Für eine Hand voll Donuts

Kolumne Oliver Classen über die Gründe, Hitparadenpublizistik zu betreiben und Intellektuelle zu deklassieren.

Kolumne Rankings sind eitler Abverkaufsjournalismus: so weit, so banal. Doch nun werden selbst Intellektuelle (de)klassiert – ironischerweise ausgerechnet vom Büezerverlag Ringier.Das Geständnis grad vorneweg: Ja, auch ich
habe mitgestimmt bei der kürzlich erfolgten Wahl zum «Schweizer
Journalisten 2006» im neuen, gleichnamigen Fachmagazin (SJ). Und direkt
anschliessend folgendes feierliches Gelöbnis: Bei der nächsten
Juryanfrage werden die Honig-ums-Maul-Reflexe («Sie sind genau der
Experte, den wir brauchen …») nicht greifen und nicht nochmals gegen
mein besseres Wissen siegen, dass nämlich solche Hitparadenpublizistik
nicht hehrer Aufklärung – und seis nur die der Branche über die eigene
Eitelkeit –, sondern einzig niederen Verlagsinteressen dient.

Im Nachhinein unerklärlich, dass ich meinen Fauxpas nicht schon
erkannte, als sich der charmante SJ-Verleger am Verleihungsfest mit
goldbestaubten Donuts von Jurymitgliedern und Preisträgern
verabschiedete. Nein, zur Katharsis brauchte es die Lektüre der
aktuellen Cicero-Ausgabe. Darin wartet Ringiers «Magazin für politische
Kultur» mit einer Bestenliste der sage und schreibe 500 wichtigsten,
auf jeden Fall aber medienwirksamsten Grosshirne deutscher Sprache auf.

Nun lässt sich die astronomische Anzahl der (neudeutsch) «Gerankten» ja
noch mit Verkaufskalkül erklären, nach dem Motto «jedem potenziellen
Neuabonnenten sein Plätzchen auf dem Treppchen». Ein Indiz für diese
These: Im Gegensatz zu Tamedia-Kolumnist Roger de Weck (Rang 247) und
NZZ-Oberfeuilletonist Martin Meyer (267) taucht Ringiers
Chefintellektueller Frank A. Meyer (FAM) nicht mal unter ferner liefen
auf. Einzige Erklärung: Der Cicero-Erfinder gehört nicht zum
Zielpublikum des eigenen Lesermarketings.

Kaum nachvollziehbar und akzeptabel ist indes das Kriterium, nach dem
«die deutungsmächtigsten Zeitgenossen» definiert werden. Denn
massgebend für die Aufnahme in die «Liste der 500» ist nicht geistige
Substanz, moralische Integrität oder politische Urteilskraft, sondern
bloss mediale Präsenz. Was zur ebenso logischen wie peinlichen Folge
hat, dass die Journalistenkaste mit 133 Nennungen völlig
überrepräsentiert ist. Darunter befinden sich wohl die langjährigen und
gewiss einflussreichen ChefredaktorInnen von Emma, Spiegel, FAZ, ARD
und Focus (in dieser Reihenfolge). Dennoch wird man den Eindruck nicht
los, dass sich hier unter dem Deckmäntelchen eines Dichter- und
Denkerwettbewerbs deren Multiplikatoren und Kommentatoren vor allem
selbst beweihräuchern.

Okay, Bescheidenheit gehörte noch nie zu den Kardinaltugenden unseres
Berufsstands. Aber solche Hybris rächt sich schon allein deshalb, weil
Kollegenlob ausserhalb der Journaille schlicht niemanden interessiert.
Für ein Branchenblatt à la SJ ist dies kein Problem und allenfalls
sogar ein Potenzial. Einem preziösen Publikumstitel wie Cicero dagegen
stehen inzestuöse Ränkespiele schlecht zu Gesicht. Wenn der
Büezerverlag Ringier (respektive FAM) schon bei Intellektuellen punkten
will, sollte er dies mit relevanten Recherchen und Meinungen statt der
Kopie belangloser Modeerscheinungen versuchen.

Ein ungleich nachhaltigeres Mittel zur Gewinnung von
Branchenaufmerksamkeit wäre die Reanimation des vor Jahresfrist
eingeschläferten Ressorts «Medienmacht». Dieses widmete sich nicht
personellen Peanuts (beziehungsweise Donuts), sondern beleuchtete immer
mal wieder auch kritisch journalistisches Rollen- und
Selbstverständnis. Der eigenen Zunft den Spiegel vorhalten, tut Not,
auch in Publikumsmedien. Die «Spieglein, Spieglein an der Wand»-Routine
hingegen sollte man der (eigenen) Promipresse überlassen.

Oliver Classen ist Pressesprecher der
entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern. Zuvor
arbeitete er als Medienjournalist u. a. für die Werbewoche.

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