Die Frau für die Extrameile

Shannon Mildon ist bei Manifesto Films verantwortlich als Produzentin und eine treibende Kraft für den internationalen Ausbau der zürcherisch-kanadischen Filmfirma.

Neues Logo, neue Website, neue Adresse, eigene Postproduktion, neue Leute und jede Menge neue Pläne: Manifesto Films hat aufgerüstet. Ein sichtbares Zeichen sind gleich mehr als ein halbes Dutzend Spots, die momentan in den Kinos und im Fernsehen auf ihre Premiere warten. Dazu hat die 2001 gegründete Filmproduktion seit Anfang Jahr neue Ateliers an der Zürcher Mühlebachstrasse bezogen. Gründer und kreativer Kopf von Manifesto ist der preisgekrönte Regisseur und Autor Reto Salimbeni. «Regie» bei der strategischen Umsetzung der zahlreichen Projekte und Zukunftspläne führt Salimbenis Ehefrau Shannon Mildon.
Die ausgebildete Produzentin ist in Kanada geboren und ab dem siebten Jahr in New Zealand aufgewachsen. Dort hat sie an der Auckland University Film & Communication studiert. Nach dem Abschluss konnte Shannon Mildon erste Erfahrungen beim nationalen Fernsehen von New Zealand sammeln. Sie wirkte als Produktionsassistentin bei verschiedenen Shows mit. «Ich war noch sehr jung und hatte neben den Fernseh-Serien auch viel Spass an musikalischen Sendungen im MTV-Stil.» Doch bald suchte Mildon nach Entwicklungsmöglichkeiten in Richtung Spielfilm und bekam ihre Chance als Assistentin bei der Company Communicado. Diese produzierte «Once we’re warriors», der erste Film aus New Zealand, der in Cannes eine Goldene Palme gewonnen hat.
Der internationale Auftritt machte auch Shannon Mildon Mut. «In New Zealand ist die Industrie nach wie vor sehr klein. Ich wollte deshalb nach Nordamerika zurück, um mich weiterzubilden.» Mit dem kanadischen Passport und dem Wissen, dass in Vancouver eine der grössten Filmindustrien wartet, kehrte sie deshalb mit 23 Jahren in ihr Geburtsland zurück. Nach drei Wochen in Kanada bewarb sie sich bei Reto Salimbenis damaligem Partner Mike Collier und seiner Yaletown Entertainment. Mildon wurde erst Production Manager und dann Producer. In den folgenden vier Jahren hat sie die Verantwortung für drei länger laufende TV-Serien für das LIVE-Network übernehmen dürfen. In dieser Phase produzierte Shannon 54 halbstündige Sendungen – pro Jahr. «Weird Homes», eine dieser Serien, gewann mehrere Preise und wurde weltweit ausgestrahlt.
In Vancouver lernte Shannon Mildon bald Reto Salimbeni kennen, weil dieser häufig mit Yaletown drehte. Die erste gemeinsame Arbeit war ein Spot für Cablecom. «Ist das nicht eine interessante Fügung?», lacht sie heute. Daniel Meier von der Zürcher Unikat – auch heute noch ein guter Kunde von Manifesto – war damals der Auftraggeber und indirekt der «Matchmaker». In den folgenden Jahren produzierte Shannon viele Werbefilme für Salimbeni – und sie verrät mit einem vielsagenden Blick, sie hätten aber privat immer noch nichts miteinander zu tun gehabt. «Natürlich versuchte ich mit dem hübschen Kerl aus der Schweiz zu flirten. Er hat das aber nicht wahrgenommen», schmunzelt sie. Dafür wurde die Produktionsgesellschaft der David-Letterman-Show auf ihre Qualitäten aufmerksam und machte ihr das Angebot, eine neue Show in Vancouver zu produzieren. Just zu der Zeit machte ihr aber auch Reto Salimbeni ein Angebot – privat wie auch beruflich – und Shannon sagte Letterman ab. Und so war schliesslich die erste Klappe gefallen für die weitere Story-Entwicklung der interkontinentalen Manifesto Films – mit Sitzen in Zürich und Vancouver. «Die Entscheidung fiel mir leicht.» Sie war überzeugt, dass Reto «simply a great director» ist und eine klare Vision verfolgt. «In unserem Beruf ist es eh das Beste, wenn man zusammenarbeitet – sonst sieht man sich viel zu wenig, weil beide immer unterwegs sind.» Zwei Tage nach Shannons Entschluss sass sie im Flieger auf die Malediven, für einen Spot für Ladival-Sonnencrème. «Reto hat mir erst nach meiner Zusage verraten, wo der erste Dreh stattfindet, es war aber eine schöne Überraschung», lacht Shannon. Sie wurde bei Manifesto die verantwortliche Produzentin und lebte mit Salimbeni die nächsten Jahre häufig aus dem Koffer, manchmal monatelang am Stück. Drehs in vielen Ländern mussten organisiert und abgewickelt werden. Inzwischen arbeiten die Produzentin und der Regisseur bereits sechs Jahre zusammen, seit fünf Jahren sind sie verheiratet. «Einfach optimal», meint Shannon Mildon.
