Karl Gerstners Universum
Der Grafikdesigner und Agenturgründer hat sein Lebenswerk in ein dickes Buch gefasst
Der Grafikdesigner und Agenturgründer hat sein Lebenswerk in ein dickes Buch gefasstVon Andreas Panzeri «Rückblick auf 5 x 10 Jahre Graphik Design etc.» heisst der dicke Bildband, in dem GGK-Mitbegründer Karl Gerstner sein einflussreiches Wirken als Designer noch einmal Revue passieren lässt. Das Buch liest sich als Geschichte der Werbung, aber ebenso gut als Lehrbuch für Design.
Als Mitbegründer der GGK wurde der Basler Designer Karl Gerstner in den Sechziger- und Siebzigerjahren zum internationalen Botschafter der modernen Typografie und des Grafikdesigns. Karl Gerstner, der in geistiger Nähe zu Max Bill und Richard P. Lohse steht, gilt als der Schweizer Grafikdesigner mit dem grössten internationalen Einfluss in dieser Epoche.
So jedenfalls sieht das, fachmännisch begründet, Manfred Kröplien, Professor an der Akademie für Bildende Künste in Stuttgart, wenn er im Vorwort zu Gerstners neuem Buch schreibt: «Die eigentlichen Einflüsse auf das deutsche Grafikdesign waren nicht, wie man hätte denken können, aus den USA, sondern aus der Schweiz gekommen.» Kröplien ortet in seiner Analyse bereits für die Fünfzigerjahre eine «Aufbruchsstimmung, in die auch Gerstners Wirken eingeordnet werden muss». Bis Anfang der Sechzigerjahre sei die Schweizer Grafik nämlich ein Vorbild für die Deutschen gewesen, «als Folge der internationalen Ächtung Nazi-Deutschlands». Die Schweizer lieferten ihrem grossen Nachbarn quasi neue Ersatzwurzeln nach dem kriegerischen Zusammenbruch.
Gerstner, der 1930 in Basel geboren wurde, hat diese wieder aufblühende Zeit des rosa gefärbten «Wirtschaftswunders» als freier Mitarbeiter beim Basler Chemieunternehmen Geigy begonnen. Dort gestaltete er in den Fünfzigerjahren Anzeigen für Farbstoffe. Auch Löschblätter für Ärzte, ein damals beliebtes Medium für Pharmawerbung, gehörten zu seinen Aufgaben.
Gerstners direkter Auftraggeber bei Geigy wurde 1958 Markus Kutter, der für das Chemieunternehmen die PR zum 200-Jahr-Jubiläum des Basler Traditionsunternehmens organisierte. Für den nebenbei schriftstellerisch tätigen Dr. phil. I, der auf dem später gesunkenen Atlantikriesen «Andrea Doria» eine erste Amerikareise macht, gestaltet Gerstner nicht nur den Umschlag zu dessen Roman «Schiff nach Europa», sondern verleiht auch dem Text im Buch eine sehr vielfältige Typografie. Gerstners Idee war «ein verwirrendes Puzzle von Buchstaben, das sich nach der Lektüre auflöst». Dieses kreative Zusammenspiel von Typografie und Text sollte sich später zu einem wichtigen Markenzeichen der jungen GGK entwickeln.
Die Vorgeschichte des Kommunikationsunternehmens begann am 1. Januar 1959 mit der Gründung einer Agentur Gerstner und Kutter – Werbung, Grafik, Publizität. Daraus wird ab 1963 GGK. Drei Jahre vorher war auch noch Paul Gredinger, eidg. dipl. Architekt ETH, eingestellt worden. Der als zweites G im Logo bevollmächtigte Partner, der vorher elektronische Musik komponiert hatte, war bei GGK für die Abteilung Produktform und später Design zuständig. «Ohne entsprechende Aufträge allerdings», wie sich Gerstner in seinen leicht ironischen Anekdoten erinnert. Die Zeit war für solcherlei Durchgestyltes offenbar noch nicht reif, obwohl Gerstner bereits 1959 für den Verband Schweizer Grafik eine erste Tagung zum Thema Erscheinungsbild – «später Corporate Identity genannt» – organisiert hat.
