Kein Watergate in Paris
Wegen eines Enthüllungsskandals tritt kein französischer Staatspräsident zurück. Schon gar nicht Sarkozy. Etwas hat sich doch geändert: In der jüngsten Staatsaffäre hat eine Online-Zeitung die traditionelle Presse abgelöst. Gastkommentar von Jürg Altwegg, Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Genf.
Paris ist nicht Washington, und an der Seine gibt es kein Watergate. Sonst hätten sowohl Mitterrand wie Sarkozy zurücktreten müssen – als Opfer des Journalisten Edwy Plenel. Sein jüngster Streich: Er hat den Skandal um Liliane Bettencourt und den Minister Eric Woerth ins Rollen gebracht. Er veröffentlichte in seinem Internetportal Mediapart die Abhörprotokolle, aus denen hervorgeht, dass die reichste Französin dem Politiker Briefumschläge mit Geld übergab. Woerths Frau war in der Vermögensverwaltung für die Oréal-Mehrheitsaktionärin tätig, ihr Chef bekam von Monsieur le Ministre die Fremdenlegion. Gab es im Gegenzug für das Bargeld Steuernachlass und Nachsicht bei der Verfolgung der Steuerhinterziehung. Den Staat interessieren die Ereignisse um die Familie Bettencourt auch deshalb, weil die greise Dame ihrem Gigolo mehr als eine Milliarde geschenkt hat. Die Tochter will sie unter Vormundschaft stellen – der Prozess läuft.
Seit Wochen schwelt die Staatsaffäre. Fast täglich legt Plenel nach, sogar sonntags. Am 15. August, an dem die Sommerflaute ihren Kulminationspunkt erreicht und der Nachrichtenpegel gegen null tendiert, veröffentlichte er wieder eine abenteuerliche Geschichte über den Minister. Er habe bei einem Bankkredit zur Finanzierung einer Wahlkampagne geschummelt. Mit grotesken Details. Am Montag waren sie in fast allen Zeitungen zu lesen.
Keine Ferien für Edwy Plenel. Er hat den Ruf eines Fanatikers. Seine journalistische Laufbahn begann beim linksextremen Kampfblatt Rouge. Wie viele Angehörige seiner Generation war Edwy Plenel Trotzkist – der Einfluss dieser linksextremen Seilschaften in den Pariser Medien ist nach wie vor spürbar. Zweieinhalb Jahrzehnte arbeitete Plenel bei Le Monde und wurde die Nummer zwei. Mit der Greenpeace-Affäre brachte er in den Achtzigern Mitterrand in Bedrängnis und zwang den Verteidigungsminister Charles Hernu zum Rücktritt. Mitterrand liess Plenels Telefon abhören: aus Angst nicht vor politischen, sondern privaten Enthüllungen bezüglich seiner unehelichen Tochter.
Beim Monde musste Edwy Plenel wegen ideologischer Differenzen und seiner berechtigten Vorbehalte gegenüber der ruinösen Expansionsstrategie den Hut nehmen. Mit der ansehnlichen Abgangsentschädigung gründete er 2008 die Online-Zeitung Mediapart, die zum besten Infoportal des Jahres 2010 gewählt wurde. Renommierte Journalisten, die wegen der Pressekrise ihre Stelle verloren, sind mit dabei – erfahrene Redaktoren im Vorruhestand. Noch ist das finanzielle Gleichgewicht nicht gefunden. Aber inzwischen hat Mediapart 30 000 zahlende User – Tendenz steigend. Nächs-tens will man in die schwarzen Zahlen kommen.
Die Regierungspartei hat nach den Enthüllungen bei Google Links gesponsert, um die eigene Sicht besser zu verkaufen. Abstreiten, lügen, verunglimpfen und Siegessicherheit markieren lautet die Parole. Pauschal wurden das Internet und im besonderen Mediapart als faschistisch verschrien. Doch die-se Masche zieht nicht mehr. Die Wut des Volkes, die sich im Internet entfaltet, wird nur noch grösser und ist nicht mehr zu kontrollieren. Angesichts der sys-tematischen Lügen haben sich die Gerüchte – wie einst um Mitterrands Doppelleben – nur zu oft als wahr erwiesen.
Die Politik und die Medien, deren Nähe und Kungeleien die Glaubwürdigkeit aller untergraben, sind zu Recht nervös. In der Geschichte des französischen Journalismus stellt die laufende Affäre einen Wendepunkt dar. Seriöse Internetportale wie Mediapart gibt es mehrere, Rue.89 und weitere. Mehr als in anderen europäischen Ländern. Ihr Erfolg hat auch mit dem Versagen der traditionellen Presse zu tun. Sie recherchieren und haben keine Berührungsängste. Und dafür ist eine Minderheit auch zum Zahlen bereit.
