Eine doppelte Rosstäuscherei
Aufgefallen Wie Journalisten die Wirklichkeit beugen, um den Neoliberalismus zu zelebrieren. Und wie dabei Zeitungen entstehen, die jung aussehen, sich aber alt lesen.
Kolumne Wie Journalisten die Wirklichkeit beugen, um den Neoliberalismus zu zelebrieren. Und wie dabei Zeitungen entstehen, die jung aussehen, sich aber alt lesen.Der Zyklus vom rebellischen Entwurf zum Produkt wird kürzer, im späten Kapitalismus. Brauchte der Ché noch 20 Jahre, bis ihn die Werber von den Wänden ihrer Kinderzimmer nahmen und in Reklamen für Nippes & Tand steckten, war das französische Non zur Europa-Verfassung schon zehn Stunden nach Auszählung in drei Werbungen verwurstet. Der Journalist reifte, so schien es früher, gemächlich von einer stürmischen Phase zum Feuilletonisten (bei Journalistinnen war das anders, Frauen werden mit Verstand geboren) – heute springt der Redaktor von der Adoleszenz direkt ins Greisenalter.
Anders möchte man kaum verstehen, wie jung viele Zeitungen aussehen und wie alt sie sich lesen.
Da wird, mit dem Gestus eines Biertrinkers, der mit dem Luftgewehr auf nächtliche Randalierer schiesst, auf Ausgesteuerte, Randständige, Beamte, Fremde und andere Bedrohungen gehalten. Angststarr, aber gut getarnt. Im Namen der Modernisierung sollen konservative Verkrustungen aufgebrochen, bremsende Behinderungen ausgeräumt, der fürsorgliche Staat geschleift, den Starken und Initiativen der Weg geebnet werden. Eine rechte Revolution mithin.
Doch was sich hier als Wille zu Veränderung gebärdet, ist nur, jedenfalls bei den besseren Köpfen, ein Gespür für den prekären Moment, die Furcht also, bald selbst zu den Ausgesteuerten zu gehören. Der Reflex ist alt: Indem man die Schwächeren ausgrenzt, hofft man den eigenen sozialen Status länger zu halten.
Fast möchten sie einem Leid tun: Sie zelebrieren den neoliberalen Aufbruch – und merken nicht, dass der längst abgesagt wurde. Inbrünstig hängen sie einer toten Religion an.
Das wäre eigentlich kaum der Rede wert. Nicht einmal, dass ihr Credo, obschon durch die wirtschaftlichen Realitäten widerlegt, inzwischen zum Mainstream wurde. Mainstreams vergehen, und Kopfarbeiter haben eine hohe Neigung, sich den Wünschen ihrer Zeit dienstbar zu zeigen. Man dürfte also hoffen.
Wäre da nicht ein weniger banaler Umstand: Die Beugung der sperrigen Wirklichkeit zum neoliberalen Dogma hin ist nur um den Preis völliger Entwertung aller Begriffe zu haben.
Darüber, wie die Gesellschaft erneuert, wie Hemmnisse gebrochen, die Solidarität neu geregelt werden müsste, liesse sich interessant streiten und schreiben. Im Denken ist Bewegung das Prinzip. Freilich müsste man einen Begriff davon haben, was eine Gesellschaft treibt. Etwa: dass sich derIndividualismus nur in einer funktionierenden Gesellschaft entwickeln kann, wo der Einzelne hinreichend vor Unwägbarkeiten geschützt ist. Für unsere Frühvergreisten in den Redaktionen aber existiert keine Gesellschaft – darin halten sie es mit der ganzen Riege neurechter Denker.
So wird die Kälte des globalen Marktes zur Kälte des Sozialstaates umgedeutet. New Speak grassiert, nicht nur in der Weltwoche, dem Magenblatt des erregten Kleinbürgertums: Krieg ist Frieden. Überwachung ist Freiheit. Diktat des Marktes ist Demokratie.
In der Branche nennt man diese Rosstäuscherei den «doppelten Köppel». Der geht so: Du bist privilegiert, du bist Mainstream. Aber behaupte, das hilflose Opfer eines habgierigen Staates und seiner
Sozialhilfeempfänger zu sein. Der-art kannst du, mit einem revolutionären Gestus, das eigene Privileg und den Mainstream zum Ziel menschlicher Emanzipation erklären.
So zerfällt die Bedeutung der Wörter. So entwertet sich die Debatte als Mittel demokratischer Konfrontation. So wird die Wirklichkeit unlesbar.
Die Medien, die eigentlich Öffentlichkeit herstellen sollten, tragen heute zu ihrer Vernichtung bei.
