Hier kocht der Chef!

Aufgefallen Der Umgang mit Berufskrankheiten will gelernt sein. Auch von Journalisten. Besonders wenn sie so unvermeidlich und matchentscheidend sind wie das Handling des eigenen Bosses.

Kolumne Der Umgang mit Berufskrankheiten will gelernt sein. Auch von Journalisten. Besonders wenn sie so unvermeidlich und matchentscheidend sind wie das Handling des eigenen Bosses.Keine Namen, Mbwana! Auch nicht die Namen derer, die sich nach der letzten Kolumne skeptisch äusserten. Dort wurde die Annahme vertreten, dass man sich in Redaktionen seine Portion Macht holt, indem man Ideen hat beziehungsweise simuliert. Und sich unentbehrlich macht, indem man sie sich regelmässig stehlen lässt.Der Einwand der Skeptiker gegen diese These lautet: Schön und gut, aber unsere Medien werden leider weniger durch Ideen regiert als durch Köpfe. Und zwar durch die Köpfe der Chefs.
Tatsächlich scheint in diesem Land eine Art Chefredaktorenhydra zu herrschen: Kaum wird irgendwo einer der bekannten Köpfe abgeschlagen, wächst er im Konkurrenzmedium wieder hervor. Seinen Platz nimmt darauf ein anderer der bekannten Köpfe ein. Entsprechend gleicht die Personalpolitik nationaler Verleger oft jener von lokalen Gogo-Schuppen-Besitzern: Letztere werben für «neue Tänzerinnen», wenn diese aus dem Nachbardorf eingetroffen sind; der Verleger seinerseits bedient sich bei der Nachbarzeitung und bemerkt stolz: «Neuer Chefredaktor!»
Kein Wunder, gleichen sich die Zeitungen zunehmend wie ein Glatzkopf dem anderen. Doch damit genug des Kulturpessimismus. Immerhin muss man mit der Hydra leben. Und es ist ein Gebot der Vernunft, Chefredaktoren für dasselbe zu halten wie Zigaretten und durchgearbeitete Nächte: eine scheussliche, aber unvermeidliche Berufskrankheit. Was also tun?
Am besten das, was man will – mit einigen Vorsichtsmassnahmen. Das grundsätzliche Problem ist, dass man in Gegenwart von Chefs nicht allzu sehr glänzen sollte, es sich in Zeitungen aber nicht vermeiden lässt. Besonders, da die Editorials und Leitartikel beliebiger Chefredaktoren eine deutliche Sprache sprechen. «Hier kocht der Chef!»: Das mag ja in
Restaurants eine Empfehlung sein, in Printmedien ist es das Gegenteil.
Die Schwierigkeit besteht darin, dass man seine Brillanz (und brillant sind wir doch alle, nicht?) schriftlich nur bei
Todesstrafe verbergen kann. Getarnte Ideen sind keine mehr. Es lohnt sich also, dem Chef gegenüber sozial loyal zu sein. Er muss denken, dass er die Sonne, Sie aber der Mond sind. Was gelegentliches Glänzen unverdächtig erklärt.
Der einfachste Chef ist der freundliche, wegen seiner repräsentativen grauen Schläfen geholte Chefredaktorendarsteller. Das Problem ist nur, dabei nicht einzuschlafen. Sonst genügt, ihm für Ideen, die Sie ihm gerade souffliert haben, zu huldigen. Bei Applaus wird er – wie jeder echte Schauspieler – nie Verdacht schöpfen.
Wesentlich gefährlicher ist der (langsam aussterbende) liberale Charakterkopf mit einer Vorliebe für publizistisches Gewissen. Dieser wird Sie entweder fördern oder verfolgen, in jedem Fall aber erziehen wollen. Mischen Sie dosierten Widerspruch mit punktueller Einsicht. Und fragen Sie den Lebenserfahrenen periodisch um Rat. Er wird wie ein Vater zu Ihnen sein.
Die Chefs der 68er-Generation machen die härtesten Autoritätsprobleme: Jahre des gnadenlosen Kollektivs haben sie in autistische Pitbulls verwandelt. In ihren Medien beissen sie (egal, ob links, rechts, prominent oder unbedeutend) alles, was schwach ist, in der Redaktionskonferenz töten oder hypen sie Vorschläge nach zehn Sekunden. Sie loben und tadeln meist ohne jeden sichtbaren Grund. Sie sind wandelnde Zufallsgeneratoren. Hier hilft nur: 1. Tiefschläge nicht persönlicher als schlechtes Wetter zu nehmen und 2. im Verkehr mit ihnen jeweils auf zwei Komplimente eine ironische Frechheit zu äussern. Dieser Typ Chef liebt Schmeichelei, aber er hasst Schmeichler.
Hilft gegen die Chefredaktoren-Rasierklinge also nur Schleimerei? Ja, Mbwana, es bleibt wohl nichts anderes übrig. Wichtig ist letztlich einzig die reale Freiheit, nicht der Preis, der dafür gezahlt wird. Dennoch, eine letzte Warnung: Es gibt auch Berufskrankheiten, an denen man stirbt.
Constantin Seibt kennt verschieden gefährliche Gattungen von Chefredaktoren.

> Constantin Seibt ist Redaktor für Politik und Wirtschaft bei der WochenZeitung (WOZ).

More articles on the topic