«Die trauen uns viel mehr zu, als wir uns selbst»

Der Schweizer Peter Hirrlinger wurde in den Vorstand des ADC Deutschland gewählt. Werbewoche.ch befragte ihn zur Wahl und zu seiner Rolle als Schweizer im «grossen Kanton».

Der 48-jährige Peter Hirrlinger lebt seit 18 Jahren in München und arbeitet als selbstständiger Texter und Creative Director. Im Oktober 2012 wurde er als Vertreter der Sektion München in den Vorstand des Art Directors Club Deutschland gewählt. 

Werbewoche.ch: Peter Hirrlinger, Gratulation zur Wahl – wie kam es dazu?
Peter Hirrlinger: Vielen Dank! Ich freue mich auch ein bisschen für die Schweiz, dass ich hier im Vorstand sitzen darf. Wie es dazu kam: Die Vorstände müssen sich alle zwei Jahre zur Wahl stellen. Ich bekam von einigen ADC-Mitgliedern den Hinweis, dass sie es begrüssen würden, wenn ich kandidiere.

Was bringt der neue Posten für Aufgaben mit sich? Gibt es nebst der Ehre und der Wertschätzung auch Pflichten, die weniger attraktiv sind?
Naja, der deutsche ADC ist riesig und entsprechend schlägt man sich mit viel Repräsentation, Politik und Organisationskram herum. Und wehe, die Deutschen gründen einen Verein – da sind die fast besser als die Schweizer. Aber zum Glück gibt es ein Büro mit über zehn festangestellten Mitarbeitern, die uns unterstützen.

Wie waren die bisherigen Rückmeldungen von Ihren Deutschen Branchen-Kollegen? Freut man sich, dass ein Schweizer «Schützenhilfe» leistet?
Die freuen sich tatsächlich. Als Schweizer geniesst man hier einen gewissen Exoten- und Sympathiebonus. Die Schweiz hat generell ein hohes Ansehen. Mit uns verbinden die Deutschen nach wie vor Tugenden wie Zuverlässigkeit, Qualität, gute Ausbildung. Die trauen uns viel mehr zu, als wir uns selbst. Ausserdem mögen sie unseren Singsang und Shaqiri.

Sie leben und arbeiten seit 18 Jahren in Deutschland – was hat sie seinerzeit dazu bewogen, der Schweiz den Rücken zu kehren?
Ich war damals Texter bei Weber,Hodel,Schmid. Für meine Begriffe war das zu der Zeit die tollste Agentur der Schweiz. Nach vier Jahren hatte ich das Gefühl, dass ich mich weiter entwickeln sollte, konnte mir aber in der Schweiz zum damaligen Zeitpunkt keine andere Agentur vorstellen. Zudem habe ich mich in der Schweiz ein wenig eingeengt gefühlt; ich hatte einfach Lust auf die grosse Welt. Und weil ich ja Texter bin, sollte die möglichst deutschsprachig sein. Mit der Agentur gabs den Deal, dass sie mich für zwei, drei Jahre ins Ausbildungslager nach Deutschland schickt und ich dann wieder zurückkomme. Aus den zwei Jahren wurden jetzt halt schon 18; ich lerne immer noch.

Wie lange arbeiten Sie in Deutschland schon freiberuflich und wie haben Sie sich ihr Netzwerk aufgebaut?
Freiberuflich arbeite ich seit 2010. Davor war ich CD bei Heye & Partner und Kreativchef von Start. Dadurch hatte ich reichlich Gelegenheit, mir eine gewisse Bekanntheit zu verschaffen. Ich hatte das Glück, dass ich auf grossen und bekannten Marken wie zum Beispiel McDonalds, Bosch oder der Süddeutschen Zeitung rumtoben konnte. Sogar ein wenig BMW war dabei. Und nach vielen Arbeiten für Food-Kunden wie Ritter Sport, Molkerei Müller oder Wagner Pizza gilt man plötzlich auch noch als Food-Spezialist, da ergibt sich ein Netzwerk wie von selbst.

Merken Sie als in Deutschland verankerter Schweizer etwas von den in letzter Zeit immer wieder thematisierten Beziehungsproblemen zwischen den beiden Ländern? Stichworte Steuerstreit, Fluglärm, Einwanderungsdebatte.
Mein Eindruck ist, dass diese Themen die Schweiz viel stärker bewegen als Deutschland. Dass viele ihr Geld in der Schweiz angelegt haben ist ja nicht erst seit den Steuerdaten-CDs bekannt. Insgesamt reagieren die Deutschen verdutzt, wenn man ihnen erklärt, wir hätten ja jetzt Streit miteinander. Die schätzen uns nämlich sehr und wollen ein klein wenig zurückgeliebt werden. Ich glaub’, das würde sie freuen.

Interview: Thomas Häusermann
 

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