Darauf hat Edwy Plenel gehofft und gesetzt, als er Mediapart gründete. Sarkozy nannte er dieser Tage einen «Verfassungsdelinquenten». Als «veritablen Delinquenten des Journalismus» bezeichnet die Regierung ihren gefährlichsten Kritiker. Plenel kann es nur recht sein. Er findet nach seinem erzwungenen Abgang beim Weltblatt im neuen Medium zu seiner Lieblingsrolle zurück: Ich gegen den Präsidenten.
Seit Wochen schwelt die Staatsaffäre. Fast täglich legt Plenel nach, sogar sonntags. Am 15. August, an dem die Sommerflaute ihren Kulminationspunkt erreicht und der Nachrichtenpegel gegen null tendiert, veröffentlichte er wieder eine abenteuerliche Geschichte über den Minister. Er habe bei einem Bankkredit zur Finanzierung einer Wahlkampagne geschummelt. Mit grotesken Details. Am Montag waren sie in fast allen Zeitungen zu lesen.
Keine Ferien für Edwy Plenel. Er hat den Ruf eines Fanatikers. Seine journalistische Laufbahn begann beim linksextremen Kampfblatt Rouge. Wie viele Angehörige seiner Generation war Edwy Plenel Trotzkist – der Einfluss dieser linksextremen Seilschaften in den Pariser Medien ist nach wie vor spürbar. Zweieinhalb Jahrzehnte arbeitete Plenel bei Le Monde und wurde die Nummer zwei. Mit der Greenpeace-Affäre brachte er in den Achtzigern Mitterrand in Bedrängnis und zwang den Verteidigungsminister Charles Hernu zum Rücktritt. Mitterrand liess Plenels Telefon abhören: aus Angst nicht vor politischen, sondern privaten Enthüllungen bezüglich seiner unehelichen Tochter.
Beim Monde musste Edwy Plenel wegen ideologischer Differenzen und seiner berechtigten Vorbehalte gegenüber der ruinösen Expansionsstrategie den Hut nehmen. Mit der ansehnlichen Abgangsentschädigung gründete er 2008 die Online-Zeitung Mediapart, die zum besten Infoportal des Jahres 2010 gewählt wurde. Renommierte Journalisten, die wegen der Pressekrise ihre Stelle verloren, sind mit dabei – erfahrene Redaktoren im Vorruhestand. Noch ist das finanzielle Gleichgewicht nicht gefunden. Aber inzwischen hat Mediapart 30 000 zahlende User – Tendenz steigend. Nächs-tens will man in die schwarzen Zahlen kommen.
Die Regierungspartei hat nach den Enthüllungen bei Google Links gesponsert, um die eigene Sicht besser zu verkaufen. Abstreiten, lügen, verunglimpfen und Siegessicherheit markieren lautet die Parole. Pauschal wurden das Internet und im besonderen Mediapart als faschistisch verschrien. Doch die-se Masche zieht nicht mehr. Die Wut des Volkes, die sich im Internet entfaltet, wird nur noch grösser und ist nicht mehr zu kontrollieren. Angesichts der sys-tematischen Lügen haben sich die Gerüchte – wie einst um Mitterrands Doppelleben – nur zu oft als wahr erwiesen.
Die Politik und die Medien, deren Nähe und Kungeleien die Glaubwürdigkeit aller untergraben, sind zu Recht nervös. In der Geschichte des französischen Journalismus stellt die laufende Affäre einen Wendepunkt dar. Seriöse Internetportale wie Mediapart gibt es mehrere, Rue.89 und weitere. Mehr als in anderen europäischen Ländern. Ihr Erfolg hat auch mit dem Versagen der traditionellen Presse zu tun. Sie recherchieren und haben keine Berührungsängste. Und dafür ist eine Minderheit auch zum Zahlen bereit.
Darauf hat Edwy Plenel gehofft und gesetzt, als er Mediapart gründete. Sarkozy nannte er dieser Tage einen «Verfassungsdelinquenten». Als «veritablen Delinquenten des Journalismus» bezeichnet die Regierung ihren gefährlichsten Kritiker. Plenel kann es nur recht sein. Er findet nach seinem erzwungenen Abgang beim Weltblatt im neuen Medium zu seiner Lieblingsrolle zurück: Ich gegen den Präsidenten.
