Behind the AI Commercial Hiltl «Let Animals Grow Old»
Ein KI-Spot, der nicht nach Tech-Demo aussieht, sondern nach Story. Im Videointerview spricht Regisseur Tobias Fueter (Stories) über die Idee hinter «Let Animals Grow Old» von Ruf Lanz, über den digitalen Drehprozess – und nimmt uns in einer kurzen Führung gleich mit in die Stories-Welt.

Mit der Tür bei Stories im Zürcher Seefeldquartier öffnet sich auch ein Vorhang: AI-Made-Commericals sind nicht mehr nur möglich – sie werden gerade erzählbar. Hiltl «Let Animals Grow Old» ist genau so ein Fall. m&k hat bereits darüber berichtet. Der Film spielt mit einer markennahen Wahrheit, die man sofort versteht: Wer vegetarisch isst, lässt Tiere länger leben. Und wenn Tiere länger leben, bekommen sie – wie wir Menschen – irgendwann auch diese sehr eigenen Begleiterscheinungen des Alterns. Treppen werden zum Thema. Das Wasserbecken zur Reha-Zone. Und ein Rollator ist plötzlich keine Requisite mehr, sondern ein Stück Alltag.
Die Idee stammt von Ruf Lanz. Umgesetzt wurde sie von Stories – Regie: Tobias Fueter. Und genau darüber spricht Fueter im Director’s Talk mit m&k-VJ Beat Hürlimann: nicht nur über den Spot, sondern über das, was gerade im Hintergrund passiert. Nämlich ein Produktionswandel, der in der Werbung still begonnen hat – und jetzt sichtbar wird.
Wenn KI plötzlich Herz hat – und Handwerk
Der Spot ist KI. Aber er wirkt nicht wie «KI um der KI willen». Sondern wie ein Film, der zuerst eine Story hat – und erst danach ein Toolset. Im Gespräch bei Stories wird rasch klar: Hier geht es nicht um den schnellen Effekt. Es geht um Inszenierung. Um Figuren. Um Rhythmus. Um die klassische Frage: Was ist eine gute Szene?
Fueter beschreibt den Reiz am Konzept fast kindlich begeistert: Tiere werden nicht einfach «generiert», sie werden gecastet. Wer wäre der Pfarrer? Wer der Badmeister? Wer trägt was – und warum passt genau diese Figur in genau diese Rolle?
Das ist Storytelling im Kern: Characters plus Situation plus Timing. Nur dass der Dreh nicht im Studio stattfindet, sondern am digitalen Set.
«Digital drehen» statt Set: Der Prozess bleibt, die Werkbank ändert sich
Einer der spannendsten Punkte im Interview: Der Produktionsprozess ist erstaunlich vertraut.
Idee, erste Meetings, Abstimmungen, Look & Feel, PPM, Entscheidungen zu Locations, Figuren, Kameraeinstellungen – alles bleibt. Nur passiert der entscheidende Teil nicht mehr zwischen Kamera, Crew und Licht. Sondern in einem iterativen Prozess am Rechner.
Stories spricht deshalb nicht vom «Prompten», sondern vom digitalen Drehen.
Und das hat Konsequenzen: Wer glaubt, KI bedeute automatisch «morgen fertig», wird hier freundlich eingebremst. Denn auch digital gilt: Ein Film, der wirklich trägt, entsteht nicht durch Zufall. Sondern durch Entscheidungen – und durch Zeit.
Die Tool-Frage ist verständlich. Aber sie führt am Kern vorbei.
«Mit welchem Tool habt ihr das gemacht?» ist laut Fueter die häufigste Frage, die derzeit überall auftaucht. Bei Stories sorgt sie fast schon für ein internes Schmunzeln – weil sie aus Sicht der Filmleute ungefähr das Gleiche ist wie: «Mit welcher Kamera habt ihr gedreht?»
Denn der Punkt ist: Es war nicht ein Tool. Sondern ein ganzer Werkzeugkasten. Und dazu gehört auch ganz klassisches Handwerk: Photoshop, DaVinci, Postproduktion, Korrekturen, Ergänzungen, Feinschliff.
KI ist in dieser Logik kein magischer Knopf. Sie ist Material. Und Material will geführt werden.
Konsistenz ist machbar – aber Geschmack bleibt die eigentliche Disziplin
Ein Wort fällt im Interview immer wieder, ganz unprätentiös, aber sehr präzise: Geschmack.
Konsistenz bei Characters? Wird besser. Die Tools holen auf. Aber Konsistenz ist nicht das Merkmal, das einen Film heraushebt. Das können viele inzwischen hinbringen.
Die eigentliche Frage bleibt: Wie sieht es aus? Wie fühlt es sich an? Wann ist es lustig – und wann kippt es? Warum jetzt close, warum jetzt wide? Wie lange hält die Szene, bevor sie weiter muss?
Am Ende entscheidet nicht die Maschine, sondern das, was Regie schon immer entschieden hat: Timing, Rhythmus, Perspektive, Tonalität.
