Die Macherin

Bis vor kurzem war Claudia Lässer fürs Programm des Schweizer Sportfernsehens SSF verantwortlich. Nun baut die energiegeladene TV-Frau bei Teleclub das Angebot rund um den Sport aus.

Claudia Lässer beim Bungee Jumping. Beim Klettern. Beim Wakeboarden. Als Reporterin. Als Moderatorin. Als Interviewerin. So kennt man die blonde Ostschweizerin aus dem Fernsehen. Mit einer sonoren Stimme moderierend und einem Lächeln im Gesicht. Was am Bildschirm verborgen bleibt: Lässer steht nicht nur vor der Kamera, sondern ist ebenso als Produzentin, Programmchefin und Unternehmerin tätig. Selbst ein eigenes Modelabel hat sie gestartet.

Zum Treffen in einer Zürcher Bar erscheint sie in einer pinkfarbenen Hose. Kein Zufall. Lässer hüllt sich gerne in farbigen Stoff. Besonders Rottöne haben es ihr angetan – Farben, die Kraft verleihen, wie sie sagt. Energie benötigt die experimentierfreudige und zielstrebige TV-Frau gewissermassen am Laufband. Ein Projekt reiht sich bei ihr ans nächste. Sendung an Sendung, Engagements als Moderatorin, Veranstaltungen, Auftritte als Werbebotschafterin. Und privat trainiert die Sportfanatikerin vier bis fünf Mal die Woche. Am liebsten geht sie joggen – daneben Schwimmen, Kick-Boxen oder Tanzen. Stillstand ist keine Option.

«Ich habe das Macher-Gen in mir», sagt die heute 35-Jährige von sich. Schon als Kind hat sie Zirkus vorstellungen organisiert, Tanzprogramme einstudiert und vor Publikum aufgeführt. Ihr Traum war es als Kind und später als Jugendliche allerdings nicht, vor der Kamera zu stehen, sondern zu unterrichten. So begann die Ostschweizerin nach dem Lehrerseminar als Realschullehrerin. Eine schwierige Aufgabe. Mit gerade mal 21 Jahren stand sie vor Schülern, die nur ein paar Jahre jünger waren als sie selbst. Sie hatte das Gefühl, für diese Aufgabe noch nicht reif zu sein. «Ich war noch grün hinter den Ohren.» Ihre Nebenbeschäftigung als Model und ihre Finalteilnahme an der Miss-Schweiz-Wahl öffneten der 1.80 Meter Grossen die Tür für ein Casting bei Star TV. Geschäftsführer Paul Grau sprach Lässer auf ihren pädagogischen Hintergrund an und schlug ihr vor, als Redaktorin das Kinder- und Jugendprogramm auszubauen. Das war für die Lehrerin die Chance, über ein ihr naheliegendes Thema ins Fernseh-Business einzutreten. Ein «artverwandter Einstieg» so zu sagen. So verabschiedete sich Lässer vom Klassenzimmer und wurde alsbald das Aushängeschild des nationalen Privatsenders.

Mit «Claudias Sofa» bekam die Moderatorin ihre erste Talk-Sendung. Studiogäste auszufragen, gefiel der TV-Einsteigerin. Denn ebenso gerne wie Lässer im Mittelpunkt steht, lässt sie sich gerne auf andere ein, hört zu und stellt Fragen. Sie will wissen, wofür sich Menschen interessieren, was sie tun und was sie bewegt. So kommt denn auch im Gespräch mit ihr immer wieder die neugierige Journalistin zum Vorschein. Lässer stellt Gegenfragen: «Wie ist es bei dir?» oder beendet eine Erzählung mit: «Kennst du das nicht auch?»

Eine Spielweise – mit Sport

Heute blickt Lässer dankbar auf ihre Zeit bei Star TV zurück. Beim Lifestyle-Sender lernte sie das Fernsehhandwerk von der Pike auf. Sie drehte selber, sass am Schnittplatz und musste eigenständig Licht setzen. Die TV-Frau konnte ausprobieren, was am Fernsehen funktioniert und was nicht. Ruhig durfte es etwas frech und «freakig» sein. Zudem konnte sie als Fitnessfan ihren sportlichen Lifestyle einbringen.

