Die Zufalls-Ausrede – Wie KI den Zufall aus dem Marketing entfernt
Zu oft dient der Zufall als Erklärung, wenn wir nicht genau verstehen, was Entscheidungen tatsächlich beeinflusst. Diese Erklärung gerät zunehmend unter Druck. Ein neues KI-Modell zeigt, dass viele Verhaltensweisen, die lange als spontan galten, statistisch erkennbaren Mustern folgen.

Zu oft dient der Zufall als Erklärung, wenn wir nicht genau verstehen, was Entscheidungen tatsächlich beeinflusst. «Zwei KMU-CFOs laden am 28. das Whitepaper „Kosten runter, Output rauf“ – beide von unterwegs.»; «Drei Urban Cyclists kaufen dieselbe Regenjacke – eine Stunde nach der Unwetter-Pushmeldung.»; «Ein Kreativteam liked dieselbe Kaffeemaschinen-Anzeige – am Tag vor der PitchDeadline. Zufall?» Diese Erklärung gerät zunehmend unter Druck. Ein neues KI-Modell zeigt, dass viele Verhaltensweisen, die lange als spontan galten, statistisch erkennbaren Mustern folgen. Es analysiert Kontext, Bewegungsdaten, Umweltfaktoren und Konsumsignale in Echtzeit. Oder einfacher gesagt: Es misst, wann Menschen empfänglich sind. Während klassisches Targeting fragte, wer jemand ist, analysiert dieses Modell, wann jemand bereit ist.
Erste Modellierungen zeigen überraschend klare Zusammenhänge:
Die Interaktionswahrscheinlichkeit mit Mobilitätsangeboten steigt, wenn Personen sich langsamer als üblich fortbewegen – etwa beim Warten oder Umsteigen. Angebote für Komfortprodukte performen überdurchschnittlich gut, wenn Temperatur, Tageszeit und Aufenthaltsdauer an einem Ort eine gewisse Schwelle überschreiten. Zufall? Oder einfach Muster, die wir bisher nicht gemessen haben?
Swiss Post Advertising war massgeblich an der Entwicklung dieses Modells beteiligt. Gemeinsam mit der Agentur BrinkertLück wurde es in ausgewählten urbanen Gebieten getestet. Auf Basis prognostizierter Aufnahmebereitschaft wurden Werbemittel mit gelben Regenschirmen gezielt platziert. Innerhalb weniger Stunden häuften sich gelbe Regenschirme im Stadtbild. Kein Zufall.
«Wenn wir verstehen, wann Menschen aufnahmebereit sind, wird Wirkung berechenbar.» sagt Raphael Bratschi, Leiter Geschäfts- und Produktentwicklung bei Swiss Post Advertising. «Der Zufall verliert seine Funktion. Er wird arbeitslos.» Ob er tatsächlich verschwindet, bleibt umstritten. Dass er zunehmend unter Beobachtung steht, hingegen nicht.
