Georgette Dee: Zwischen Singen und Sagen

Die «ZEIT» nennt sie die grösste «Diseuse» Europas. Georgette Dee. Eine Bühnen-Diva, eine Künstlerin auf dem schmalen Grat der inneren Freiheit und der Härte des Lebens. Sie schenkte m&k drei Stunden ihres Lebens.

Georgette Dee in ihrem Lieblings-Outfit mit den Füssen im Pool. Sie geniesst ihren Garten.
Georgette Dee in ihrem Lieblings-Outfit mit den Füssen im Pool. Sie geniesst ihren Garten.

Georgette Dee hat mich nach Berlin-Gatow in ihr Haus eingeladen. Ehrfürchtig stehe ich vor dem Eckgrundstück. Ich bin zu früh, laufe an der Hecke entlang und bewundere die Pflanzen- und Blumenvielfalt, die das Wohnhaus umgibt. Wie zu einem verwunschenen Ort lädt die Gartenpforte mit dem Schriftzug «Friede sei mit Dir» zum Eintreten ein. «Ein Mantra gegen den Zorn», wird sie mir später lachend erzählen.

Ich klopfe an die Haustür und gleich darauf steht sie vor mir. Die, die ich 1992 im Berliner Schillertheater auf der Bühne gesehen habe und seitdem nicht mehr aus dem Herzen bekomme. Trotz Leinenhemd und Schlabberhose besitzt Georgette Dee die Aura einer Königin. Ob ich Kaffee möchte, fragt sie mich. Ich nicke und schaue mich um. Wir stehen in der Küche, die gleichzeitig als Wohnzimmer fungiert. Am Fenster, raus zum Garten, stehen zwei Sessel, auf die wir uns begeben, beide mit einer dampfenden Tasse in der Hand. In Berlin hat es geregnet, es ist feucht und kühl. Das gehe ihr in die Knochen, sagt sie und setzt sich anders hin. Überhaupt habe sich so einiges verändert seit einem Jahr. Ich sitze und lausche, all die Fragen auf meinem Zettel habe ich vergessen, sie hat mich, ohne Bühne und Scheinwerferlicht, komplett in ihren Bann gezogen.

Das Leben sei ja schon ein Theater, beginnt sie. Wann fällt der Vorhang, frage ich. Ich rezitiere diesen Satz aus einer Show von ihr. Sie schaut mich an, versteht und sagt ernst: «Ja, das ist mein Thema seit einem Jahr.» Nach einem Herzinfarkt im letzten Juli ging es eigentlich reibungslos wieder aufwärts, aber sie stellt fest, dass sie unglaublich wütend ist seitdem, sie weiss nicht, warum. Schrecklich sei, dass ihr alles so egal sei seit der OP. Wenn sie die Nachrichten höre, denkt sie, die haben sie ja nicht mehr alle. Aber der Impuls, sich dagegen aufzulehnen, etwas ändern zu wollen, der sei weg. «Wir Menschen lernen scheinbar nichts dazu», lautet das Fazit. Meinen tut sie damit alles. Kriege, Hass, Unmenschlichkeit, Machtgier. Aber sie reflektiert auch. «Ich schliesse mich da nahtlos mit ein, ich habe aufgehört zu rauchen, als ich auf dem OP-Tisch lag und einen Bypass erhalten habe.»

Im Herbst ist voraussichtlich eine neue Show geplant, sie arbeitet gerade an und mit Texten von Walt Whitman. Dessen Hauptwerk, die Gedichtsammlung «Leaves of Grass» (Grashalme), die er von 1855 bis kurz vor seinem Tod 1892 immer wieder erweiterte und veränderte, beeindruckt Georgette Dee und in den Versen findet sie Potenzial für die Bühne.

Einer der Lieblingsplätze von Georgette Dee in ihrem verwunschenen Garten.
Einer der Lieblingsplätze von Georgette Dee in ihrem verwunschenen Garten.

«Die Bühne – der magische Ort»

