Faule Berliner Äpfel
Kolumne Pressesprecher sind wie Werber, nur gefährlicher: An Kongressen pflegen sie ihre Profilneurosen und produzieren reichlich Warmluft, schreibt Oliver Classen.
Kolumne Pressesprecher sind wie Werber, nur gefährlicher: An Kongressen pflegen sie ihre Profilneurosen und produzieren reichlich Warmluft. Eine Lektion in praktischer Medienökologie.Kürzlich stellte ich mit Schrecken fest, dass mein mit den üblichen Vorsätzen gelöstes Jahresabo fürs Migros-Fitnesscenter schon bald wieder abläuft. Also nichts wie hin, um das dumme Non-Budget-Ding wenigstens ansatzweise noch zu amortisieren. Auf der Folterbank dann, wo ich mit einem Dutzend anderer Zivilisationskrüppel Tagesfrust und Testosteron-Überschuss in monströse Maschinen überführte, formte sich in mir folgende Frage: Warum geht der sonst ach so Umwelt bewusste orange Riese nicht mit gutem Beispiel voran und nutzt all diese Energie zur Beheizung der einen Stock höher gelegenen Saunalandschaft?Eine ähnliche Fantasie plagte mich Ende September am Jahreskongress des Bundesverbandes der deutschen Pressesprecher (sic!) in Berlin. Dabei weckte die zweitägige Fachveranstaltung anfangs trotz professioneller Doppelskepsis – als Ex-Journi und jetziger Non-Profitler – durchaus meine Neugier. Immerhin hatte hier jemand eine Marktlücke erkannt und besetzt, die zwar skurril, bei einer so eitlen Branche aber sicher auch lukrativ ist. Was Kommunikatoren mit strukturellem Selbstdarstellungsdefizit für ein Gewinn bringendes Publikum sind, weiss ich noch aus meiner Zeit als Redaktor der Werbewoche.
Tatsächlich versammelten sich dann auch über 1’500 zahlende Unternehmenssprecherinnen und Lobbyisten (von ABB über den Energiewirtschaftsverband bis zum Wuppertaler Stadtmarketing) im neuen Congress Centrum am Alexanderplatz. Und liessen sich dort über das Aktuälteste im Reputationsmanagement, Corporate Identity Building und Power Networking unterrichten. Die dabei produzierte Mischung aus warmen Worten, hektischer Hirnleere und ehrlichem Schweiss liess mich darüber spekulieren, wie viele Kilowattstunden, die man elegant in die diversen warmen Buffets hätte überführen können, den Berliner Elektrizitätswerken hier wohl entgingen.
Der eigentliche Skandal des Kongresses war jedoch der Umstand, dass es hier – im Gegensatz zu den hippen, aber harmlosen Werberparties – nicht bei Selbstbeweihräucherungsritualen blieb. Die offiziellen Laudationes auf die PR-Branche kamen mit der «Heuschrecke» David Montgomery (Mecom-Boss und Neuverleger der Berliner Zeitung), ZDF-Chefredaktor Nikolaus Brender und Michael Ringier nämlich nicht von PR-Päpsten, sondern von publizistischen Schwergewichten. Interessensvertreter von Wirtschaft, Politik und auch zivilgesellschaftlichen Organisationen agierten heute professioneller als die meisten Redaktionen, meinte etwa Roger Köppel, der eines der vielen Panels moderierte.
Solche Respektsbekundungen aus berufenem Munde wären ja noch verkraftbar. Intolerabel ist jedoch, wenn PR-Leute sich anmassen, honorigen Journalisten «goldene Äpfel» zu verleihen – und dabei kein (selbst)kritisches Wort über vorsätzliche Grenzverwischung oder die immer brüchiger werdende chinesische Mauer fällt. So geschehen an der «Speaker’s Night» in der Berliner Philharmonie, wo der Kongress tanzte und Ex-Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff allen Ernstes seinen Pressesprecher um Erlaubnis fragte, bevor er den Gala-Gästen als Live-Ständchen die Mondschein-Sonate servierte.
In seiner Keynote warf der jetzige Karstadt-CEO den Medien dann «Recherchierunlust» und «mangelnde Skepsis gegenüber Informanten» vor. Dass eben solche Informanten den Saal vor ihm füllten, entging dem ironiefreien Manager. Sonst hätte er die versammelte Gilde ja vielleicht mit ein paar Liegestützen Abbitte leisten lassen und die so gewonnene Energie … Doch halt, genug fabuliert und ab zur nächsten Migros-Maschine.
Oliver Classen ist Pressesprecher der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern. Davor arbeitete er als Medienjournalist u. a. für die Werbewoche.
Tatsächlich versammelten sich dann auch über 1’500 zahlende Unternehmenssprecherinnen und Lobbyisten (von ABB über den Energiewirtschaftsverband bis zum Wuppertaler Stadtmarketing) im neuen Congress Centrum am Alexanderplatz. Und liessen sich dort über das Aktuälteste im Reputationsmanagement, Corporate Identity Building und Power Networking unterrichten. Die dabei produzierte Mischung aus warmen Worten, hektischer Hirnleere und ehrlichem Schweiss liess mich darüber spekulieren, wie viele Kilowattstunden, die man elegant in die diversen warmen Buffets hätte überführen können, den Berliner Elektrizitätswerken hier wohl entgingen.
Der eigentliche Skandal des Kongresses war jedoch der Umstand, dass es hier – im Gegensatz zu den hippen, aber harmlosen Werberparties – nicht bei Selbstbeweihräucherungsritualen blieb. Die offiziellen Laudationes auf die PR-Branche kamen mit der «Heuschrecke» David Montgomery (Mecom-Boss und Neuverleger der Berliner Zeitung), ZDF-Chefredaktor Nikolaus Brender und Michael Ringier nämlich nicht von PR-Päpsten, sondern von publizistischen Schwergewichten. Interessensvertreter von Wirtschaft, Politik und auch zivilgesellschaftlichen Organisationen agierten heute professioneller als die meisten Redaktionen, meinte etwa Roger Köppel, der eines der vielen Panels moderierte.
Solche Respektsbekundungen aus berufenem Munde wären ja noch verkraftbar. Intolerabel ist jedoch, wenn PR-Leute sich anmassen, honorigen Journalisten «goldene Äpfel» zu verleihen – und dabei kein (selbst)kritisches Wort über vorsätzliche Grenzverwischung oder die immer brüchiger werdende chinesische Mauer fällt. So geschehen an der «Speaker’s Night» in der Berliner Philharmonie, wo der Kongress tanzte und Ex-Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff allen Ernstes seinen Pressesprecher um Erlaubnis fragte, bevor er den Gala-Gästen als Live-Ständchen die Mondschein-Sonate servierte.
In seiner Keynote warf der jetzige Karstadt-CEO den Medien dann «Recherchierunlust» und «mangelnde Skepsis gegenüber Informanten» vor. Dass eben solche Informanten den Saal vor ihm füllten, entging dem ironiefreien Manager. Sonst hätte er die versammelte Gilde ja vielleicht mit ein paar Liegestützen Abbitte leisten lassen und die so gewonnene Energie … Doch halt, genug fabuliert und ab zur nächsten Migros-Maschine.
Oliver Classen ist Pressesprecher der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern. Davor arbeitete er als Medienjournalist u. a. für die Werbewoche.
