Guantánamo als mediales Verdrängungssymptom
Aufgefallen Die globale Primeur-Jagd hat fatale Risiken und Nebenwirkungen. Unter anderem jene, viel grundsätzlichere Skandale zu überdecken.
Kolumne Die globale Primeur-Jagd hat fatale Risiken und Nebenwirkungen. Unter anderem jene, viel grundsätzlichere Skandale zu überdecken.Dass Medien starke Wirkungen entfalten, hat der Newsweek-Bericht über Koranschändungen im US-Militärgefängnis Guantánamo einmal mehr belegt. Die 17 Toten, die antiamerikanische Proteste in Afghanistan in Reaktion auf die Geschichte gefordert haben, werden dadurch nicht wieder lebendig, dass sich die Chefredaktion des Nachrichtenmagazins bei den Angehörigen inzwischen entschuldigt hat.Psychologisch verständlich ist es immerhin, dass sich Newsweek nicht noch einmal nachsagen lassen wollte, die Redaktion habe
einen Scoop anderen überlassen, weil sie gezaudert hat. Die Schmach war wohl noch nicht vergessen, dass Präsident Clintons Affäre mit seiner Praktikantin Monica Lewinsky nur deshalb vom Internet-Reporter Matt Drudge aufgedeckt wurde, weil die entsprechende Newsweek-Story bei Redaktionsschluss noch nicht ausrecherchiert war.
Nur: War die Story vom Koran im Klo wirklich ein Scoop? Dass Gefängnisaufseher die ihnen Anvertrauten auf diese oder jene Weise demütigen, ist vermutlich nicht so einzigartig auf dieser Welt – weder in den US-Haftanstalten noch anderswo. Nicht weniger naiv ist hingegen, wer nun generell anprangert, dass sich Medien anonymer Quellen bedienen. Ohne jene «informierten Kreise» und gezielte Indiskretionen von Eingeweihten, die selbst im Dunkeln bleiben, ist (regierungs)kritischer Journalismus undenkbar.
Wichtig ist indes, dass sich jeder Journalist, der anonyme Quellen nutzt, der Gefahr bewusst ist, instrumentalisiert zu werden: Wer nicht einfach Gerüchte streuen möchte, sollte sich also Dokumente aushändigen lassen oder zumindest einen zweiten Informanten suchen, der die Aussage des ersten bestätigt.
So weit die Lehrbuch-Regeln, die freilich in der beinharten Konkurrenz um Primeurs nicht einfach einzuhalten sind. Zumal Journalisten auch selbst gerne mit anonymen Informanten spielen – und ihrem Publikum so vorspiegeln, wie gut sie vernetzt sind. Grundsätzlich hat die Leserschaft natürlich ein Anrecht, zu erfahren, woher eine Information stammt. So hielt die in Sachen Selbstkontrolle führende New York
Times in einem internen Bericht jüngst fest, dass es die journalistische Glaubwürdigkeit untergräbt, wenn sich im Blatt ständig Berichte ohne greifbare Quellen finden.
Vielleicht sollten wir es uns auch mit den starken Medienwirkungen nicht allzu leicht machen. Denn wer Hass sät, wird Hass ernten. Im vorliegenden Fall hat diesen nicht Newsweek gesät. Die Toten in Afghanistan gehen eher auf das Konto derjenigen islamischen Fundamentalisten, die sie tatsächlich umgebracht haben. Und wohl auch der kaum minder fundamentalistischen, auf bigotte Weise christlichen Krieger, die in Washington regieren und bei ihren Kreuzzügen auch liberale Medien drangsalieren.
Wer, wie Newsweek, schlechte Nachrichten zu überbringen hat, sollte allerdings etwas tun, was unter Journalisten noch immer verpönt ist: über mögliche Folgen einer Publikation nachdenken und abwägen, ob es wirklich ein öffentliches Interesse am Vorfall gibt. Dass Journalisten der Koranschändung auf Guantánamo weltweit hohen Nachrichtenwert zumessen würden, war absehbar, obschon diese Episode vielleicht gar nicht unser aller Aufmerksamkeit verdient hat. Jedenfalls steht sie in einem merkwürdigen Kontrast dazu, wie wenig sich die Medien als Vierte Gewalt bisher darüber erregt haben, dass es dieses Lager überhaupt gibt. Der eigentliche Skandal ist ja wohl, dass dort Menschen seit Jahren ohne jedwede Rechtsgrundlage schikaniert und ihrer Freiheit beraubt werden – entgegen allen Menschenrechtsdeklarationen.