Georgette kämpft in letzter Zeit zunehmend mit ihrer Gabe, Stimmungen aufzugreifen. Sie kann Menschen einschätzen, sie weiss um deren Problematiken, spürt Schwingungen. Das wird ihr neuerdings zu viel, vor allem jetzt, wo es so vielen Menschen schlecht gehe. Dann zieht sie sich zurück. Braucht Abstand. Wie ist das mit ihrem Publikum? Das sei etwas ganz anderes. Auf der Bühne fühle sie sich zu Hause, das sei ein magischer Ort, sagt sie. «Da passiert etwas mit mir», so drückt sie es aus. Die Menschen im Publikum nimmt sie wahr, aber sie selbst verbreitet die Stimmung mit ihrem Programm und so dringen die persönlichen Schwingungen der Menschen nicht zu ihr hoch, sondern die Resonanz auf ihre Show wabert im Raum. Das ist magisch und gibt ihr unendlich viel Kraft. Selbst als sie schon den ersten Herzinfarkt hatte, es aber noch nicht wusste, weil sie nur diese diffusen Schmerzen im Brustbereich spürte und einfach weitermachte, aus Gewohnheit und na ja, weil eigentlich bis dahin immer nur andere so Dinge hatten wie Herzprobleme oder Schlaganfälle. Man glaubt, man sei immun, bis es passiert, reflektiert sie. Also, trotz Schmerzen in der Brust und schwindeliger Müdigkeit spielte Georgette noch zwei Wochen. Unglaublich. Dann rief sie den Arzt an, der sie sofort ins Krankenhaus überwies. Sie sass am Tisch in ihrer Küche in Gatow, rauchte noch eine letzte Zigarette und ging.

Das Rauchen fehlt ihr, irgendwie gehörte es dazu, selbst auf der Bühne nutzte sie die Zigarette als Ausdrucksmittel. Wie auch den Wein. Sie muss lachen, als sie für einen Moment zurückdenkt. «Sie können sich gar nicht vorstellen», sagt sie, «wie viele Shows ich an die Wand gefahren habe, weil ich einen sitzen hatte.» Bestimmt habe sie viel Publikum verloren, Leute, die einfach nie wieder in eine Show gekommen seien. Ja, sinniert sie, die Dinge veränderten sich. Auch der Wein sei Geschichte. Ab und an ein Glas, aber … na ja, so sei das eben. Sagt sie und wirft die weissen Haare zurück. Was soll’s, das Leben geht weiter. Sie sei jetzt Rentnerin, witzelt sie, das fühle sich surreal an.

Georgette Dee schlägt die Beine übereinander. Ich schaue sie an und bin beeindruckt von dieser Diva. Sogar hier, in der Küche, im Gartenarbeits-Look strahlt sie eine Würde aus, die der einer Königin in nichts nachsteht. Da ist nichts Gespieltes, keine Koketterie, nur Mensch. Wir schweigen. Es ist eine schöne Stille. Sie nimmt einen Schluck Kaffee, schaut mich an.

Georgette Dee, 1992, bei ihrem legengären Konzert im Berliner Schillertheater.Bild: Elke Günzler
Georgette Dee, 1992, bei ihrem legengären Konzert im Berliner Schillertheater. (Bild: Elke Günzler)

Das ist Bühnenkunst

Mich übermannt die Erinnerung. 1992, ich bin 22 Jahre alt, studiere in Berlin an der UdK Tanz, Gesang und Schauspiel. Unser Schauspiellehrer besorgt uns Karten für das Schillertheater, wir sollen sehen, was Bühnenkunst ist, sagt er. Da könnten wir viel lernen. Wer tritt an diesem Abend auf? Natürlich, Georgette Dee. Der Saal wird dunkel und da kommt sie. Eine Urgewalt, Locken, eine Kippe zwischen den Zähnen, ein Glas Wein in der Nähe. Mit einer Selbstverständlichkeit wirft sie die Haare nach hinten und wirft uns aus der Bahn. Wir lachen, wir weinen, wir schütteln fassungslos die Köpfe, es ist ein Fest. Frenetischer Applaus nach jedem Song, die Luft brennt, die Energie ist elektrisierend. Der Vorhang fällt, die Show ist vorüber, die Menge möchte nicht gehen, möchte mehr, es gibt Zugaben, sie schminkt sich auf der Bühne ab, raucht eine Zigarette und entlässt uns schliesslich in die Berliner Nachtluft.

Das alles geht mir durch den Kopf, und mich überkommt eine grosse Zuneigung, ich möchte am liebsten aufstehen und diese grosse Künstlerin umarmen, aber das wage ich nicht.

Stattdessen frage ich, ob sie ihre Karriere als Akt gesellschaftlichen Aktivismus betrachte. Ob es ihr Weg gewesen sei, zu zeigen, dass jeder Mensch liebt, leidet, lacht, egal welche Lebensweise, welches Geschlecht, welche Hautfarbe und welche sexuelle Orientierung er hat. Immerhin, sage ich, ging sie ihren Weg schon mit einer trotzigen Selbstverständlichkeit, als es noch keinesfalls Mainstream war, LGBTQI+ zu sein. Sie lacht laut auf, irgendwann, grinst sie, werde noch jeder Buchstabe im Alphabet dazugereiht und es würde sich immer noch irgendjemand finden, der sich nicht angesprochen fühle. Nein, nein, damit könne sie nichts anfangen und möchte auch kein Vorbild sein. Sie sei einfach immer nur ihren Weg gegangen, allen Widerständen zum Trotz. Sie habe sich nie hinterfragt, einfach gelebt. Auf die Bühne wollte sie immer schon, singen auch. Ihre Familie habe sie dabei nicht unterstützt, sie ging von Bergen, wo sie aufwuchs, nach London, dann nach Berlin. Georgette fand immer Menschen, die ihr Rückhalt gaben, die sie förderten, der Rest … sei das Leben. So einfach. Und doch so komplex. Gesellschaftlicher Aktivismus? Nein, das überlasse sie anderen. Wie den Klimaklebern, für die sie Empathie empfindet, deren Radikalität sie nachempfinden kann.