Von der nostalgischen Grafik zur modernen Kunst
Alle diese Epochen aus Gerstners Wirken sind im «Rückblick»-Buch reich illustriert, beginnend vom Prospekt «200 Jahre Geigy» über ein umfassendes Kapitel mit VW-Werbung bis zu internationalen Ausstellungsplakaten zu Gerstners Kunstschaffen in aktueller Zeit.
Viele nostalgische Schmuckstücke finden sich abgebildet, wie zum Beispiel grafische Arbeiten für die Boîte à musique, einen damals trendigen Plattenladen in Basel, oder frühe Inserate für das Warenhaus Rheinbrücke. Diese damals flächendeckend aufgezogene Kommunikation rund um das neue Styling des Basler Warenhauses bildete den ersten Grossauftrag für das Werbebüro Gerstner und Kutter.
Solche werbegeschichtlich interessanten Grafiken werden in «Rückblick», quasi als Bücher im Buch, von vielen nach wie vor gültigen Theorien ergänzt, die Karl Gerstner in seiner Zeit als Werber immer wieder zu den Themen Design, Kunst und Typografie veröffentlicht hat.
1957 etwa gibt er das Büchlein «Kalte Kunst? – Zum Standort der heutigen Malerei» heraus. Er will damit der konstruktiv-konkreten Kunst, zu der er sich zählt, zu mehr Verständnis verhelfen. «Ein Bändchen, das heute zu den gesuchten Objekten in den rare Book Shops gehört», verrät er nicht ohne Stolz. Ebenfalls 1957 darf sich Gerstner als Künstler auch über seine erste eigene Ausstellung in Zürich freuen.
Seine Publikation «Die neue Grafik» ist eine Geschichte der Werbegrafik, in der Gerstner seine grosse Sammlung mit exemplarischen Entwürfen auch von ihm besonders geschätzten Kollegen in ein Buch einfliessen lässt. Das Werk ist mit einem Text von Markus Kutter versehen. Im Herbst 1963 erscheint Gerstners Band «Programme entwerfen». Diese Publikation entwickelt sich zum Kultbuch der Grafikdesign-szene der Sechzigerjahre und wird auch im Museum of Modern Art in New York mit einer Ausstellung gewürdigt.
Sein «Kompendium für Alphabeten» wird 1972 zur wichtigsten Schrift über moderne Typografie. Grundlage des Kompendiums ist ein damals neu verstandenes Wechselspiel von Schrift und Sprache, wie es bei der damaligen GGK inzwischen zum Stil geworden ist. Weitere Bücher in den Achtzigerjahren sind: «Der Geist der Farbe», «Die Kunst von Karl Gerstner», «Die Formen der Farben» sowie «Der Künstler und die Mehrheit». Nicht verschwiegen werden soll die Tatsache, dass Gerstner auch lukullischen Genüssen zugeneigt war, allerdings mit hohem kritischem Bewusstsein. So liess er seine Erkenntnisse über die Gastronomie in das Buch «Avant Garde Küche» einfliessen, das für einen gepflegten Umgang mit hedonistischen Ansprüchen plädiert.
Mit fortschreitender Reife nimmt die Kunst im Leben von Karl Gerstner einen immer wichtigeren Platz ein. Bücher über Kunst waren ihm Anlass, «damit ein Gedanke zu Ende gedacht werden konnte». Noch einmal zur Sprache kommen im aktuell vorliegenden Werk über die Geschichte des Designs natürlich auch seine «Visuelle Logik. Die Kunst von Karl Gerstner» aus dem Jahre 1997.
Mit den jeweiligen Plakaten sind seine zahlreichen internationalen Kunstausstellungen dokumentiert, zum Beispiel in New York, Düsseldorf oder Caracas sowie bei Marlborough, London, Beyeler, Basel, oder Jamileh Weber in Zürich.
Anekdoten aus der GGK-Zeit aus persönlicher Sicht erzählt
Herrliche Anekdoten aus der GGK-Zeit, im persönlichen Ton mit viel Sinn für einen gewissen Schalk erzählt, finden sich quer durch alle Kapitel. Zum Beispiel, wie die auf Expansion drängenden Gerstner und Gredinger 1967 quasi heimlich gegen den Willen des viel vorsichtiger planenden Kutter ein 20-Millionen-Budget für Ford angenommen hatten, deswegen den alten, aber viel kleineren Kunden Audi rausschmeissen sowie über Nacht eine Zweigagentur in Düsseldorf gründen mussten. Gerstner wird erster Auslandchef der GGK Düsseldorf, und diese von nun an auch internationale Agentur wird viele Jahre später auch einmal von Robert Stalder sowie Reini Weber geleitet.