>Stephan Russ-Mohl ist Publizistikprofessor an der Universität
der italienischen Schweiz in Lugano.
einen Scoop anderen überlassen, weil sie gezaudert hat. Die Schmach war wohl noch nicht vergessen, dass Präsident Clintons Affäre mit seiner Praktikantin Monica Lewinsky nur deshalb vom Internet-Reporter Matt Drudge aufgedeckt wurde, weil die entsprechende Newsweek-Story bei Redaktionsschluss noch nicht ausrecherchiert war.
Nur: War die Story vom Koran im Klo wirklich ein Scoop? Dass Gefängnisaufseher die ihnen Anvertrauten auf diese oder jene Weise demütigen, ist vermutlich nicht so einzigartig auf dieser Welt – weder in den US-Haftanstalten noch anderswo. Nicht weniger naiv ist hingegen, wer nun generell anprangert, dass sich Medien anonymer Quellen bedienen. Ohne jene «informierten Kreise» und gezielte Indiskretionen von Eingeweihten, die selbst im Dunkeln bleiben, ist (regierungs)kritischer Journalismus undenkbar.
Wichtig ist indes, dass sich jeder Journalist, der anonyme Quellen nutzt, der Gefahr bewusst ist, instrumentalisiert zu werden: Wer nicht einfach Gerüchte streuen möchte, sollte sich also Dokumente aushändigen lassen oder zumindest einen zweiten Informanten suchen, der die Aussage des ersten bestätigt.
So weit die Lehrbuch-Regeln, die freilich in der beinharten Konkurrenz um Primeurs nicht einfach einzuhalten sind. Zumal Journalisten auch selbst gerne mit anonymen Informanten spielen – und ihrem Publikum so vorspiegeln, wie gut sie vernetzt sind. Grundsätzlich hat die Leserschaft natürlich ein Anrecht, zu erfahren, woher eine Information stammt. So hielt die in Sachen Selbstkontrolle führende New York
Times in einem internen Bericht jüngst fest, dass es die journalistische Glaubwürdigkeit untergräbt, wenn sich im Blatt ständig Berichte ohne greifbare Quellen finden.
Vielleicht sollten wir es uns auch mit den starken Medienwirkungen nicht allzu leicht machen. Denn wer Hass sät, wird Hass ernten. Im vorliegenden Fall hat diesen nicht Newsweek gesät. Die Toten in Afghanistan gehen eher auf das Konto derjenigen islamischen Fundamentalisten, die sie tatsächlich umgebracht haben. Und wohl auch der kaum minder fundamentalistischen, auf bigotte Weise christlichen Krieger, die in Washington regieren und bei ihren Kreuzzügen auch liberale Medien drangsalieren.
Wer, wie Newsweek, schlechte Nachrichten zu überbringen hat, sollte allerdings etwas tun, was unter Journalisten noch immer verpönt ist: über mögliche Folgen einer Publikation nachdenken und abwägen, ob es wirklich ein öffentliches Interesse am Vorfall gibt. Dass Journalisten der Koranschändung auf Guantánamo weltweit hohen Nachrichtenwert zumessen würden, war absehbar, obschon diese Episode vielleicht gar nicht unser aller Aufmerksamkeit verdient hat. Jedenfalls steht sie in einem merkwürdigen Kontrast dazu, wie wenig sich die Medien als Vierte Gewalt bisher darüber erregt haben, dass es dieses Lager überhaupt gibt. Der eigentliche Skandal ist ja wohl, dass dort Menschen seit Jahren ohne jedwede Rechtsgrundlage schikaniert und ihrer Freiheit beraubt werden – entgegen allen Menschenrechtsdeklarationen.
>Stephan Russ-Mohl ist Publizistikprofessor an der Universität
der italienischen Schweiz in Lugano.