PS: Herr K. aus Z., der die Medienökologie entdeckt hat, kündet in einem entflammten Leserbrief an, eben den «Verein Opfer der Verdummungsindustrie» gegründet zu haben. Er wolle gegen das Privatfernsehen klagen und sei zuversichtlich, dass «organisierte Verblödung» mit Körperverletzung gleichgestellt werde. Ich habe ihm zurückgeschrieben, Prohibition sei vielleicht der falsche Weg. Möglicherweise mache es mehr Sinn, sich um die Medien zu kümmern, die noch vorgeben, der Information und Erhellung der Welt zu dienen.
> Oliver Fahrni ist freier Publizist und Medienökologe.
Anders möchte man kaum verstehen, wie jung viele Zeitungen aussehen und wie alt sie sich lesen.
Da wird, mit dem Gestus eines Biertrinkers, der mit dem Luftgewehr auf nächtliche Randalierer schiesst, auf Ausgesteuerte, Randständige, Beamte, Fremde und andere Bedrohungen gehalten. Angststarr, aber gut getarnt. Im Namen der Modernisierung sollen konservative Verkrustungen aufgebrochen, bremsende Behinderungen ausgeräumt, der fürsorgliche Staat geschleift, den Starken und Initiativen der Weg geebnet werden. Eine rechte Revolution mithin.
Doch was sich hier als Wille zu Veränderung gebärdet, ist nur, jedenfalls bei den besseren Köpfen, ein Gespür für den prekären Moment, die Furcht also, bald selbst zu den Ausgesteuerten zu gehören. Der Reflex ist alt: Indem man die Schwächeren ausgrenzt, hofft man den eigenen sozialen Status länger zu halten.
Fast möchten sie einem Leid tun: Sie zelebrieren den neoliberalen Aufbruch – und merken nicht, dass der längst abgesagt wurde. Inbrünstig hängen sie einer toten Religion an.
Das wäre eigentlich kaum der Rede wert. Nicht einmal, dass ihr Credo, obschon durch die wirtschaftlichen Realitäten widerlegt, inzwischen zum Mainstream wurde. Mainstreams vergehen, und Kopfarbeiter haben eine hohe Neigung, sich den Wünschen ihrer Zeit dienstbar zu zeigen. Man dürfte also hoffen.
Wäre da nicht ein weniger banaler Umstand: Die Beugung der sperrigen Wirklichkeit zum neoliberalen Dogma hin ist nur um den Preis völliger Entwertung aller Begriffe zu haben.
Darüber, wie die Gesellschaft erneuert, wie Hemmnisse gebrochen, die Solidarität neu geregelt werden müsste, liesse sich interessant streiten und schreiben. Im Denken ist Bewegung das Prinzip. Freilich müsste man einen Begriff davon haben, was eine Gesellschaft treibt. Etwa: dass sich derIndividualismus nur in einer funktionierenden Gesellschaft entwickeln kann, wo der Einzelne hinreichend vor Unwägbarkeiten geschützt ist. Für unsere Frühvergreisten in den Redaktionen aber existiert keine Gesellschaft – darin halten sie es mit der ganzen Riege neurechter Denker.
So wird die Kälte des globalen Marktes zur Kälte des Sozialstaates umgedeutet. New Speak grassiert, nicht nur in der Weltwoche, dem Magenblatt des erregten Kleinbürgertums: Krieg ist Frieden. Überwachung ist Freiheit. Diktat des Marktes ist Demokratie.
In der Branche nennt man diese Rosstäuscherei den «doppelten Köppel». Der geht so: Du bist privilegiert, du bist Mainstream. Aber behaupte, das hilflose Opfer eines habgierigen Staates und seiner
Sozialhilfeempfänger zu sein. Der-art kannst du, mit einem revolutionären Gestus, das eigene Privileg und den Mainstream zum Ziel menschlicher Emanzipation erklären.
So zerfällt die Bedeutung der Wörter. So entwertet sich die Debatte als Mittel demokratischer Konfrontation. So wird die Wirklichkeit unlesbar.
Die Medien, die eigentlich Öffentlichkeit herstellen sollten, tragen heute zu ihrer Vernichtung bei.
PS: Herr K. aus Z., der die Medienökologie entdeckt hat, kündet in einem entflammten Leserbrief an, eben den «Verein Opfer der Verdummungsindustrie» gegründet zu haben. Er wolle gegen das Privatfernsehen klagen und sei zuversichtlich, dass «organisierte Verblödung» mit Körperverletzung gleichgestellt werde. Ich habe ihm zurückgeschrieben, Prohibition sei vielleicht der falsche Weg. Möglicherweise mache es mehr Sinn, sich um die Medien zu kümmern, die noch vorgeben, der Information und Erhellung der Welt zu dienen.
> Oliver Fahrni ist freier Publizist und Medienökologe.