Aufgewachsen mit einem sportverrückten Vater, der Aerobic-Stunden gab, einem Bruder, der Profi-Was serballer war, hatte Lässer selbst von klein auf getanzt und sich im Eiskunstlauf geübt. Bei Star TV kam der Link zum Fun-Sport. Als Moderatorin des Magazins «Freestyle» probierte sie zusammen mit Marco Schwab diverse Sportarten aus. «Das war sehr cool. Sendungsmässig etwas vom Lässigsten, was ich je gemacht habe», schwärmt die Sportbegeisterte noch heute. «Wir durften alles. Es gab keine Richtlinien. » Snowboarden, Skaten, Wakeboarden, Surfen, Base Jumping, Klettern. Sportarten, wovon die eine oder andere von Lässer verlangte, sich zu überwinden und an ihre Grenzen zu gehen. Die Zeit bei «Freestyle» half ihr, «im Leben mutig zu werden». Man müsse sich ab und zu «aus der Wohlfühlzone heraus bewegen», meint sie. Sich selbst immer wieder von neuem herauszufordern und einen Schritt weiter zu gehen, gehört für sie zum Leben einfach dazu.

Dies tat sie im Laufe ihrer Karriere wiederholt. Zum Beispiel, als es zum Bruch mit Star TV kam und Lässer zusammen mit ihrem ehemaligen Partner Mathias Walther, damals Sportchef der Grashoppers, die Produktionsfirma Trendscout gründete. Das war der Start als selbständige Unternehmerin. Mit ihrer Firma stampfte Lässer in den darauffolgenden Jahren diverse TV-Formate aus dem Boden. Mit Mike Gut hat sie das Prosieben-Fenster «Faces TV» eröffnet, für Sat 1 Schweiz und Österreich zur EM 08 das Fussballmagazin «Kickoff» realisiert und ausserdem für den österreichischen Privatfernsehsender Puls 4 eine eigene Rubrik betreut. Auch mit dem grossen TV-Markt in Deutschland liebäugelte die Unternehmerin. Damals wie heute kam es für sie allerdings nicht in Frage, ihre «Homebase » aufzugeben. Dafür ist zu sehr «Schweiz-Fan»: «Ich flippe immer fast aus, wenn ich in der Schweiz umherreise. Wenn ich in Arosa in den Bergen bin. Es ist der Hammer, oder?» Ausserdem sei es hierzulande eine gute Konstellation, um sich selbständig zu machen: «Ich behaupte: Der Schweizer ist oft zu wenig mutig. Aber möglich ist extrem viel.»

Vor und hinter der Kamera

Mit ihrer eigenen Firma schärfte Lässer nicht nur ihr Profil als Produzentin, sondern wuchs gleichzeitig in die Rolle der Geschäftsfrau hinein. Sie musste selber budgetieren, Formate vermarkten und Kooperationen schliessen. Erfahrungen, die ihr später zugute kamen. Allem voran, als sie 2008 als Programmchefin zum SSF wechselte und gemeinsam mit dem technischen Leiter Simon Schmidlin den Sender aufbaute. Von der Suche nach geeigneten Studios, die man in den alten Räumlichkeiten von TV 3 fand, über Playouts bis hin zu Kabelnetzen und der Einstellung neuer Mitarbeiter – alles hatte in kürzester Zeit zu geschehen. Nach dem Entscheid des Bundesamts für Kommunikation Bakom Ende Februar 2009, dass der Sender aufgeschaltet werden durfte, blieben nur vier Monate bis zum Start. «Eine sportliche Aktion», so Lässer. Ein Kraftakt, der sich verstärken sollte, als ihr Kollege Schmidlin tödlich verunglückte. Für sie menschlich eine Tragödie. «Wir waren wie eine Familie. Und ich das Mami des Senders.» Trotzdem musste sie den Sportsender, der dem Rand- und Breitensport eine Plattform bieten sollte, gemeinsam mit ihren Mitarbeitern zum Laufen bringen. Lässer setzte ihre Kraft in den Aufbau des Kanals, kümmerte sich um Rechte und Kooperationen mit Sportverbänden sowie um die Lancierung neuer Formate. Dank eines Kooperationsvertrages und der guten Zusammenarbeit mit dem SF gelang es ihnen, Cup-Spiele des Schweizer Fussballs, Volleyball- Meisterschaften und Handball-Matches zu zeigen. Im Gegenzug stellte der Sportsender Zusammenschnitte für die SF-Magazinsendungen zur Verfügung. Darüber hinaus sprang Lässer für einige Formate gleich selbst als Moderatorin ein. Einerseits beim Fussball-Talk «Kick it!», in dem sie zusammen mit dem ehemaligen Nati-Goalie Jörg Stiel jeweils zwei Fussballexperten befragte. Andererseits beim Sportler-Talk «Close up», in dem sie Sportler und sportbegeisterte Prominente interviewte und dabei versuchte herauszufinden, was ihre Studiogäste bewegt, was sie antreibt. In ihrem Talk ging es darum, nicht die Sportler und ihre Leistung in den Vordergrund stellen, sondern den Menschen dahinter zeigen. «Ich wollte kein Kurzfutter-Thema.» Vorbereitet hat sie sich auf ihre Fernsehauftritte derweil systematisch. Wie eine Spitzenathletin, die für einen Wettkampf trainiert, arbeitet die sportbegeisterte Lässer mit Mentaltraining: Sie visualisiert im Voraus, wie alles ablaufen wird, um sich, sobald die Kamera läuft, 100-prozentig auf ihre Fernsehpräsenz konzentrieren zu können. «Vor allem bei Life-Aufnahmen: Im Ohr der Regisseur, der Produzent, der Aufnahmeleiter, Gäste, dann passiert etwas Unvorhergesehenes…. Da muss man fokussiert sein.»

