Im Beichtstuhl der Postmoderne

Aufgefallen Wie wird aus Interviews kein hirnloser Eintopf, sondern ein gehaltvolles Menü? Unser Kolumnist empfiehlt seinen Kollegen die Strategie der Ahnungslosigkeit.

Kolumne Wie wird aus Interviews kein hirnloser Eintopf, sondern ein gehaltvolles Menü? Unser Kolumnist empfiehlt seinen Kollegen die Strategie der Ahnungslosigkeit.Würden Sie mit jemand Wildfremden von der Presse sprechen, Mbwana? Sie würden. Gott weiss warum: Die Presse hat den Status eines modernen Beichtsessels mit eingebautem Lautsprecher. Seltsamerweise legt kaum jemand den Hörer auf. Mit ein wenig Mut kann, wer immer sich als Reporter ausgibt, wem immer eine Stunde Zeit stehlen. (Mit Ausnahme der grossen CEOs, die nur Hand verlesenen Journalisten nichts sagen.) Es ist ein Wunder, dass das private Telefoninterview mit Politikern, Professoren, Schauspielern noch nicht zum Volkssport geworden ist.Das Resultat ist eine Geschwätzlawine, die sich durch die Medien wälzt. Was an sich erfreulich ist – die Welt wäre schöner als grosses Kaffeehaus, in dem weniger gearbeitet denn geplaudert würde. Solange es kluges Geplauder ist.
Wie also macht man ein kluges Interview? Die Antwort ist leider die gleiche auf die Frage: Wie hat man guten Sex? Es gibt niemand, der allein schlecht oder gut im Bett wäre, sondern nur Menschen, die es gut oder schlecht miteinander können.
Also gibt es auch hier keinen Universalschlüssel. Autoritäre Interviewer wie Roger Schawinski eignen sich, um Lokalpolitiker zu knacken, wirken einfachen Menschen gegenüber aber oft so empörend wie Sklavenhalter, die Wehrlose auspeitschen. Freundliche Schleimer wie Kurt Aeschbacher hingegen versinken bei harten Themen und Medienprofis in bodenlose Banalitäten.
Deshalb ist das Wichtigste, seinen Stil zu kennen: Sind Sie eher der Inquisitor, der Schleicher, der Co-Experte, der Freund, der Sparringpartner? Das Zweitwichtigste: Wer ist der andere? Nicht nur in der Sache, sondern auch in der Person: Erwartet Sie ein trockener, wolkiger, aggressiver oder anekdotenreicher Gesprächspartner?
Meine Lieblingshaltung – ich bin eher ein verwirrter Mensch, Mbwana – ist, den Interviewten um Rat zu fragen. «Herr X, ich brauche dringend Klarheit über …» Dieser scheinbar devoten Haltung kann kaum jemand widerstehen. Und wenn dann lange genug geredet wurde, kann man mit Fragen wie «Ich verstehe immer noch nicht ganz, jetzt sagen Sie Y, aber ihr Kollege/ der Geschäftsbericht/Sie selbst sagten Z …» nachhaken – und perfiderweise erst nach und nach seine Sachkenntnis enthüllen.
So weit, so zweifelhaft, so ich. («Every cripple has its own way to walk», schrieb Brendan Behan.) So individuell die Stärken und Methoden von Interviewern, so gemeinsam ist ihre schlimmste Versuchung: Zu beweisen, dass man brillant ist. Clever muss aber das Interview sein, nicht der Interviewer. Es ist ein übler Fehler, durch Bonmots, Fachjargon, längeres Dozieren Kompetenz zeigen zu wollen. Das wirkt, als würde der Gastgeber das Menü allein essen.
Je einfacher, je neugieriger eine Frage ist, desto besser. Gerade naive Fragen, etwa «Finden Sie das, was Sie tun, eigentlich gut?», bringen oft die interessantesten Antworten. Immer einen Versuch wert sind völlig unpassende Themen: Sportler über Politik, Politiker über Philosophie, CEOs über Liebe und Freundschaft anzugehen. Die Antworten sind dann verblüffend gut oder schlecht.
Falls Sie das Interview verhau-en, Mbwana, wechseln Sie das Schlachtfeld. Als Journalist haben Sie noch einen letzten grossen Trumpf: Verfassen Sie kein Interview, sondern ein Porträt. Dort können Sie alles unterbringen – Hintergrundwissen, Lebensgeschichte, Aussagen von Freunden und Feinden, Ihren Kommentar. Und damit die Botschaft, dass auch Sie beneidenswert interessant sind.
Letztlich weiss nur Gott, wie Sie sich im Gespräch blamiert haben. Für Ihr Publikum zählt einzig, was auf dem Papier ist. Das ist auch der Grund, warum so viele hässliche Menschen (an Körper und Charakter) den Journalismus wählen: Medien bieten auch den Schlimmsten von uns eine zweite Chance.
> Constantin Seibt ist Redaktor bei der Wochenzeitung (WOZ).

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