Die Kernkompetenz von Manifesto sind grosse Spots der A-Klasse mit internationalen Qualitätsansprüchen. «Wir wollen auch Märkte ausserhalb der Schweiz bedienen können», erklärt Mildon. «Wir sind eine der wenigen Firmen, die in Europa und Nordamerika eine Niederlassung haben. Unser Office in Vancouver bietet direkten Zugriff auf eine der grössten Filminfrastrukturen der Welt mit einem fantastischen Schauspielerpool. Durch unsere eigenen Ressourcen können wir Produktionen zu sehr interessanten Konditionen anbieten, was in der heutigen Zeit ein grosser Vorteil ist.» Kunden aus Deutschland, Italien, der Schweiz oder auch den USA lassen regelmässig von Manifesto Film Vancouver ihre Spots produzieren.
Shannon Mildon liebt die Produktion von Werbe-Spots. «Commercials sind extrem auf den Punkt, die Storyline muss stimmen, die visuelle Ausrichtung ist sehr wichtig, man sammelt Erfahrung mit den neus-ten Techniken der Postproduktion und man muss sich ständig mit den zukünftigen Trends vertraut machen.» Manifesto verfügt seit Anfang Jahr auch über eine In-house-Postproduktion, die alle Bedürfnisse bis zu 3D-Animationen abdeckt. In den letzten Monaten wurden unter anderem Spots für ViznerBorel, Unikat, RufLanz, Ogilvy, Büro Reinhold inhouse postproduziert. «Die eigene Technik gibt Reto als Regisseur die Möglichkeit, so lange an den Filmen zu feilen, bis er happy ist, ohne dass wir dabei auf die Uhr schauen müssen, um innerhalb eines budgetierten Aufwandes bleiben zu können. Reto ist die Postproduktion sehr wichtig, also haben wir ihm dieses Spielzeug eingerichtet», erklärt Mildon.
Dazu hat sich Manifesto das Ziel gesetzt, mindes-tens alle zwei, drei Jahre einen Spielfilm zu drehen. Nach Salimbenis Komödie «Was ist bloss mit meinen Männern los?» für ProSieben hat Shannon Mildon vor zwei Jahren erstmals die Rolle als ausführende Produzentin übernommen bei Salimbenis 12-Millionen-Dollar-Film «One Way» mit Til Schweiger. Universal International Pictures sowie Til Schweiger waren ihre Partner. Shannon Mildon war für das Cas-ting und den gesamten Dreh in Toronto, Vancouver und New York verantwortlich. Mildon: «Vom Produzenten Til Schweiger habe ich sehr viel gelernt, er lebt Film rund um die Uhr und sein Vertrauen in mich war ein grosses Kompliment.»
Zurzeit schreibt Reto Salimbeni im Auftrag von Bernd Eichingers Constantin Films an einer neuen Komödie mit Til Schweiger. Ein weiteres Grossprojekt in englischer Sprache ist in Entwicklung mit Universal International Pictures in Los Angeles. Mit den «richtig guten Leuten» zusammenarbeiten zu können, war schon immer das Ziel von Shannon Mildon. Sie will auch das Beste aus sich selber herausholen und weiss, dass man beim Film häufig mit sich selber hart sein muss. «Einen geregelten Arbeitstag gibt es nicht», erklärt sie, «ich überlege ständig, wie man etwas noch besser machen kann.» Wenn man bereit ist, «diese Extrameile» zu gehen, dann wird das später auf der Leinwand auch zu sehen sein. «Man wird belohnt, wenn man nie aufgibt und nach der 39. Location noch eine vierzigste anschaut.»
Um den grossen Arbeitsanfall zu bewältigen und auch die Werbeagenturen noch besser bedienen zu können, hatte Shannon schon lange nach einer weiteren Produzentin in der Schweiz Ausschau gehalten. Anfang Jahr gelang ihr der Coup, ein renommiertes Team für Manifesto zu gewinnen: die Produzentinnen Daniela Berther und Barbara Waldvogel für Produktion und Administration. «Wir haben in der Zwischenzeit elf Werbefilme zusammen produziert und es ist eine hervorragende Zusammenarbeit. Daniela und Barbara denken international und kennen dabei die nationale Szene in- und auswendig. Durch ihre reichhaltige Agenturerfahrung kennen sie die Spotproduktion von beiden Seiten und sind die optimale Ergänzung für unsere Teams.»
Shannon Mildon liebt das Kommunizieren auf dem Set. Sie kann sich um den Beleuchter genau so aufmerksam kümmern wie um den Finanzgeber. Und auch wenn sie schon mit Oscar-Preisträgern und anderen Stars zusammengearbeitet hat, ist sich die Produzentin immer noch nicht zu schade, bei einem Spot die ganze Crew höchstpersönlich mit dem Servieren von Kaffee bei guter Laune zu halten. «Ich habe damals in New Zealand mein Filmstudium im Nebenjob als Kellnerin verdient und ich habe keine Scheu, immer dort anzupacken, wo es grad nötig ist.»
Andreas Panzeri
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