Hillary, hilf!

René Worni über die Schönheitsideale der Medienmanager.

 
René Worni über die Schönheitsideale der Medienmanager.Eine versierte Journalistin hatte der Zeit in Hamburg eine aufwändige Hintergrundgeschichte angeboten und bekam den Bescheid: «Wir drucken Ihren Text gerne ab, können Ihnen aber kein Honorar bezahlen.» Seither sind bestimmt fünf Jahre vergangen, und die Medienlandschaft hat sich stark verändert. Doch Zoten wie die geschilderte hört man jetzt öfter. Das hat mit dem so genannten Qualitätsjournalismus zu tun. Denn in Zeiten von Gratisinhalten auf Papier und im Internet tragen Shareholder-bewusste Medienmanager wieder Qualität. Weniger ist mehr. Doch wo einst das Weltblatt Le Monde eine der publizistischen Referenzen war (für seine Bedeutung eine auffallend dünne Postille), diktieren heute allein ökonomische Zwänge dieses Weniger. Le-Matin-Chef Peter Rothenbühler etwa stellte am Jahresauftakt der Branche die Tribune de Genève (12 Regionaljournalisten) gegen Le Temps (2 Regionaljournalisten) und schloss, in Le Temps lese man eindeutig die qualitativ besseren Regionalstorys. Also abspecken und einsparen. Weniger ist mehr. Das findet auch Tamedia-CEO Martin Kall. Er hat die Berner Espace gekauft, um mit ihr zu synergieren. Er und sein neuer Untergebener Albert P. Stäheli stehen vor der paradoxen Frage: Ist es möglich, mit noch weniger Ressourcen noch besseren Journalismus zu machen? Im letzten Jahr gab es 770’000 Leserinnen und Leser mehr in der Schweiz als noch ein Jahr zuvor. Da soll einer schlau werden.
Im Jahr 2000 verdienten Zeitungen mit Inseraten noch 663 Millionen Franken mehr als 2006. Bei den Regionalblättern gehen Anzeigen und Leserschaft kontinuierlich zurück. Der Druck lastet vor allem auf den teuren Redaktionen, denn an ihnen lässt sich am leichtesten sparen. Das dauernde Hochhalten journalistischer Qualität ist also kein Zufall und soll die tatsächliche Misere kaschieren. Die schlanke Redaktion ist zum unterernährten Schönheitsideal der Manager geworden und droht langsam ganz zu verhungern.
Kennen Sie übrigens den schon? Ein berufserfahrener Journalist bot kürzlich einer grossen Zürcher Regionalzeitung eine relevante Recherche an. Fragte reflexartig der Redaktor: «Schreiben Sie gratis?» Und als er sich mit einer weiteren Story beim Magazin desselben Blattes meldete: «Kommen Sie wieder, wenn Sie ein Interview mit Hillary Clinton haben!» Das kanns ja wohl nicht sein.
René Worni, Redaktor

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