Die zwei Körper des Präsidenten
Gastkommentar Der Verlegerverband ist beileibe nicht gespalten, weiss Norbert Neininger.
gewesen, vor der letzten Präsidiumssitzung in den Werken der
elisabethanischen Kronjuristen nachzulesen. Diese schrieben dem König
zwei Körper zu: den natürlichen, und damit sterblichen, und einen
überpersönlichen, der niemals Hunger hat, schwitzt oder vergeht, es ist
der Amtskörper, der von Person zu Person übertragen wird. Auf dieses
Prinzip der Unterscheidung zwischen der öffentlichen Funktion und dem
Menschen, welcher sie bekleidet, hätte sich der Präsident berufen
können, ja müssen. Schliesslich hatte er an der Dreikönigstagung seinen
öffentlichen Körper, den Präsidentenkörper, abgelegt, und übrig blieb
der real existierende private Lebrument, und dieser plädierte zur
Verblüffung aller für das Ende der direkten oder indirekten
Presseförderung.
Nun leben wir – vom Karikaturenstreit einmal abgesehen – nicht mehr im
Mittelalter, und die scharfsinnige Unterscheidung zwischen privater und
öffentlicher Person ist verloren gegangen; selbst Milizpräsidenten sind
immer in Amt und Würden, vor allem an der Dreikönigstagung. Was folgt,
ist schnell erzählt: Verwundert oder empört, auf jeden Fall irritiert,
reagierten Kollegen, Mitglieder und Journalisten, bis das
Verbandspräsidium die Sache wieder ins Lot brachte. Einstimmig
bekräftigte die Verbandsspitze vergangene Woche, was nie in Frage
stand: Der eingeschlagene Kurs wird fortgesetzt, die Verleger sind für
die indirekte Presseförderung. Einstimmig? Wie denn das? Nun, diesmal
hatte der eine, der öffentliche Körper des Präsidenten die Hand
gehoben, während der andere bewegungslos blieb.
«Retour à la collegialité chez les éditeurs», berichtete «La Liberté»
darauf, und die «Neue Zürcher Zeitung» meinte, «Verlegerverband pfeift
Lebrument zurück.» Und nun möchten alle wissen, wie es wirklich war.
Nun denn: Das Verlegerpräsidium besteht nicht aus Pfarrerstöchtern oder
Kronjuristen, und die zehn Männer sind Freunde offener Worte. Ob und
wie stark dem Präsidenten die Kappe gewaschen wurde, darüber zu
berichten, verbietet mir unser Beschluss zur Diskretion und damit die
Zensur. Nur so viel dazu: An der Baumackerstrasse blieben die Fenster
für einmal geöffnet, um die Temperaturen auf einem erträglichen Mass zu
halten, und es kamen inhaltliche und Formfragen ausgiebig zur Sprache
…
Keine Spaltung also und auch kein Skandal. Danach Erleichterung im
Verband, Enttäuschung hingegen bei den Branchendiensten: Es gibt keine
ausserordentliche Mitgliederversammlung, und die Forderung nach einem
Co-Präsidenten ist auch vom Tisch. Brauchen wir auch nicht: Präsidenten
haben ja, wie wir nun wissen, zwei Körper in einem.
Norbert Neininger ist Mitglied des Präsidums des Verbandes Schweizer Presse und CEO der Schaffhauser Nachrichten.
