Kommunizieren statt simulieren
Gastkommentar Das Werbemekka Zürich mutiert langsam, aber sicher zur Schweizer «Sim-City», fürchtet Hansruedi Schiesser.
Gastkommentar Das Werbemekka Zürich mutiert langsam, aber sicher zur Schweizer «Sim-City», fürchtet Hansruedi Schiesser.
Ich bin Simulationsberater. Früher war ich Kommunikationsberater. Noch früher – als Kind – lernte ich auf dem Fussballplatz, was ein Simulant ist und tut. Anders als heute in der Kommunikationsbranche machte eine Schwalbe damals jedoch noch keinen Frühling.Manchmal bringt Simulation Stimulation. Nur finden die meisten Scheinkommunikanten heute nicht mal mehr die richtige Stimmlage. Orchestriert, nein: dirigiert wird diese gesamtgesellschaftliche Kakofonie durch unsere Branche. Die ist auch hauptverantwortlich für die Informationsthrombosen, an denen unsere Wirtschaft leidet.
Je einfallsloser die Konzepte, desto scheinhafter ihre (Konkurrenz)
Präsentation. Kürzlich war ich Jurymitglied an einem für Zürich wichtigen Pitch: 90 Prozent der Zeit und Energie wurden für die Simulation von ach so überraschenden und überzeugenden Grundideen verwendet. Ja, semantisches Pathos kann eine tragende Idee oft ersetzen. Die Welt will betrogen sein, wer wüsste das besser als die Werber.
Damit Sie jetzt aber nicht meinen, «Zürich – Sim-City» sei die heimliche Hauptstadt dieser Bewegung: Simulationen gibts überall – nicht nur auf dem Flughafen. Angehende Marketingplaner absolvieren dort tatsäch-lich bereits einen «Simulationstest»: Früh übt sich … Und kürzlich referierte Bundesrat Deiss in Graubünden über Innovationen; Hauptsache, niemand spannt, was du nicht kannst.
Von den Schweizer Parteien lässt sich diesbezüglich einiges lernen. Ein besonders groteskes Schmankerl ist die simulierte Führungsstärke der Parteichefs. Ist der höchste Level von Simulation also Lüge? So gesehen verdienen wir unseren Blocher. Der alte Dampfplauderer Stöhlker sagte ja immer, dass wir einen Führer brauchen. Ich weiss, ich weiss: Politkommunikation darf nicht so
authentisch sein, wie Nelson Mandela ist, sondern so wie Harry Hasler sein möchte. Drum haben wir jetzt auch einen Bundesrat für die Harry Haslers der Wirtschaft.
Vor einigen Jahren hielt ich an einer Wirtschaftshochschule einen Vortrag über Inszenierungen im Tourismus. Mit ironischen Power-Point-Folien und übergenauen Marktdaten, wonach 83 Branchenprozent der Meinung wären, Inszenierungen seien das Marketinginstrument der Zukunft. Dieser Nonsens wurde hernach verschiedentlich ernsthaft zitiert. Sprich: Von signifikanter Prätention und Pseudowissenschaftlichkeit lassen sich Journalisten wie Manager reihenweise blenden.
Selbst das Bündner Plättli im Zürcher Restaurant Kunsthaus heisst neuerdings «Inszenierung». Unwahrscheinlich, dass Jean Baudrillard, der den Begriff «Simulacrum» prägte, dort je zum Zvieri war. Demzufolge ist letztlich alles Schein und wir Teil einer universalen Simulation. Dessen ungeachtet plädiere ich für etwas mehr alte, ehrliche Kommunikation im schon nicht mehr ganz so neuen Jahr. Denn doch, es gibt eine reale Welt – sagte die Matrix zu Obelix.
> Hansruedi Schiesser ist Inhaber von Trimarca Kommunikation, Chur.
Ich bin Simulationsberater. Früher war ich Kommunikationsberater. Noch früher – als Kind – lernte ich auf dem Fussballplatz, was ein Simulant ist und tut. Anders als heute in der Kommunikationsbranche machte eine Schwalbe damals jedoch noch keinen Frühling.Manchmal bringt Simulation Stimulation. Nur finden die meisten Scheinkommunikanten heute nicht mal mehr die richtige Stimmlage. Orchestriert, nein: dirigiert wird diese gesamtgesellschaftliche Kakofonie durch unsere Branche. Die ist auch hauptverantwortlich für die Informationsthrombosen, an denen unsere Wirtschaft leidet.
Je einfallsloser die Konzepte, desto scheinhafter ihre (Konkurrenz)
Präsentation. Kürzlich war ich Jurymitglied an einem für Zürich wichtigen Pitch: 90 Prozent der Zeit und Energie wurden für die Simulation von ach so überraschenden und überzeugenden Grundideen verwendet. Ja, semantisches Pathos kann eine tragende Idee oft ersetzen. Die Welt will betrogen sein, wer wüsste das besser als die Werber.
Damit Sie jetzt aber nicht meinen, «Zürich – Sim-City» sei die heimliche Hauptstadt dieser Bewegung: Simulationen gibts überall – nicht nur auf dem Flughafen. Angehende Marketingplaner absolvieren dort tatsäch-lich bereits einen «Simulationstest»: Früh übt sich … Und kürzlich referierte Bundesrat Deiss in Graubünden über Innovationen; Hauptsache, niemand spannt, was du nicht kannst.
Von den Schweizer Parteien lässt sich diesbezüglich einiges lernen. Ein besonders groteskes Schmankerl ist die simulierte Führungsstärke der Parteichefs. Ist der höchste Level von Simulation also Lüge? So gesehen verdienen wir unseren Blocher. Der alte Dampfplauderer Stöhlker sagte ja immer, dass wir einen Führer brauchen. Ich weiss, ich weiss: Politkommunikation darf nicht so
authentisch sein, wie Nelson Mandela ist, sondern so wie Harry Hasler sein möchte. Drum haben wir jetzt auch einen Bundesrat für die Harry Haslers der Wirtschaft.
Vor einigen Jahren hielt ich an einer Wirtschaftshochschule einen Vortrag über Inszenierungen im Tourismus. Mit ironischen Power-Point-Folien und übergenauen Marktdaten, wonach 83 Branchenprozent der Meinung wären, Inszenierungen seien das Marketinginstrument der Zukunft. Dieser Nonsens wurde hernach verschiedentlich ernsthaft zitiert. Sprich: Von signifikanter Prätention und Pseudowissenschaftlichkeit lassen sich Journalisten wie Manager reihenweise blenden.
Selbst das Bündner Plättli im Zürcher Restaurant Kunsthaus heisst neuerdings «Inszenierung». Unwahrscheinlich, dass Jean Baudrillard, der den Begriff «Simulacrum» prägte, dort je zum Zvieri war. Demzufolge ist letztlich alles Schein und wir Teil einer universalen Simulation. Dessen ungeachtet plädiere ich für etwas mehr alte, ehrliche Kommunikation im schon nicht mehr ganz so neuen Jahr. Denn doch, es gibt eine reale Welt – sagte die Matrix zu Obelix.
> Hansruedi Schiesser ist Inhaber von Trimarca Kommunikation, Chur.