Der Erfolg von Hiltl «Let Animals Grow Old» wirkt in dieser Sicht fast logisch: Eine starke Idee – und eine Umsetzung, die sie nicht überfährt, sondern trägt.
Sechs Monate vs. sechs Wochen: Was KI plötzlich möglich macht
«Hiltl Animals» ist auch deshalb ein so treffender Case, weil er ein Produktionsproblem löst, das man in der Branche gut kennt: grosse Idee, grosses Bild, aber begrenzte Realität.
Fueter spricht im Interview sehr konkret darüber, was ohne KI passiert wäre: Viele fotorealistische Tiere, viele Locations, viele Settings, hohe VFX-Komplexität. Klassisch gedacht: monatelange Vorbereitung und ein Budget, das in andere Sphären rutscht.
Mit KI wurde daraus ein Projekt, das in rund sechs Wochen realisierbar wurde – und in einem Rahmen, der für einen Brand wie Hiltl überhaupt erst Sinn ergibt.
Der interessante Teil ist dabei nicht «billiger». Sondern: möglich.
Welche Briefings nach KI schreien – und welche besser nicht
Im Interview zieht Stories eine klare Linie: KI ist kein Default. Sie ist ein Produktionsweg, der zu bestimmten Aufgaben passt.
KI ist besonders stark bei grossen filmischen Ideen, die früher «zu teuer» waren, bei vielen Locations, hohem Aufwand und Special Effects, bei Charakteren und Settings, die real kaum umsetzbar wären, sowie bei visueller Weltbildung, wo Scale und Fantasie gefragt sind.
Und gleichzeitig gibt es Grenzen – nicht nur technisch, sondern emotional und ethisch.
Wenn ein Brand Authentizität über echte Gesichter, echte Schauspielerei, echte Nähe erzählen will, wirkt KI aktuell schnell wie eine Abkürzung, die man sieht. Und manchmal auch wie eine, die man nicht sehen will.
Dazu kommt eine zweite Ebene: Übergänge in der Branche. Berufsrollen, die unter Druck geraten. Hier spricht Fueter nicht alarmistisch, aber spürbar verantwortungsbewusst: Solange echte Produktion sinnvoll ist, soll sie auch stattfinden dürfen.
Stories Studios: Inhouse denken, schneller shapen
Mit dem Projekt wurde auch etwas sichtbarer, was bei Stories schon länger gewachsen ist: Stories Studios.
Die Idee dahinter ist nicht «alles selber machen», sondern näher dran sein. Weniger Zwischenstufen. Weniger Pingpong über externe Ebenen. Mehr direkte Abstimmung zwischen Regie, Creative Direction, Agentur und Kundschaft.
KI verstärkt genau diesen Trend: Wenn ein Teil der Herstellung digital wird, wird Inhouse-Kompetenz nicht nur ein Nice-to-have, sondern ein strategischer Hebel – für Tempo, Kontrolle und Konsistenz.
Das Video zum Beitrag: Director’s Talk plus kurzer Rundgang
Der Hauptteil dieses Beitrags ist das Videointerview: Tobias Fueter spricht darin über den gesamten Prozess hinter Hiltl «Let Animals Grow Old» – von der Idee über die Produktionslogik bis zur Frage, was KI für Regie und Craft wirklich verändert. Und ganz nebenbei gibt’s eine kleine Führung durch die Stories-Welt: weniger Kulisse, mehr Alltag einer Filmproduktion, die gerade dabei ist, ihre Werkzeuge neu zu sortieren.
Fazit
Hiltl «Let Animals Grow Old» zeigt keine «KI-Zukunft», sondern eine sehr konkrete Gegenwart: KI kann Werbung nicht automatisch besser machen. Aber sie kann mehr Ideen möglich machen – und sie verschiebt Grenzen, an denen Projekte früher scheiterten.
Der Vorhang geht auf. Und dahinter steht, ziemlich klassisch, immer noch das Entscheidende: eine gute Idee – und Menschen, die wissen, wie man sie erzählt.
Die Credentials zum Hiltl-Commercial Hiltl «Let Animals Grow Old»
Verantwortlich bei Hiltl: Patrick Jungi (Geschäftsführung), Simone Saner (Leitung Marketing), Rolf Hiltl (Gesamtverantwortung) Verantwortlich bei Ruf Lanz: Markus Ruf (Creative Direction), Mario Moosbrugger (Art Direction) Verantwortlich bei Stories: Tobias Fueter (Regie), Yves Bollag (Executive Producer), Michèle Seligmann (Producer), Stories Studios (KI Produktion), Adrian Frutiger (Musik Arrangement & Produktion), Carol Maag (Licensing) Song-Original: «Only You», Words & Music by Buck Ram & Ande Rand / © Wildwood Music Inc. – Mit freundlicher Genehmigung der Robert Mellin Musikverlag GmbH & Co. KG.

