Ende des Exotismus

Aufgefallen Dass fremde (Religions-)Gemeinschaften auf zunehmendes Misstrauen stossen, zeigte der jüngste Abstimmungssonntag. Schüren unsere ehemals integrativen Medien heute die Angst vor Parallelgesellschaften?

Kolumne Dass fremde (Religions-)Gemeinschaften auf zunehmendes Misstrauen stossen, zeigte der jüngste Abstimmungssonntag. Schüren unsere ehemals integrativen Medien heute die Angst vor Parallelgesellschaften?Die Zeitwächter haben ein neues Schreckwort: Es heisst «Parallelgesellschaft» und bedroht angeblich die innere Sicherheit der westeuropäischen und nordamerikanischen Staaten. Der britische Innenminister murmelt es in die Mikrofone, wenn in Mittelengland pakistanische Jugendliche randalieren, und sein Pariser Kollege verwendet das französische Pendant, um antijüdische Ressentiments junger Nordafrikaner zu erklären. Deutsche Verfassungsschützer und Polizeiexperten wiederum sorgen sich um Türkenghettos, in denen der Geist des Grundgesetzes durch die Botschaft eines intolerant ausgelegten Korans ersetzt werde. Kurzum: In unserer Nachbarschaft bilden sich Brückenköpfe eines kommenden Bürgerkriegs – so will man uns wenigstens glauben machen.
Es ist erstaunlich, wie wenig Widerstand die Massenmedien diesem Alarmismus entgegensetzen. Dabei gehörten Presse, Funk und Fernsehen doch gerade noch zu den besonders blauäugigen Propagandisten einer multikulturellen Gesellschaft. Der Besuch von China Town in San Francisco und ein Bummel durch den New Yorker Kiez orthodoxer Juden waren Pflichtprogramm weltläufiger Touristen. Und die Orientalisierung des Berliner Bezirks Kreuzberg wurde geradezu als Erlösung des Viertels von deutscher Provinzialität gefeiert. Es konnte gar nicht exotisch und andersartig genug zu gehen für solche Folklore-Freunde.
Nun ist plötzlich alles anders. «Nine Eleven» hat die öffentliche Wahrnehmung und Einschätzung des Fremden verändert. Misstrauen und Verdacht sind an die Stelle des harmlos-hedonistischen Vergnügens getreten. Die Rede von der Bedrohung durch Parallelgesellschaften geht selbst denen über die Lippen, die sich vor Kurzem noch vehement gegen die Forderung wandten, eine «Leitkultur» für alle durchzusetzen. Wo
Integration das Allheilmittel gegen soziale Aufsplitterung zu sein scheint, wird rasch vergessen, was gestern noch für wahr gehalten wurde.
Gegen solche Volten des Zeitgeists ist daran festzuhalten, dass die westlichen Gesellschaften sich schon lange zu Ansammlungen von Parallelgesellschaften gewandelt haben. Zur Moderne gehört die Pluralisierung von Lebensstilen, die auch in entsprechenden Milieus ausgelebt werden. Wohnquartiere werden danach gewählt, ob das Umfeld stimmt. Milieuspezifische Normen, Verhaltensweisen und Moden sind längst gang und gäbe. Wer nur das Kopftuch islamischer Frauen als Zeichen bewusster Unterscheidung wahrnimmt und sich davon provozieren lässt,
übersieht, dass es der Sache nach ähnlich grosse Differenzen auch innerhalb der heimischen Bevölkerung gibt.
Ein Blick in einen gut sortierten Zeitungskiosk genügt, um zu erkennen, wie weit die Gesellschaft heute eine Konstruktion ist, in der viele Subsysteme eher durch Abgrenzung eine Balance herstellen als durch Unterwerfung unter irgendeine (von wem zu definierende?) Leitkultur. Die Medienindustrie jedenfalls profitiert von der Aufsplitterung in immer neue, parallele Leser-Gesellschaften. Und auch die Werbebranche lebt ja von der Ausstattung betont unterschiedlicher Lebenswelten. Ärger darüber artikulieren nur jene schwerblütigen Leitartikler, die sich immer noch gern als Generalisten des Gemeinwohls stilisieren.
Hören wir also auf, über eine Entwicklung zu jammern, die zu den Freiheitsgewinnen moderner bürgerlicher Gesellschaften geführt hat. Statt sich in Endlosdebatten über Integrationspflichten zu verheddern, sollte man lieber ein paar (wenige) Grenzen definieren, die Bewohner der Parallelwelten nicht überschreiten dürfen, weil sie sonst das Wohlbefinden ihrer Nachbarn beeinträchtigen. Eine effiziente Polizei und eine funktionierende Justiz reichen dazu völlig aus.
> Heribert Seifert ist Medien- und Kulturkorrespondent der NZZ
in Deutschland.

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