Kuchen und Spielereien

Frederick Rossmann führt neben seinem Wirken als Creative Director der TBWA\ Zürich auch noch ein zweites Leben als Künstler und Illustrator. An der Grafik 13 im Maag-Areal hat er soeben bei einem Kunstmarathon ein Bild von 28 Quadratmetern geschaffen.

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Frederick Rossmann hat als 14-Jähriger schon Comics für eine Zeitung gezeichnet. Nach der Kunstgewerbeschule und einer Lehre als Grafiker jobbte er auch bei Ogilvy in Mexiko, bei JWT/Fabrikant und Contexta. Heute ist er Creative Director bei TBWA im Zürcher Seefeld.
 
Was den Kleinen zu Hause verboten wird, lebt Fredinko alias Frederick Rossmann an der Grafik 13 frei aus: Er bemalt während der gesamten Werkschau eine Wand von 4 Meter × 7 Meter. Stück für Stück entsteht ein Unikat, von dem er auch sich selber überraschen lässt», hiess es in der Einladung auf www.grafik-schweiz.ch. «Ich mache gerne Sachen, welche die Leute unterhalten », freut sich Frederick Rossmann inzwischen über den Erfolg seiner Idee. «Ich wollte an der Vernissage nicht nur Besucher, die mit Cüplis in der Hand mehr oder weniger gelangweilt herumstehen. Sie sollten sich auch selber einbringen.» Deshalb hat der Illustrator in der Maag-Halle eine Tafel mit dem Aufruf «I need help» aufgestellt und das Publikum aufgefordert, seine Zeichnungen auszumalen. Und tatsächlich haben sich die Besucher nicht zweimal bitten lassen.
 
«Die Leute haben begeistert mitgemacht. Nach drei Tagen gab es keinen einzigen weissen Flecken mehr auf der 28 Quadratmeter grossen Leinwand», erzählt Frederick Rossmann beim späteren Gespräch in der TBWA in Zürich. In dieser Agentur im Seefeld ist er seit 2008 verantwortlich als Creative Director. Und auch sein ganzes Team zeigt sich stolz, wenn Rossmann auf Youtube das Making-of «Fredinko Collaborative Painting Project at Grafik 13» anklickt, mit dem «time lapse»-Film von seinem Kunstwerk. Die Grafik 13 gab am Wochenende vom 23. März Einblick in die aktuelle Schweizer Grafikszene. Beim Kunsthappening präsentierten «die 100 besten Schweizer Grafiker, Illustratoren, Typografen und Designer» ihre Arbeiten aus dem letzten Jahr. Die Werkschau fand zum zweiten Mal statt und will die Tendenzen im Schweizer Grafik Design aufzeigen und einem breiten Publikum bekannt machen. «Durch Internet und die Digitalisierung werden die Grenzen zwischen Grafik Design und den benachbarten Disziplinen wie Kunst oder Illustration immer verschwommener», meinen die Veranstalter. Deshalb nennt sich die Show «Grafik und junge Kunst».

Fast ein Profi schon mit 14 Jahren

Dass er sich irgendeinmal in dieser Szene bewegen will, wusste Frederick Rossmann bereits in ganz jungen Jahren. Seine ersten Schritte machte Frederick Rossmann in Deutschland. Mit sechs Jahren ist er mit seiner Familie «von einer grossen Stadt in die Berge umgezogen». In Glarus fand er sich wieder «in einer schönen heilen Welt». Aber alles schien ihm mehr oder weniger monoton. Die Rettung für seine nach Fantasie dürstende Psyche war nur ein einziger «bunter Hund». Der Rest der Bergbevölkerung nahm diesen wahr als «komischen Vogel». Mit anderen Worten: «Der Typ hatte eine Werbeagentur.» Und Urs Schönbächler mit seiner inzwischen nicht mehr existenten Agentur namens Lapsus hat schliesslich das kreative Talent von Rossmann entscheidend gefördert.
 
Selber entdeckt hat Teenager Frederick seine Lust am Gestalten bereits 1989 mit 14 Jahren. «Zusammen mit meinem Bruder habe ich jeweils am Mittwochnachmittag die Jugendseite für die Glarner Nachrichten gestaltet.» Den Job haben sie als Nachfolger vom heute bekannten TV-Moderator Patrick Rohr übernehmen können. «Wir schlugen vor, es wäre cool, wenn wir auf der Jugendseite einen Comic einführen könnten», erinnert sich Frederick Rossmann. Heute meint er, das wären zwar meistens nur zeichnerisch umgesetzte Witzchen gewesen. Trotzdem war die Erfahrung sehr wertvoll. «Wir konnten unserer Fantasie völlig freien Lauf lassen und haben dabei autodidaktisch viel über Grafik gelernt, weil wir sogar das Layout selber machen mussten.» Für die Technik des Zeichnens hat sich Frederick von seinem Vater beeinflussen lassen. Der Architekt gab ihm den Rat: «Es braucht keine Begabung. Man muss scharf denken, beobachten und analysieren. Wenn man versteht, wie etwas aufgebaut ist, dann kann man es auch auf Papier bringen.» Das sei halt «Architektensprache» gewesen, lächelt CD Rossmann im Nachhinein über diese ersten Tipps rund um sein künstlerisches Wirken. Die Comics in der Zeitung haben allerdings überzeugen können. Der «komische Vogel» von Lapsus wurde aufmerksam auf das Talent und hat Rossmann grosszügig angeboten, gleich ein ganzes Buch zu illustrieren. Später folgten zwei weitere und schliesslich auch ein Set mit Jasskarten für eine Pinselfabrik. «So bin ich in die Werbung gekommen.»

