Insel der Unseligen

Editorial Oliver Classen über kritische globale Grösse und die kleine Schweiz.

Oliver Classen über kritische globale Grösse und die kleine Schweiz.Amerika, du hast es besser! Diese
Gewissheit Goethes, von dem der Ausruf stammt, ist längst zum
ideologischen Grabenkampf zwischen Liberalisten und Etatisten und U-
und E-Kulturellen mutiert. Wir können die sich daran knüpfenden
Gretchenfragen auch nicht beantworten, wissen aber immerhin: Für
Grossverlage und ihre Mitarbeiter ist Amerika inzwischen das Land der
unbeschränkten Existenzkämpfe.
Die neuen Feinde der US-Presse sind die Überlebenden der alten Interneteuphorie. Was Yahoo,
Google und AOL Ende der 90er mit ihrer Portal-Philosophie verpasst
haben, wollen sie nun nachholen – und von blossen Web- zu veritablen
Medienmarken werden. Diese Entwicklung hat sich mit der Eroberung des
Kleinanzeigengeschäfts ökonomisch angekündigt und setzt sich im Content
Business derzeit fort. Den Anfang machte Yahoo mit der Verpflichtung
namhafter Kolumnisten und Kriegsberichterstatter. Andere werden folgen
beim systematischen Aufbau publizistischer Kompetenz.
Unter diesen Auspizien ist es nur konsequent, dass den Big Three jetzt
Sondierungen in der Verlagsbranche nachgesagt werden. Im Zentrum der
Übernahmespekulationen steht zwar deren Heimmarkt. Doch auch
Springer-Chef Mathias Döpfner rechtfertigt seine TV-Akquisitionspläne
schon mit dem Hinweis, nur so jene kritische Grösse gewinnen zu können,
die ihn vor Googles Verlegerambitionen schützt.
Aus einem Schweizer Mund würden solche Befürchtungen lächerlich tönen.
Für Global Player sind unsere sprachregionalen Medienmärkte zum Glück
nicht mal «Peanuts». Die Gnade der Provinzialität erlöst die (selbst ja
zum Teil sehr international ausgerichteten) Schweizer Verlage indes
nicht vom Innovationszwang. Ein schon seit geraumer Zeit durch die
hiesige Verlagslandschaft geisterndes Gespenst ist das auf Seite 13
evaluierte Tagesmagazin. Mit einem anderen, ebenfalls bimedialen
Konzept geht das Wall Street Journal Europe dieser Tage an den Start
(siehe Seite 16). An Ideen fehlt es also nicht, wohl aber an
Pioniergeist. Auch diesbezüglich lässt sich von Internet-unternehmen
viel lernen.

Oliver Classen, Redaktor

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