Die heilige Zweifaltigkeit

Oliver Classen über SWA-Rituale und Inserenten, die Verleger spielen (wollen).

Oliver Classen über SWA-Rituale und Inserenten, die Verleger spielen (wollen).
Am Jahrestreffen letzte Woche war es wieder soweit: Der Präsident des Schweizer Werbeauftraggeberverbands (SWA), Gérald Stalder, verkündete einmal mehr sein Mantra, wonach die Grossverlage «ihr Oligopol für eine schamlose Anzeigenpreispolitik ausnutzen». Worauf die obligate – und im Stile eines Wettbewerbskommissars vorgetragene – Forderung nach mehr Printvielfalt folgte.Viel Freude bereitete Stalder entsprechend das Gastreferat eines Repräsentanten der World Federation of Advertisers. Der vertrat nämlich die Ansicht (und Hoffnung?), dass die grossen Handelshäuser in zehn Jahren auch die wichtigsten Medienunternehmen ihres jeweiligen Heimatmarkts darstellen. Eine kühne These! In unserer Presselandschaft sind die beiden Big Player mit Migros-Magazin und Coop-Zeitung ja bereits prominent vertreten. Doch wie das Magalog-Beispiel der Migros-Tochter Globus zeigt (siehe Seite 20), besteht auch in der Schweiz noch Potenzial, zumal im Familien-, Frauen- und Lifestyle-bereich.
Hier verfügen die Detaillisten zweifellos über hausinterne Expertise, perfekte Distributionsnetze und – wichtiger noch – markengestützte Glaubwürdigkeit. Dass diese gross genug sein könnte, um den in diesen Segmenten angesiedelten Zeitschriften nachhaltig Konkurrenz zu machen, darf jedoch getrost bezweifelt werden – auch wenn manche
Corporate Publisher das Gegenteil behaupten.
Schön also, wenn die grössten Schweizer Anzeigenkunden ihr Geld gelegentlich auch in eigene publizistische Experimente investieren. Innovationen sind im Printmarkt schliesslich wertvolle Mangelware. Grundsätzlich sollten Migros & Co aber bei ihren Leisten bleiben und die heilige Zweifaltigkeit, auf der unser organisch gewachsenes Pressesystem fusst, respektieren und weiter alimentieren. Sonst kollabiert nicht nur das fein austarierte Abhängigkeitsverhältnis zwischen Verlagen und Inserenten, sondern möglicherweise auch SWA-Präsident Stalder, der dann bald nichts mehr zu reklamieren hätte.
> Oliver Classen, Redaktor

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