Bei solchen Erinnerungen aus der GGK-Zeit macht sich der frühere Agenturmanager auch analytische Gedanken zum Business, zum Beispiel über die Entwicklung von der Grafik zum Art Directing. Gerstner sieht darin eine Verlagerung von den visuellen zu den mehr verbalen Ideen.
Der Mann hinter dem ersten G von GGK erlaubt sich auch kritische Gedanken zu den Entwicklungen seiner Agenturgruppe, die zwischenzeitlich Ableger rund um die halbe Welt hatte. Wieso musste das führende Unternehmen mit damals 600 Mitarbeitenden wieder zu einem Teilkonglomerat verfallen, wie sich die veränderte GGK heute darstellt?
Gerstner selber hatte sich bereits in den Siebzigerjahren aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen und verblieb der GGK nur noch als Verwaltungsrat. Er gestaltete stattdessen als Freelancer das deutsche Wirtschaftsmagazin Capital neu. Ebenso gibt er bei einem Paris-Aufenthalt der Zeitung France Soir ein neues Outfit. Später stylt er die Basler Zeitung neu, ebenso die Frankfurter Allgemeine und die Süddeutsche Zeitung.
In seinem späteren Schaffen hat Karl Gerstner immer mehr solche spezialisierten Aufträge für Verlage angenommen. Auch Burda, Ringier und Langenscheidt liessen sich von Gerstner eine neue CI verpassen. Alle Ideen zu diesen Aufträgen sind im hier vorgestellten Buch didaktisch konstruktiv dokumentiert. Sämtliche Entwicklungsschritte vom ersten Entwurf bis zur erfolgreich abgenommenen gestalterischen Lösung sind mit vielen Fragen und Antworten von Gerstner kompetent kommentiert.
Logos und Labels erzählen Wirtschaftsgeschichte
Zu Gerstners wichtigsten Arbeiten zählte in den Achtzigerjahren das neue Design für IBM. Ein interessantes Kapitel ist auch die Entwicklung eines neuen Corporate Design für die Swissair. Dieses hat Gerstner als freischaffender Designer in der Ära Baltensweiler durchpauken können. Mit dem Schritt vom gezeichneten Fliegersymbol zum gesetzten schlichten Logo mit der Futura bold hat Gerstner damals nicht nur in der Branche, sondern in der ganzen Schweiz für leidenschaftlichen Diskussionsstoff gesorgt. Auch dieser Entwicklungsprozess mit der damals visuell völlig umgekrempelten Swissair ist im dicken Buch dokumentiert.
Bereits 1964 hatte GGK den Auftrag bekommen, das Erscheinungsbild von Shell mit dem markanten Muschellogo zu ändern. Die Ideen wurden abgelehnt. Im Buch sind sie trotzdem als lesenswerter Einschub zur Markengeschichte dokumentiert.
Verfasst hat Karl Gerstner diesen «Rückblick» im Elsass. Dort lebt und arbeitet er heute in Hippolskirch, zusammen mit Esther Grether, Unternehmerin und Kunstsammlerin. 1988 wird er für die Hall of Fame des New Yorker Art Directors Club nominiert. Auf die krönende Party in den USA musste er aber verzichten, weil Gerstner am gleichen Weekend Ehrenmitglied des Deutschen Art Directors Club wurde, 1992 auch noch Mitglied der Akademie der Künste in Berlin.
Sein jüngstes Buch ist in einer von Gerstner selbst entworfenen und nach ihm benannten Schrifttype gedruckt. Der «Rückblick» (auch in einer englischen Ausgabe erhältlich) zählt 700 Abbildungen auf über 250 Seiten und ist erschienen im Hatje Cantz Verlag, ISBN 3-7757-9058-6.
GGK-ARCHIV GERÄUMTDas Archiv der GGK im ehemaligen Domizil am Aeschengraben in Basel musste vor einem Jahr aus Platzgründen geräumt werden. Die Basler Plakatsammlung durfte bei dieser Gelegenheit die grossformatigen Archivschachteln durchsehen und alle für die Nachwelt interessanten Belege und Objekte entnehmen, als Schenkung der Lowe Lintas GGK, Zürich.