Trotz immer mehr Aufträgen fühlte sich der autodidaktische Grafiker aber noch nicht ganz wohl bei dieser Sache. «Ich wusste, dass ich auch noch eine Ausbildung machen muss, wenn ich einmal in der obersten Liga mitspielen will.» So hat Rossmann nach seiner Matura in Glarus noch einmal ein Jahr an der Kunstgewerbeschule in Zürich angehängt. Weil ihm seine Geburtsstadt auch noch ein bisschen weniger monoton als die Bergwelt in Glarus vorgekommen ist, hat er im Anschluss an die Schule Bewerbungen an diverse Agenturen verschickt. Bei Remy Fabrikant hat er mit dem Angebot für ein Praktikum angebissen. Nach ein paar Wochen allerdings haben ihn die Berge wieder zurückgeholt. Oder zumindest das besser bezahlte Angebot bei der Agentur Die Bündner. Dafür musste Rossmann in Chur mit einem Anzug zur Arbeit erscheinen. «Wir hatten auch Kundenkontakt, deshalb wollte der CD, dass wir anständig angezogen sind.»

Der Junior Grafiker investierte bei C&A 250 Franken in eine passende Arbeitsuniform inklusive Krawatte und hätte wohl am Fuss der Alpen Karriere machen können, wenn nicht auch Remy Fabrikant noch einmal nachgebessert hätte. «In Chur habe ich sehr viel gelernt, weil ich alles selber machen musste. Ich habe Briefings entgegengenommen, Ideen entwickelt, Schlagzeilen getextet und nach dem Gestalten der Sujets oder Prospekte auch alle Arbeiten in der Druckstufe durchgezogen. In meinem jugendlichen Leichtsinn hätte ich mich wohl bald einmal selbstständig gemacht.» Aber Rossmann ahnte: «Dann wäre ich vielleicht irgendwann als ein Feld- und Wiesengrafiker glücklich geworden.» Remy Fabrikant wusste das zu verhindern mit einem Angebot für eine Lehre als Grafiker bei JWT. Obwohl bereits 23 Jahre alt, liess sich Rossmann auf den Deal ein und wirkte die nächsten drei Jahre auf dem Maag-Areal. Sein Fleiss wurde belohnt mit der besten Lehrabschlussprüfung «schweizweit».

Später hat sich Frederick Rossmann auch noch an der Kreativschule weiterentwickelt. Er wurde Art Director bei JWT, arbeitete für Heineken, Nestlé, Cailler und später bei Contexta für «Beck & Bondi». Während all dieser Engagements war es für den AD aber mehr als ein Anliegen, immer auch selber noch Kunst zu machen. «Ich habe weiterhin für Zeitungen und Zeitschriften illustriert.» Und weil in all seinen Arbeiten ein Humor nicht zu übersehen ist, konnte der Designer auch noch als Gagschreiber für eine Show beim Schweizer Fernsehen landen. Und immer wieder zwischen all diesen Aktivitäten lockte den Ex-Bergler die weite Welt. Rossmann reiste durch Zentralamerika und blieb in Mexiko hängen. Und er reiste noch ein paar weitere Male, nachdem er in Übersee seine heutige Frau kennen lernen durfte. Die Aufenthalte in Mexiko hat er auch noch genutzt, um dort bei Ogilvy in unregelmässigen Abständen als Freelancer zu jobben. «Die Agentur war sehr kreativ. Aber ich konnte sofort ein Problem bei der Execution feststellen.» So wurde Rossmann «vom Fleck weg» als Berater engagiert, um den Output zu optimieren und die Agentur auch für Awards in Mexiko fit zu machen.

Inzwischen sind die Reisen etwas seltener geworden, seit seine Frau Brenda in die Schweiz gezogen ist und mit Frederick einen kleinen Sohn hat. Ein zumindest kulinarischer Hauch von Mexiko ist aber geblieben mit dem Projekt Monroyal Cakes. «Das ist ein Brand, den wir gemeinsam aufziehen wollen», erklärt der Werber. Eingemietet in eine Bäckerei, fabriziert Brenda heute ein täglich frisches Sortiment von zehn Sorten Gebäck. Verkauft wird die Patisserie in der neu eröffneten Say Chocolate Boutique in der Europaallee beim Bahnhof Zürich. Das neue Engagement passt genau in die Philosophie von Frederick Rossmann, die er auch in Bezug auf die Entwicklung von Werbung sieht. «Wir wissen nicht, wo die Werbung hinführen wird. Sicher ist, dass wir unser Publikum nicht langweilen wollen. Deshalb werden wir uns künftig vermehrt einmischen, wenn es darum geht, das Produkt oder Angebot eines Kunden zu optimieren» ist Rossmann überzeugt. Bei TBWA wird diesem Ansatz Rechnung getragen mit einem neuen Claim. «Create», heisst das Motto schlicht aber nicht einfach. Die Meinung ist, dass aus der spezialisierten Werbeagentur kontinuierlich eine ganz allgemeine «Schöpfungsanstalt » werden soll. Ein Ort, wo Frederick Rossmann sich unbewusst schon seit Jahren zu Hause fühlt.

Andreas Panzeri

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