Georgette Dee hört Radio, das ist eine ihrer Inspirationsquellen. Fernsehen schaut sie nie. Das kann sie nicht ertragen, all die Gesichter, der Lärm, die viele Dummheit. Auch sie habe Fernsehen gemacht, erzählt sie. Aber sie konnte sich nicht gewöhnen an diese Banalität der Kamera. Halt kein Publikum, die Magie fehle gänzlich, sie hat sich dann von der Idee «Georgette goes TV» verabschiedet. Andere Künstler:innen hätten sich ihre Shows vergoldet im Fernsehen. Das hat sie nie interessiert.

Pool-Gespräche: Georgette Dee und Co-Chefredaktorin Anna Kohler im Garten beim Plaudern.
Pool-Gespräche: Georgette Dee und Anna Kohler, Co-Chefredaktorin von m&k Werbewoche, im Garten beim Plaudern.

Zeit für die Kamera

Der Fotograf klingelt an der Tür, es ist Zeit, in die Realität zurückzukehren. Wir gehen in den Garten, die Sonne kommt durch, der Garten dampft vor Feuchtigkeit, die nun durch die Sonne verdrängt wird. Sie hat sich diesen Fotografen gewünscht, beide kennen sich schon lange. Kaum ist die Kamera auf Georgette Dee gerichtet, ist es, als gingen die Scheinwerfer an. Die Augen blitzen, der Körper baut eine andere Spannung auf, die Mimik ist grösser. Während der Auslöser immer wieder klickt, erzählt sie mit ausladenden Armbewegungen vom Schreiben. Ihre Texte, ihre Bühnenshows habe sie am liebsten in der Fremde erfunden. Die Distanz habe ihr immer geholfen, die dramaturgischen Bögen zu spannen. Orte wie Marrakesch seien magisch, da habe sie eine Woche auf der Dachterrasse eines Cafés gesessen und dem knackpoigen Kellner den Kopf verdreht. Dieser sei vor lauter Verzweiflung ob der sexuell aufgeladenen Stimmung immer wieder auf seinen Gebetsteppich gesunken, sehr zur Freude von Georgette. Sie lacht. Und der Fotograf drückt ab. Welcher lebende Künstler oder welche lebende Künstlerin sie beindrucke, möchte ich wissen. Da fällt ihr sofort Peter Fox ein. Der könne mit seinen Songtexten tolle Bilder kreieren, er beschreibe die Stadt, in der sie beide lebten und aus der auch ich komme, perfekt in dem Song «Schwarz zu blau», aber auch Songs wie «Toskana Fan Boy» seien einfach grossartig.

Weil ich sie bitte, zieht sich Georgette Dee nochmal um. Raus aus dem Hausanzug, rein ins Bühnen-Outfit. «Mein Amtsgewand» nennt sie es liebevoll. Sie setzt sich kurzerhand damit in den Pool, der schwarze Samt des Kleides legt sich nass auf das Wasser. Diva halt. Sie riecht an einer der Blumen und vergisst kurz, dass die Scheinwerfer an sind. Klick, das Bild ist im Kasten. Nach ein paar weiteren Posen ist die Audienz beendet. Ich verabschiede mich aus dieser Oase, «Friede sei mit Dir» lese ich, schliesse die Gartenpforte und Gatow hat mich wieder.


Momente in Georgette Dee’s Leben:

1958: Georgette Dee kommt als fünftes Kind einer aus Pommern an der Ostsee stammenden Familie in der Lüneburger Heide zur Welt.

1979: Nach einer dreijährigen Ausbildung als Krankenpfleger ermutigte ihn ein befreundeter Pianist: «Du musst singen.»

1980: Georgette Dee zieht nach Berlin. Sie gibt erste Konzerte in klassischen Gay-Locations. In Berlin fühlt sie sich zu Hause.

1992: A star is born: Im ausverkauften Berliner Schillertheater gibt Georgette Dee ihr bis heute legendärstes Konzert. Von da an gibt sie unzählige Konzerte und bringt nahezu jedes Jahr eine CD heraus.

2001: Georgette Dee und ihr langjähriger Pianist Terry Truck entscheiden sich, getrennte Wege zu gehen.

2009: Georgette Dee und Terry Truck arbeiten wieder zusammen, dies bis heute.

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