Garten der Simulation
Kolumne In der Causa Reconvilier hat der Journalismus versagt: Lieber simuliert man ihn und hält sich dabei an den neoliberalen Mainstream, schreibt Oliver Fahrni .
Kolumne In der Causa Reconvilier hat der Journalismus versagt: Lieber simuliert man ihn und hält sich dabei an den neoliberalen Mainstream. Es war das Jahr des Karl. So heisst das Gespenst, das die Chefetagen im Jura und im fernen London erbeben liess. Karl hörte alles. Karl war immer schon da. Karl schlug sofort zu: Was immer beim Swissmetal-Konzern geschah – sogleich stellte er es aufs Netz. Scharf analysiert, mit Inside-informationen versehen, hell ausgeleuchtet. Zur Erinnerung: Swissmetal ist Opfer des Hedgefonds Laxey, Konzernchef Martin Hellweg demontiert die Fabrik in Reconvilier, die Metaller streikten. Hellweg verfluchte Karl öffentlich. Hunderte von Swissmetal-Arbeitern lasen ihn auf der Streikwache. Journalisten wilderten auf seinem Blog . In diesen Tagen werden sie es wieder tun, wenn Laxey seinen Coup landet, die Swissmetal zerstückelt, verscherbelt, schliesst oder zu einem Grösseren fügt oder sonst einen jener Plünderertricks der Hedger auffährt. Jedenfalls rechnen Börsianer mit Grobem – die Aktie stiess jüngst durch die Decke.
Das Gespenst ist ziemlich zeitgemäss. Karls Macht wächst nicht aus Gewehrläufen, sondern aus dem Internet. Vom ersten Streiktag in Reconvilier an zog er virtuos die Register Web, Mail, Blog. Viele Hunderte Seiten, 1500 Mails, weit mehr als 100’000 Besuche. Leserinnen dieser medienökologischen Kolumne wissen, was der Autor von Blogs hält. Karl war 2006 der tägliche Gegenbeweis. Dafür bekam der Cyber-Pirat bei den Swiss Blog Awards die Goldene Maus.
Den Preis holte sich eine Delegation der Arbeiter ab. Man ahnt: Karl ist ein Pseudonym. Im wahren Leben ist er ein junger, kluger Mann, der gerade zu einem brisanten Thema promoviert. Eine Figur, wie sie Dostojewski hätte erfinden können: gross gewachsen, ernsthaft, passioniert. Doch ganz aus unserer Zeit. Sein Kampfname ist nicht einfach persönlicher Schutz – «Karl» hat Karl als Kunstfigur konzipiert. Als Rolle. Er spiegelt nicht genau, was sein Autor denkt: «In manchem würde ich radikaler denken, aber in meiner Rolle muss ich entscheiden zwischen persönlicher Meinung und dem, was Karl im Dienste der Sache sagt.»
Im Dienst der Sache? «Den Arbeitern eine Stimme geben. Dafür muss ich mich zum Beispiel auf die wirtschaftlichen Regeln einlassen. Hier geht es um Dinge wie die Rolle eines Unternehmens in der Gesellschaft.» So liess er, mit recherchierender Gewissenhaftigkeit, eine Comic-Figur gegen «Martinou» alias Hellweg antreten. Ein Einzelspieler mit hohem Ethos. Karls Schöpfer ist mit Videospielen gross geworden. So kämpft er, ein wenig Marx, ein wenig Kapitän Harlock, sein Lieblingsheld, um die industrielle Zukunft im Jura.
Kurzum: Karl tat, was Journalisten heute oft unterlassen. Er stellte präzise Gedanken über Rolle und «Berufsbild» an. Jene, die eigentlich hätten aufklären müssen, glänzten in der Causa Reconvilier wenig (von den üblichen Ausnahmen wie Werner Vontobel und Jean-Martin Büttner abgesehen). Man möchte denken, Swissmetal hätte alle Ingredienzien attraktiven Journalismus’ enthalten: zwei «wilde Streiks», einen autistischen CEO, böse Hedgefonds, einen rechtsfreisinnigen Unternehmer als Präsident des Unterstützungskomitees, die tätige Solidarität einer ganzen Region, menschliche Schicksale, der Streit zwischen Romandie und Deutschschweiz, bundesrätliche Vermittlung, eine betrogene Berner Regierungsrätin…
Doch selbst als ein vom Vermittler bestellter Experte den Streikenden gegen den CEO in fast allen Punkten Recht gab, wollte ihn kaum ein Journalist sprechen. Nicht, dass man wenig geschrieben hätte. Die SDA tat einen fleissigen Job. Was die Gewerkschaft sagte, was Hellweg sagte, fand seinen Weg in die Medien. Die PR funktionierte. Ganz und gar nicht funktionierte der Journalismus. Vielleicht fehlte das Fachwissen, um die Affäre zu durchdringen. Wahrscheinlicher ist: Die Kollegen waren nicht interessiert. Was in diesem Land real geschieht, spielt sich in einiger Distanz zum Journalistenalltag ab. Lieber simuliert man Journalismus und hält sich dabei an den neoliberalen Mainstream.
