Gestörte Harmonie

Die Komponisten im Berufsverband der Schweizer Medienmusiker SMECA erleiden massive Tantiemen-Einbrüche und kämpfen für einen Online-Tarif. Die Branche steht vor grossen Herausforderungen.

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Die Interview-Partner aus dem Vorstand des SMECA: Lionel Vincent Baldenweg, Great Garbo (l.), Roland Schmid, Jingle Jungle, Adrian Frutiger, freier Komponist, Lysander Gelewski,
SMECA-Geschäftsführer deutsche Schweiz.

WW: Die Schweizer Medienmusiker fühlen sich unterbezahlt. Seid Ihr zu schlecht organisiert?
Adrian Frutiger: Es gibt oder besser gab eine langjährige Konkurrenz zwischen Komponisten für Werbung und Spielfilme. Eine ohnehin schon kleine Gruppe wurde noch einmal geteilt. Das war auch praktisch, man konnte, wenn man wollte, uns gegeneinander ausspielen. Heute gibt es aber viele Musiker, die für beide Sparten arbeiten. Zusammen wollen wir uns mehr Gehör verschaffen. Im Dezember 2012 haben wir in diesem Sinne unseren neuen Verband gegründet. Im Berufsverband der Schweizer Medienkomponisten sind alle Gattungen vertreten: Spielfilm-, Werbemusik- sowie Jingle- und Game- Komponisten.

Wie viele Mitglieder hat SMECA heute?
Lysander Gelewski: Wir sind 43. Die Zahl aller haupt- oder nebenamtlich arbeitenden Medienkomponisten in der Schweiz schätzen wir auf 200.

Ist der Verband ein taugliches Instrument?
Gelewski: Die Thematik der Nutzungsrechte und Auftragshonorare für Medienmusik ist sehr komplex. Deshalb wird es von der gesamten Kommunikationsbranche positiv betrachtet, dass man endlich einen kompetenten Ansprechpartner hat. Wir haben alle Medienkomponisten unter einem Dach vereint und können jetzt gemeinsam unsere Interessen formulieren. Dazu gehört die Vertretung der Medienkomponisten gegenüber zwei Zielgruppen. Das sind einerseits die Verwertungsgesellschaften, vor allem Suisa, Swissperform und SIG. Die andere Zielgruppe sind die Produzentenverbände. Als drittes Ziel will der Verband SMECA das Schaffen der Medienkomponisten fördern, was wir über Networking, Workshops und Informationsvermittlung erreichen.

Das Internet hat sich zu einem nicht mehr kontrollierbaren Abspielfeld entwickelt. Was heisst das für die Komponisten?
Lionel Vincent Baldenweg: Im Web kommen wir als Content-Kreateure relativ schlecht weg. Unsere Musik wird sehr oft und intensiv genutzt. Aber wir haben wenig bis gar nichts davon. Die Leute, die uns diesbezüglich vertreten sollten, haben sich einfach noch nicht auf eine klare gemeinsame Strategie einigen können.
Roland Schmid: Das Internet gibt es seit bald 20 Jahren. Aber die Verwertungsgesellschaften haben es immer noch nicht geschafft, einen Tarif für dieses Medium zu definieren. Mit Google zum Beispiel konnte man sich für die Nutzungen auf YouTube erst nach jahrelangen Verhandlungen und Rechtsstreiten einigen.
Frutiger: Zumindest in den letzten Jahren wurde die Entwicklung absehbar, und es ist einfach ein bisschen träge, dass es bei der Suisa noch keinen Plan gibt für eine gerechte Abgeltung der Musik im Netz.
Baldenweg: Die SMECA möchte unseren Kunden, also Produzenten und Werbeagenturen, die Budgetierung in Zukunft einfacher machen. Dazu sollen Richtwerte erstellt und Empfehlungen abgegeben werden. Dann kann eine Werbeagentur von Beginn weg mit einem genau definierten Betrag für die Musik rechnen in ihren Budgets. Auch neue Standard- Verträge sind uns ein grosses Anliegen, weil sie für die ganze Branche von Nutzen wären.
Frutiger: Unsere Kunden bezahlen ja sehr hohe Mediengebühren. Dort drin sollten wir als Komponisten eigentlich auch abgegolten werden mit minimalen Tantiemen. Das greift im Netz aber noch nicht.

Soll neues Geld kommen oder nur das bisherige neu verteilt werden?
Gelewski:
Neues Geld, denn es gibt bisher keinen eigentlichen Online-Tarif bei der Suisa. Die neue Realität in den Griff zu kriegen, ist sehr schwierig. Die Entwicklung ist rasant. Aber die Suisa arbeitet weiterhin mit uralten Tarifen, die für ganz andere Musiknutzungen konzipiert wurden. Das führt zu riesigen Diskrepanzen zwischen Aufwand und Ertrag.

