«Kein Abbruch der Übung»
Florenz Schaffner, Leiter Elektronische Medien AZ-Medien-Gruppe, zur neuen Sparrunde
Sie haben bei Tele Tell die Messer angesetzt – das tönt nicht nach Strategiekorrektur, sondern vielmehr nach Abbruch der Übung.
Florenz Schaffner: Auf gar keinen Fall heisst das Abbruch der Übung. Wir haben Massnahmen getroffen, zu denen die jetzige Geschäftsleitung nicht stehen konnte. Wir sind dazu gezwungen, weil die Einnahmen nicht so fliessen, wie wir das bei der Budgetierung erhofft hatten. Deshalb mussten wir ganz massive Sparmassnahmen einleiten, zuerst bei Tele M1 und jetzt bei Tele Tell. Die Leute wurden nicht entlassen. Zwei haben gestaffelt gekündigt, und die Redaktionsleiterin hat ein Angebot für einen Wechsel zu Tele M1 erhalten, das sie noch prüft.
Tele-Tell-Geschäftsleiter Hansruedi Hottiger war bei Tele M1 seit dem Start mit dabei. Was hat er falsch gemacht?
Schaffner: Hottiger war der Meinung, es seien die falschen Massnahmen, die man jetzt bei Tele Tell treffe. Deshalb könne er diese nicht mittragen. Aus diesem Grund hat er uns verlassen.
Die Durststrecke bis zum Fliessen des angekündigten Gebührensplittings, das frühestens im Jahr 2005 Wirklichkeit wird, ist noch lang. Wie gross ist die Gefahr, dass Tele Tell schliessen muss, bevor die Rettung kommt?
Schaffner: Tele Tell ist nicht auf der Kippe. Lieber sparen als schliessen, haben wir uns gesagt. Man werde Tele M1 und Tele Tell durchziehen, hat der VR der AZ-Medien-Gruppe mir an seiner letzten Sitzung erneut bestätigt. Und zwar mindestens so lange, wie die Verluste im Rahmen der letzten Jahre bleiben und nicht weiter massiv ansteigen. Mit dem aktuellen Schritt sind wir auf gutem Wege, unsere Verluste zu vermindern. Deshalb bin ich sehr optimistisch.
Die aktuelle Sparübung ist ja nicht die erste innert Jahresfrist. Kann man all die Sparrunden, die Tele M1 und Tele Tell in jüngster Zeit durchgemacht haben, überhaupt noch an einer Hand abzählen?
Schaffner: Die aktuelle Sparrunde ist die dritte seit meinem Stellenantritt im September 2001. Sie wird, hoffe ich, vorläufig die letzte sein. Mit diesen Sparrunden haben Tele M1 und Tele Tell rund 20 Prozent der Stellen abgebaut.
Angesichts dieser dicht aufeinander folgenden Abspeckkuren drängt sich die Frage auf, ob die Grenze zwischen schlank und magersüchtig bei Tele M1 und Tele Tell nicht schon überschritten ist.
Schaffner: Wir haben nach wie vor täglich ein Programm, zu dem wir stehen können. Im Bereich «Information» sind wir sogar besser geworden. Aber ich denke schon, dass wir jetzt auf dem absoluten Minimum angelangt sind, wenn wir als Regionalsender noch ernst genommen werden wollen. Selbstverständlich kommt es immer auch darauf an, welchen Anspruch man an ein Programm stellt. Das solothurnische Intro-TV etwa macht ein TV-Programm mit lediglich drei bis vier fest Angestellten. Wir beschäftigen auch jetzt noch über 50 Leute.
Unabhängig von den Beschäftigtenzahlen: Machen die Zuschauer noch mit bei dieser Sparrunde?
Schaffner: Ein Indikator, der uns zeigt, dass wir die Grenze noch nicht unterschritten haben, sind unsere Zuschauerzahlen, die immer noch am Steigen sind. Das grössere Problem bei so knapp kalkulierten Budgets sind hingegen die fehlenden Reserven. Wenn mal das geringste Ausserordentliche passiert, laufen wir sofort auf dem Zahnfleisch. Das ist auf die Dauer nicht professionell.
Wie dramatisch klaffen bei Tele Tell Kosten und Einnahmen auseinander?
Schaffner: Sowohl Tele Tell als auch Tele M1 schreiben seit Jahren Verluste, das ist nichts Neues. Während wir bei Tele M1 unseren Aufwand zu rund 80% durch Werbung und Sponsoring refinanzieren können, wird diese Quote bei Tele Tell im laufenden Jahr nur rund 65% betragen.
Seit dem Beginn der Zusammenarbeit zwischen Tele M1 und Tele Tell ist der Vorwurf einer Aargauisierung der Zentralschweiz nicht mehr verstummt. Diese Dauerkritik dürfte nochmals lauter werden. Bereitet Ihnen dieses Image keine Sorgen?
Schaffner: Ich glaube nicht, dass wir dieses Image beim breiten Publikum wirklich haben. Die Zuschauerzahlen sagen das Gegenteil.
Aber der Spagat zwischen den beiden höchst unterschiedlichen Kulturräumen Mittelland und Zentralschweiz wird jetzt nochmals grösser.
Schaffner: Diesen Spagat haben wir schon früher gemacht. Jetzt müssen wir ihn vielleicht noch etwas mehr ausreizen. Wahrscheinlich wird das Programm der beiden Sender künftig noch ein bisschen boulevardiger, weil wir vermehrt Themen suchen, die für beide Regionen gelten.
Neues Kader für Tele Tell
Geschäftsführer Hansruedi Hottiger, Redaktionsleiterin Monika Senn und Marketingleiterin Esther Infanger verlassen das Zentralschweizer Lokalfernsehen in corpore. Künftig werden Verkaufsleitung und Marketing der beiden Sender zusammengelegt. Neu wird es für Tele M1 und Tele Tell nur noch einen Leiter Marketing & Kommunikation geben. Diese Aufgabe werde spätestens anfang 2003 von Kurt Schudel übernommen, der zurzeit noch als Verkaufsleiter beim Business Guide to Switzerland (GTS-Verlag) tätig ist. Zum neuen Verkaufsleiter für beide Sender wurde Michele Macaluso befördert, bis anhin Verkaufsleiter von Tele M1. Die Führung der Tele-Tell-Redaktion wird ab Mitte November Ernst Meier übertragen, zurzeit noch Leiter von azonline.ch. Die publizistische Leitung von Tele M1 und Tele Tell bleibt bei Programmleiter Heinz Lang.
Dank besserer Nutzung von Synergien zwischen den beiden Sendern sollen die Kosten gesenkt werden. Ziel der Umstrukturierung sei aber auch, die Voraussetzungen für eine weitere Qualitätssteigerung sowohl bei Tele Tell als auch bei Tele M1 zu schaffen. (dse)
