Journalisten als Ghostwriter

Kolumne Hauptsache, die Fakten stimmen: Redaktionen fressen PR-Beratern nur zu gerne aus der Hand, ohne selber Recherchen anzustellen, weiss Karl Lüönd.

Kolumne Hauptsache, die Fakten stimmen:
Redaktionen fressen PR-Beratern nur zu gerne aus der Hand, ohne selber
Recherchen anzustellen.«Ich lüge nie», sagte mir der PR-Berater zu
vorgerückter Stunde. «Ich gestalte nur die Wahrheit!» Lügen ist dumm
und unwirtschaftlich. Denn beim Lügen wird man in der Regel erwischt,
weil in einer offenen Gesellschaft immer einer da ist, der einem
widerspricht. Die Kunst der Wahrheitsgestaltung besteht in Betonen und
Verschweigen, Hervorheben und Weglassen, Beschleunigen und Verzögern, manchmal auch in Locken und
Reizen, das Ausspielen von Konkurrenten inbegriffen.
Nach eineinhalb Stunden Zeitungslektüre am Sonntagmorgen, einem nur
durchschnittlich aktualitätsstarken Tag nach dem 2:0 der Schweizer
Nationalmannschaft gegen die Türken, ist schnell klar, wer am
geschicktesten Regie geführt hat. Erster Preis für den Bischof von
Solothurn für eine glatte Unverschämtheit. Die während Monaten
unanständigerweise vorenthaltene Stellungnahme zum Fall Röschenz lässt er selektiv in die Nachrichtenlücke des Wochenendes ein
füllen: zitierfähiger Originalton bei DRS 1 («Samstagsrundschau»), Vertiefung bei der «NZZ am Sonntag».
Der Ehrenplatz geht an PR-Berater Andy Bantel, derzeit unterwegs für
die Kronenhalle-Stiftung. Ihm ist es gelungen, in allen drei
Sonntagszeitungen die übereinstimmende Meldung zu lancieren, die
Parteien im hängigen Erbstreit seien unterwegs zu einer Einigung. Ob
hier der Wunsch der Vater des Gedankens war, kann der aufmerksame Leser
höchstens vermuten, denn alle drei Redaktionen haben dem rührigen
PR-Mann brav aus der Hand gefressen und keine eigenen Recherchen
angestellt. So haben es die professionellen «Wahrheitsgestalter» am
liebsten.
Zwei beliebige Beispiele für einen Mega-trend. Bis zu 80 Prozent der
aktuellen Inhalte in unseren Medien sind durch «Öffentlichkeitsarbeit»,
das heisst durch die interessengebundene Informationsindustrie beeinflusst. Dass ein wesentlicher Teil des täglichen
Informations- und Meinungs-Menüs aus Conveniencefood und
Halbfertigfabrikaten aus den PR-Küchen besteht, hat jetzt eine am
Lehrstuhl für Journalistik der Universität Leipzig durchgeführte
Untersuchung einmal mehr bestätigt (hier zitiert nach «Message» 4/05,
S. 52 ff.).
Jeweils eine Woche lang haben die Forscher den In- und den Output in
drei Landeshauptstadt-Büros der Deutschen Presseagentur (Dresden,
Düsseldorf und Stuttgart) sowie deren Aussenstellen kontrolliert und
zugleich mit 38 Redaktoren und Mitarbeitenden gesprochen. In diesen
drei Kontrollwochen gingen auf sämtlichen Büros zusammen 1147 PR-Texte
von nationalen und internationalen Institutionen, Behörden,
Privatunternehmen einschliesslich Medien, Kulturinstitutionen, Parteien
und Verbänden ein. 17 Prozent dieses Inputs wurden verwertet, immerhin!
Mit diesem Material bestritten die genannten Büros mehr als die Hälfte
ihrer gesamten Nachrichtenproduktion. Nur gerade dreissig Prozent der
Gesamtproduktion beruhte auf eigenen Recherchen vor Ort und selbst
besuchten Pressekonferenzen.
In 88 Prozent der Fälle, in denen DPA eine PR-Meldung übernahm, machte
sie sich auch deren Kernaussage zu Eigen: In jeder vierten Meldung
fehlte die klare Kennzeichnung der Quelle. Und 87 Prozent der durch
Öffentlichkeitsarbeit initiierten Beiträge waren One-Source-Stories,
d.h. es wurden weder Bestätigungen von zweiter oder dritter Seite
eingeholt noch weiter führende Recherchen angestellt (genau wie im Fall
Kronenhalle).
Unter den Erklärungen, welche die Verantwortlichen dafür lieferten, ist
diese wohl die einleuchtendste: «Man muss sich einfach darauf verlassen
können, dass zumindest bei unstrittigen Themen die Fakten stimmen und
die
Angaben einigermassen objektiv
sind. Sonst kann man am Tag vielleicht noch ein Thema bearbeiten, und dann kollabiert das ganze
System.»
PR-Input ist das kostengünstige Grundrauschen des Medienalltags. Seine
Ausbeutung durch Agenturen und Redaktionen ist weder gut noch schlecht,
sondern Normalbetrieb – vorausgesetzt, die Ressourcen der Redaktionen
reichen wenigstens noch so weit, die Produktion der meist üppig
dotierten PR-Apparate noch als das zu nehmen, was sie sind: Quellen,
aus denen der professionelle Journalist mit Interesse und Skepsis
schöpft – im Idealfall eben den Stoff für vertiefende Fragen und
Abklärungen.
Die Wirklichkeit des Redaktionsalltags ist, wie die Leipziger
Untersuchung erneut gezeigt hat, eine andere: Journalisten
funktionieren immer häufiger als Ghostwriter der PR-Apparate. Und sie
verdrängen diesen ruhmlosen Tatbestand unter anderem dadurch, dass sie
sich hochmütig von diesen abgrenzen.

Karl Lüönd ist Publizist und bis Ende Jahr Leiter des Medieninstituts des Verbandes Schweizer Presse.

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