Dem Sport verschrieben

Wenn Lässer von ihrer Zeit beim SSF erzählt, heisst es immer noch «wir». Der Abschied scheint ihr schwer zu fallen. Dennoch will sie einmal mehr einen Schritt weiter gehen. Für .die Realisatorin wurde es Zeit, «aus ihrer Wohlfühloase herauszukommen». Für den verzögerten Geschäftsgang des Senders, der auch nach drei Jahren keine schwarzen Zahlen schreibt und mit geringen Marktanteilen kämpft, habe ihr Weggang nichts zu tun, betont Lässer. Dafür sei das SSF zu sehr «ein Herzensprojekt». Und dass sie bei einem Spartensender nicht auf Quote setzen konnte, sei ihr von Anfang an bewusst gewesen. Man dürfe SSF als Spartensender mit einer viel kleineren Zielgruppe nicht mit einem breiten Sender vergleichen. «Man sollte messen, wie viel Prozent der Sport-Community SSF erreicht. Jemand, der kein Sport schaut, beginnt nicht plötzlich damit. Da kann das Programm noch so gut sein.» Dem Sport bleibt Lässer auf alle Fälle treu. Nach vier Jahren im Business schlägt ihr Herz stark dafür. Mit Teleclub hat sich die TV-Frau denn auch einen Pay-TV-Anbieter gesucht, der über ein riesiges Sportangebot verfügt. Als Leiterin Sportprogramme will sie vor allem das Programm rund um die Übertragungen ausbauen. Ihre neue Stelle verlangt von ihr ausserdem ein Umdenken: Von einem einzigen Sender hin zu über 30 parallel programmierten Sendern, wobei auf dem einen die Super League, auf dem zweiten die Bundesliga, auf dem dritten Tennis und auf dem vierten ein Unterhaltungsfilm läuft. Ein Angebotspaket, das die Managerin noch besser verzahnen will. Weiter geht’s nebenbei mit der Sendung «Faces TV», die Lässer mit ihrer eigenen Firma produziert. Soeben wurde ein Pilot gedreht, und alsbald soll das Fashion- Magazin wieder zu sehen sein – mit verändertem Konzept. Zurücklehnen ist also nicht angesagt. Das sähe Lässer auch gar nicht ähnlich. Die Macherin lebt davon, Neues zu schaffen. «Wenn es zu bequem wird, wird man faul. Das mag ich nicht.»

Isabel Imper

In Kürze

Claudia Lässer (*1976) absolvierte die Matura, dann die Lehrerausbildung in Kreuzlingen und arbeitete danach als Lehrerin und als Model. 2000 stieg sie bei Star TV ein, wo sie das Kinder- und Jugendprogramm aufbaute. Im Frühjahr 2002 übernahm sie die Redaktion und Moderation der Sendung «Fashion» und wechselte ins Abendprogramm. 2002 vertraute ihr Star TV die Ressortleitung sowie den Programmeinkauf des gesamten Lifestyle-Programms an. Ab 2008 war Lässer als Programmleiterin des Schweizer Sportfernsehens SSF für den kompletten Sendeinhalt, den Rechteeinkauf sowie die Lancierung neuer TV- Formate zuständig. 2011 wurde sie mit der Gesamtleitung des Senders betraut. Diesen Sommer hat die Sport- und Medienmanagerin zum Pay-TV-Anbieter Teleclub gewechselt, bei dem sie künftig als Leiterin Sportprogramme und Stellvertreterin des Sportchefs Roger Feiner für die Sportgefässe verantwortlich zeichnet. Seit 2007 produziert Lässer zudem mit ihrer eigenen Firma für Pro Sieben Schweiz, Sat 1 Schweiz und Sat 1 Österreich diverse TV-Formate («Faces TV», «Kickoff», «Face of Faces»).

claudialaesser
claudialaesser2
claudialaesser3
 

More articles on the topic