Ein Teil der wertvollen Bestände ist seither in der Plakatsammlung in den Ausstellungsräumen der Schule für Gestaltung an der Spalenvorstadt 2 in Basel sowie in der Grafischen Sammlung des Zürcher Museums für Gestaltung an der Technoparkstrasse 1 in Zürich untergebracht.
Als Mitbegründer der GGK wurde der Basler Designer Karl Gerstner in den Sechziger- und Siebzigerjahren zum internationalen Botschafter der modernen Typografie und des Grafikdesigns. Karl Gerstner, der in geistiger Nähe zu Max Bill und Richard P. Lohse steht, gilt als der Schweizer Grafikdesigner mit dem grössten internationalen Einfluss in dieser Epoche.
So jedenfalls sieht das, fachmännisch begründet, Manfred Kröplien, Professor an der Akademie für Bildende Künste in Stuttgart, wenn er im Vorwort zu Gerstners neuem Buch schreibt: «Die eigentlichen Einflüsse auf das deutsche Grafikdesign waren nicht, wie man hätte denken können, aus den USA, sondern aus der Schweiz gekommen.» Kröplien ortet in seiner Analyse bereits für die Fünfzigerjahre eine «Aufbruchsstimmung, in die auch Gerstners Wirken eingeordnet werden muss». Bis Anfang der Sechzigerjahre sei die Schweizer Grafik nämlich ein Vorbild für die Deutschen gewesen, «als Folge der internationalen Ächtung Nazi-Deutschlands». Die Schweizer lieferten ihrem grossen Nachbarn quasi neue Ersatzwurzeln nach dem kriegerischen Zusammenbruch.
Gerstner, der 1930 in Basel geboren wurde, hat diese wieder aufblühende Zeit des rosa gefärbten «Wirtschaftswunders» als freier Mitarbeiter beim Basler Chemieunternehmen Geigy begonnen. Dort gestaltete er in den Fünfzigerjahren Anzeigen für Farbstoffe. Auch Löschblätter für Ärzte, ein damals beliebtes Medium für Pharmawerbung, gehörten zu seinen Aufgaben.
Gerstners direkter Auftraggeber bei Geigy wurde 1958 Markus Kutter, der für das Chemieunternehmen die PR zum 200-Jahr-Jubiläum des Basler Traditionsunternehmens organisierte. Für den nebenbei schriftstellerisch tätigen Dr. phil. I, der auf dem später gesunkenen Atlantikriesen «Andrea Doria» eine erste Amerikareise macht, gestaltet Gerstner nicht nur den Umschlag zu dessen Roman «Schiff nach Europa», sondern verleiht auch dem Text im Buch eine sehr vielfältige Typografie. Gerstners Idee war «ein verwirrendes Puzzle von Buchstaben, das sich nach der Lektüre auflöst». Dieses kreative Zusammenspiel von Typografie und Text sollte sich später zu einem wichtigen Markenzeichen der jungen GGK entwickeln.
Die Vorgeschichte des Kommunikationsunternehmens begann am 1. Januar 1959 mit der Gründung einer Agentur Gerstner und Kutter – Werbung, Grafik, Publizität. Daraus wird ab 1963 GGK. Drei Jahre vorher war auch noch Paul Gredinger, eidg. dipl. Architekt ETH, eingestellt worden. Der als zweites G im Logo bevollmächtigte Partner, der vorher elektronische Musik komponiert hatte, war bei GGK für die Abteilung Produktform und später Design zuständig. «Ohne entsprechende Aufträge allerdings», wie sich Gerstner in seinen leicht ironischen Anekdoten erinnert. Die Zeit war für solcherlei Durchgestyltes offenbar noch nicht reif, obwohl Gerstner bereits 1959 für den Verband Schweizer Grafik eine erste Tagung zum Thema Erscheinungsbild – «später Corporate Identity genannt» – organisiert hat.
Von der nostalgischen Grafik zur modernen Kunst
Alle diese Epochen aus Gerstners Wirken sind im «Rückblick»-Buch reich illustriert, beginnend vom Prospekt «200 Jahre Geigy» über ein umfassendes Kapitel mit VW-Werbung bis zu internationalen Ausstellungsplakaten zu Gerstners Kunstschaffen in aktueller Zeit.