Ihr seid unzufrieden mit dem Vergütungssystem. Wohin geht das Geld, das Euch vorenthalten wird?
Gelewski: Von den rund 7,5 Millionen Franken, welche die Suisa jährlich einkassiert für die Werbespots in den Programmen der SRG, werden 15 Prozent als Verwaltungskosten abgezogen. 10 Prozent fliessen in die Sozialfürsorge und Kulturförderung. Dann – und das ist der Stein des Anstosses – nimmt die Suisa 20 Prozent der Tantiemen und schiebt sie der Musiknutzung in anderen Fernsehprogrammen zu. Davon profitieren insbesondere die zahlreichen ausländischen Serien. Das heisst: Auf 45 Prozent unserer Tantiemen und damit über 3 Millionen jährlich müssen wir verzichten.
Baldenweg: Und dazu muss man noch präzisieren: Die 7,5 Millionen sind nicht alle für Schweizer Komponisten. Das ist die Summe für den gesamten SRGWerbekuchen mit Spots und damit für Komponisten und Musikverlage aus aller Welt.

Wie kann Musik im Internet gemessen werden? Wir sehen die Probleme ja bereits beim Debakel mit den TV-Nutzungszahlen?
Schmid: Ich behaupte, dass grosse Medien-Agenturen genau wissen, welche Zielgruppe wie viel anklickt. Stichwort Targeting. Der Kunde wird nur Geld einsetzen, wenn der Erfolg einer Kampagne auch messbar ist. Deshalb ist das Erfassen der Reichweiten nicht das Problem.
Gelewski: Wir sind nicht eigentlich abhängig davon, wie viele Personen einen Spot von uns sehen beziehungsweise hören. Nach dem Urheberrechtsgesetz ist für eine Vergütung entscheidend: Wie viel hat der Werbeauftraggeber bezahlt für die Platzierung seines Spots. Man nennt dies den «Werk-Ertrag» oder den «Werk-Aufwand». Nur für den Werbeauftraggeber ist entscheidend, wie viele Kontakte er generiert. Uns interessiert hingegen: Hat der Kunde 1000 oder 100 000 Franken für seine Kampagne bezahlt.
Baldenweg: Wenn kein Online-Tarif in Kraft tritt, werden die Komponisten gezwungen, ihre Preise zu erhöhen. Solange bei den Mediabudgets noch nicht so viel Geld in den Bereich Online gesteckt wurde, konnte man noch relativ klar messen, was von SRG und anderen TV-Stationen in Form von Urheber- Vergütungen zurückkam. Man konnte recht genau evaluieren, wie viel man als Musikproduzent in einen Spot investieren konnte. Jetzt, da die Vergütungen für klassische Medien sinken und für Online- Nutzungen nichts oder fast nichts bezahlt wird, fehlen uns die Grundlagen für eine vernünftige Planung. Die Auftragshonorare in der heutigen Zeit decken selten den Aufwand für Personal und Studio, um eine Produktion auf dem gewünschten Niveau umsetzen zu können.
Schmid: Das war jeweils das Argument des Spotproduzenten bei Honorarverhandlungen: «Du bekommst nachher noch viel Geld von der Suisa.» Wegen der Umverteilung der Tantiemen innerhalb der Suisa und dem Fehlen von adäquaten Tarifen im Online-Bereich trifft dies nicht mehr zu.

Sind die Musiker zu sehr Künstler und kümmern sich nicht um ihre Anliegen?
Schmid: Das ist ein wichtiger Teil des Problems. Seine Urheberrechte wahrzunehmen, bedeutet viel administrativen Aufwand. Die meisten Kreativen und vor allem Musiker sind beschäftigt mit ihren Ideen. So gesehen haben wir sicher einiges verschlafen. Wir hätten proaktiv schon früher intervenieren müssen.
Baldenweg: Wir sind als Musiker schlecht geschützt und haben in den letzten Jahren sehr grosse Einbussen hinnehmen müssen. Die Urheber-Einnahmen sind um 20 bis 40 Prozent zurückgegangen im Bereich Werbung und im Film zwischen 30 und 70 Prozent. Und das war das Geld, welches wir brauchten, um in neue Produktionen, Software und Studios zu investieren. Es geht also um die wirtschaftliche Existenz einer kleinen, aber wichtigen Berufsgruppe in der audiovisuellen Branche.
Schmid: Die Suisa hat heute an einer Sitzung alle unsere Anliegen abgelehnt. Man scheint die branchenspezifischen Anliegen der Medienkomponisten nicht zu verstehen oder verstehen zu wollen.

Was sind Eure nächsten Schritte?
Schmid: Weiter verhandeln, lobbyieren, das Image der Schweizer Medienmusiker so darstellen, wie es ist, und weg kommen vom selbstgefälligen Künstler als Einzelkämpfer. Es gibt auch Möglichkeiten, gerichtlich weiter vorzugehen – mit einem Kampf bis vor Bundesgericht. Einen solchen Prozess gegen die Suisa hat eine kleine Gruppe von Werbekomponisten unter Führung unseres Vize-Präsidenten vor fünf Jahren bereits einmal gewonnen. Aber das kostet viel Nerven und Geld. Das könnten wir besser einsetzen. Eine dritte Möglichkeit, über die wir ernsthaft nachdenken, ist die Gründung einer autonomen Verwertungsgesellschaft.

Interview: Andreas Panzeri

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