Irritierend, aber aufschlussreich, was sich dergestalt einstellte: Karl, die Kunstfigur, sprach sehr viel realer über die Swissmetal als der reale helvetische Journalismus.
Oliver Fahrni ist freier Publizist und Medienökologe.
Das Gespenst ist ziemlich zeitgemäss. Karls Macht wächst nicht aus Gewehrläufen, sondern aus dem Internet. Vom ersten Streiktag in Reconvilier an zog er virtuos die Register Web, Mail, Blog. Viele Hunderte Seiten, 1500 Mails, weit mehr als 100’000 Besuche. Leserinnen dieser medienökologischen Kolumne wissen, was der Autor von Blogs hält. Karl war 2006 der tägliche Gegenbeweis. Dafür bekam der Cyber-Pirat bei den Swiss Blog Awards die Goldene Maus.
Den Preis holte sich eine Delegation der Arbeiter ab. Man ahnt: Karl ist ein Pseudonym. Im wahren Leben ist er ein junger, kluger Mann, der gerade zu einem brisanten Thema promoviert. Eine Figur, wie sie Dostojewski hätte erfinden können: gross gewachsen, ernsthaft, passioniert. Doch ganz aus unserer Zeit. Sein Kampfname ist nicht einfach persönlicher Schutz – «Karl» hat Karl als Kunstfigur konzipiert. Als Rolle. Er spiegelt nicht genau, was sein Autor denkt: «In manchem würde ich radikaler denken, aber in meiner Rolle muss ich entscheiden zwischen persönlicher Meinung und dem, was Karl im Dienste der Sache sagt.»
Im Dienst der Sache? «Den Arbeitern eine Stimme geben. Dafür muss ich mich zum Beispiel auf die wirtschaftlichen Regeln einlassen. Hier geht es um Dinge wie die Rolle eines Unternehmens in der Gesellschaft.» So liess er, mit recherchierender Gewissenhaftigkeit, eine Comic-Figur gegen «Martinou» alias Hellweg antreten. Ein Einzelspieler mit hohem Ethos. Karls Schöpfer ist mit Videospielen gross geworden. So kämpft er, ein wenig Marx, ein wenig Kapitän Harlock, sein Lieblingsheld, um die industrielle Zukunft im Jura.
Kurzum: Karl tat, was Journalisten heute oft unterlassen. Er stellte präzise Gedanken über Rolle und «Berufsbild» an. Jene, die eigentlich hätten aufklären müssen, glänzten in der Causa Reconvilier wenig (von den üblichen Ausnahmen wie Werner Vontobel und Jean-Martin Büttner abgesehen). Man möchte denken, Swissmetal hätte alle Ingredienzien attraktiven Journalismus’ enthalten: zwei «wilde Streiks», einen autistischen CEO, böse Hedgefonds, einen rechtsfreisinnigen Unternehmer als Präsident des Unterstützungskomitees, die tätige Solidarität einer ganzen Region, menschliche Schicksale, der Streit zwischen Romandie und Deutschschweiz, bundesrätliche Vermittlung, eine betrogene Berner Regierungsrätin…
Doch selbst als ein vom Vermittler bestellter Experte den Streikenden gegen den CEO in fast allen Punkten Recht gab, wollte ihn kaum ein Journalist sprechen. Nicht, dass man wenig geschrieben hätte. Die SDA tat einen fleissigen Job. Was die Gewerkschaft sagte, was Hellweg sagte, fand seinen Weg in die Medien. Die PR funktionierte. Ganz und gar nicht funktionierte der Journalismus. Vielleicht fehlte das Fachwissen, um die Affäre zu durchdringen. Wahrscheinlicher ist: Die Kollegen waren nicht interessiert. Was in diesem Land real geschieht, spielt sich in einiger Distanz zum Journalistenalltag ab. Lieber simuliert man Journalismus und hält sich dabei an den neoliberalen Mainstream.
Irritierend, aber aufschlussreich, was sich dergestalt einstellte: Karl, die Kunstfigur, sprach sehr viel realer über die Swissmetal als der reale helvetische Journalismus.
Oliver Fahrni ist freier Publizist und Medienökologe.