Viele nostalgische Schmuckstücke finden sich abgebildet, wie zum Beispiel grafische Arbeiten für die Boîte à musique, einen damals trendigen Plattenladen in Basel, oder frühe Inserate für das Warenhaus Rheinbrücke. Diese damals flächendeckend aufgezogene Kommunikation rund um das neue Styling des Basler Warenhauses bildete den ersten Grossauftrag für das Werbebüro Gerstner und Kutter.
Solche werbegeschichtlich interessanten Grafiken werden in «Rückblick», quasi als Bücher im Buch, von vielen nach wie vor gültigen Theorien ergänzt, die Karl Gerstner in seiner Zeit als Werber immer wieder zu den Themen Design, Kunst und Typografie veröffentlicht hat.
1957 etwa gibt er das Büchlein «Kalte Kunst? – Zum Standort der heutigen Malerei» heraus. Er will damit der konstruktiv-konkreten Kunst, zu der er sich zählt, zu mehr Verständnis verhelfen. «Ein Bändchen, das heute zu den gesuchten Objekten in den rare Book Shops gehört», verrät er nicht ohne Stolz. Ebenfalls 1957 darf sich Gerstner als Künstler auch über seine erste eigene Ausstellung in Zürich freuen.
Seine Publikation «Die neue Grafik» ist eine Geschichte der Werbegrafik, in der Gerstner seine grosse Sammlung mit exemplarischen Entwürfen auch von ihm besonders geschätzten Kollegen in ein Buch einfliessen lässt. Das Werk ist mit einem Text von Markus Kutter versehen. Im Herbst 1963 erscheint Gerstners Band «Programme entwerfen». Diese Publikation entwickelt sich zum Kultbuch der Grafikdesign-szene der Sechzigerjahre und wird auch im Museum of Modern Art in New York mit einer Ausstellung gewürdigt.
Sein «Kompendium für Alphabeten» wird 1972 zur wichtigsten Schrift über moderne Typografie. Grundlage des Kompendiums ist ein damals neu verstandenes Wechselspiel von Schrift und Sprache, wie es bei der damaligen GGK inzwischen zum Stil geworden ist. Weitere Bücher in den Achtzigerjahren sind: «Der Geist der Farbe», «Die Kunst von Karl Gerstner», «Die Formen der Farben» sowie «Der Künstler und die Mehrheit». Nicht verschwiegen werden soll die Tatsache, dass Gerstner auch lukullischen Genüssen zugeneigt war, allerdings mit hohem kritischem Bewusstsein. So liess er seine Erkenntnisse über die Gastronomie in das Buch «Avant Garde Küche» einfliessen, das für einen gepflegten Umgang mit hedonistischen Ansprüchen plädiert.
Mit fortschreitender Reife nimmt die Kunst im Leben von Karl Gerstner einen immer wichtigeren Platz ein. Bücher über Kunst waren ihm Anlass, «damit ein Gedanke zu Ende gedacht werden konnte». Noch einmal zur Sprache kommen im aktuell vorliegenden Werk über die Geschichte des Designs natürlich auch seine «Visuelle Logik. Die Kunst von Karl Gerstner» aus dem Jahre 1997.
Mit den jeweiligen Plakaten sind seine zahlreichen internationalen Kunstausstellungen dokumentiert, zum Beispiel in New York, Düsseldorf oder Caracas sowie bei Marlborough, London, Beyeler, Basel, oder Jamileh Weber in Zürich.
Anekdoten aus der GGK-Zeit aus persönlicher Sicht erzählt
Herrliche Anekdoten aus der GGK-Zeit, im persönlichen Ton mit viel Sinn für einen gewissen Schalk erzählt, finden sich quer durch alle Kapitel. Zum Beispiel, wie die auf Expansion drängenden Gerstner und Gredinger 1967 quasi heimlich gegen den Willen des viel vorsichtiger planenden Kutter ein 20-Millionen-Budget für Ford angenommen hatten, deswegen den alten, aber viel kleineren Kunden Audi rausschmeissen sowie über Nacht eine Zweigagentur in Düsseldorf gründen mussten. Gerstner wird erster Auslandchef der GGK Düsseldorf, und diese von nun an auch internationale Agentur wird viele Jahre später auch einmal von Robert Stalder sowie Reini Weber geleitet.
