aussenstellen beim Westschweizer Le Matin praktisch ein antizyklischer Krebsgang. Doch Matin-Chef Peter Rothenbühler hat nicht gut lachen und sitzt in der Bredouille. Die angestammte und teilweise vom französischen Pressezar Philippe Hersant gesteuerte Lokalpresse hält die Romandie engmaschig im Griff. Die Gratistitel (Le Matin bleu auch noch – parbleu! – aus eigenem Hause) sahnen die überregionalen Themen locker zum Nulltarif ab. Da bleibt wohl nur noch der Schritt zum echten (zum echten?) Boulevard – notabene à la Blick. Rothenbühler betet bereits brav Ringiers Blick-Credo nach, alles müsse magaziniger werden.
Anlässlich der Euro 08 haben Le Matin und Blick schon den Ernstfall erprobt: Man hat redaktionelle Artikel ausgetauscht und in einem gemeinsamen Inseratenkombi Anzeigen verkauft. Über solches Kombinieren gegen den gemeinsamen Feind Tamedia (u. a. 20 minuten/s) freut man sich bei Edipresse und Ringier wohl gleichermassen und im Hinblick auf einen längeren Schulterschluss.
Nach dem Relaunch von Le Matin vom kommenden September dürften die beiden Blätter kaum mehr voneinander zu unterscheiden sein. So gesehen braucht der Matin auch kein Büro in Zürich. Denn an der Dufourstrasse sind bei Bedarf immer ein paar Rechner frei.
René Worni, Redaktor