Bei solchen Erinnerungen aus der GGK-Zeit macht sich der frühere Agenturmanager auch analytische Gedanken zum Business, zum Beispiel über die Entwicklung von der Grafik zum Art Directing. Gerstner sieht darin eine Verlagerung von den visuellen zu den mehr verbalen Ideen.
Der Mann hinter dem ersten G von GGK erlaubt sich auch kritische Gedanken zu den Entwicklungen seiner Agenturgruppe, die zwischenzeitlich Ableger rund um die halbe Welt hatte. Wieso musste das führende Unternehmen mit damals 600 Mitarbeitenden wieder zu einem Teilkonglomerat verfallen, wie sich die veränderte GGK heute darstellt?
Gerstner selber hatte sich bereits in den Siebzigerjahren aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen und verblieb der GGK nur noch als Verwaltungsrat. Er gestaltete stattdessen als Freelancer das deutsche Wirtschaftsmagazin Capital neu. Ebenso gibt er bei einem Paris-Aufenthalt der Zeitung France Soir ein neues Outfit. Später stylt er die Basler Zeitung neu, ebenso die Frankfurter Allgemeine und die Süddeutsche Zeitung.
In seinem späteren Schaffen hat Karl Gerstner immer mehr solche spezialisierten Aufträge für Verlage angenommen. Auch Burda, Ringier und Langenscheidt liessen sich von Gerstner eine neue CI verpassen. Alle Ideen zu diesen Aufträgen sind im hier vorgestellten Buch didaktisch konstruktiv dokumentiert. Sämtliche Entwicklungsschritte vom ersten Entwurf bis zur erfolgreich abgenommenen gestalterischen Lösung sind mit vielen Fragen und Antworten von Gerstner kompetent kommentiert.
Logos und Labels erzählen Wirtschaftsgeschichte
Zu Gerstners wichtigsten Arbeiten zählte in den Achtzigerjahren das neue Design für IBM. Ein interessantes Kapitel ist auch die Entwicklung eines neuen Corporate Design für die Swissair. Dieses hat Gerstner als freischaffender Designer in der Ära Baltensweiler durchpauken können. Mit dem Schritt vom gezeichneten Fliegersymbol zum gesetzten schlichten Logo mit der Futura bold hat Gerstner damals nicht nur in der Branche, sondern in der ganzen Schweiz für leidenschaftlichen Diskussionsstoff gesorgt. Auch dieser Entwicklungsprozess mit der damals visuell völlig umgekrempelten Swissair ist im dicken Buch dokumentiert.
Bereits 1964 hatte GGK den Auftrag bekommen, das Erscheinungsbild von Shell mit dem markanten Muschellogo zu ändern. Die Ideen wurden abgelehnt. Im Buch sind sie trotzdem als lesenswerter Einschub zur Markengeschichte dokumentiert.
Verfasst hat Karl Gerstner diesen «Rückblick» im Elsass. Dort lebt und arbeitet er heute in Hippolskirch, zusammen mit Esther Grether, Unternehmerin und Kunstsammlerin. 1988 wird er für die Hall of Fame des New Yorker Art Directors Club nominiert. Auf die krönende Party in den USA musste er aber verzichten, weil Gerstner am gleichen Weekend Ehrenmitglied des Deutschen Art Directors Club wurde, 1992 auch noch Mitglied der Akademie der Künste in Berlin.
Sein jüngstes Buch ist in einer von Gerstner selbst entworfenen und nach ihm benannten Schrifttype gedruckt. Der «Rückblick» (auch in einer englischen Ausgabe erhältlich) zählt 700 Abbildungen auf über 250 Seiten und ist erschienen im Hatje Cantz Verlag, ISBN 3-7757-9058-6.
GGK-ARCHIV GERÄUMTDas Archiv der GGK im ehemaligen Domizil am Aeschengraben in Basel musste vor einem Jahr aus Platzgründen geräumt werden. Die Basler Plakatsammlung durfte bei dieser Gelegenheit die grossformatigen Archivschachteln durchsehen und alle für die Nachwelt interessanten Belege und Objekte entnehmen, als Schenkung der Lowe Lintas GGK, Zürich.
Ein Teil der wertvollen Bestände ist seither in der Plakatsammlung in den Ausstellungsräumen der Schule für Gestaltung an der Spalenvorstadt 2 in Basel sowie in der Grafischen Sammlung des Zürcher Museums für Gestaltung an der Technoparkstrasse 1 in Zürich untergebracht.
