Die Fetzen fliegen
Kommentar René Worni über «la guerre des gratuits».
dem blauen Gratisableger von Le Matin und 20 Minuten, neuerdings 20
(vingt) minutes. Da erübrigt sich zu fragen, ob sich Edipresse und
Tamedia nicht doch noch in letzter Minute auf ein gemeinsames Blatt
hätten einigen können. Offenbar wertet niemand mehr den Vorstoss der
Zürcher Strategen als blosse Drohgebärde mit Express-Effekt – Tamedia
macht Ernst.
So komme es denn zum «guerre des gratuits» in der Romandie, und möge
sich Le-Matin-Chef Peter Rothenbühler auf die geschätzte Konkurrenz aus
dem Deutschschweizer Ausland freuen, die das Haus Edipresse etwas von
seinem langjährigen Monopolistenimage befreit (Seite 19). So gesehen
ist jede Konkurrenz für Edipresse imagefördernd.
Etwas werden die Leserinnen und Leser von Le Matin Bleu dem
Deutschschweizer Publikum von 20 Minuten jedoch voraushaben: Den
Romands wird ihr Rezeptionsverhalten bewusster als anderen
Gratiszeitungslesern auf der Welt, denn sie werden den Unterschied
zwischen einer bezahlten und einer nicht zu bezahlenden Zeitung direkt
an den Zeitungsboxen verifizieren können. Orange kostet, Bleu ist
gratis. Was der Inhalt einer Zeitung (noch) wert ist, wird sich
exemplarisch in tagtäglicher Praxis entlang dem Genfersee und später
flächendeckend gegen den Röstigraben hin manifestieren. Ein schwieriges
Umfeld für den Newcomer aus Zürich.
Das Fetzenfliegen wird zusätzlich stimuliert durch die Überlegungen von
Michael Ringier, der jüngst im Standard eingestand, sein Verlag habe
die Lancierung eines eigenen Gratistitels verschlafen. Rechnet man
weitere Gerüchte hinzu, wonach einige Regionalzeitungen im Raum Bern,
Luzern, Basel, Zürich und St. Gallen an einem gemeinsamen
Pendlerzeitungsprojekt herumdenken (was immerhin sowohl in Luzern als
auch in Basel weder bestätigt noch dementiert wird), so ist mit
bürgerkriegsähnlichen Zuständen im Schweizer Zeitungswesen zu rechnen.
In der Westschweiz meldet sich dieser Tage das journalistische Gewissen
in einem offenen Brief, den Journalistinnen und Journalisten von elf
Redaktionen in Sorge um Qualitäts- und Stellenverlust unterzeichnet
haben (Seite 17): Die Verleger, die sich derzeit wie Seifenverkäufer
verhielten, hätten vergessen, was ihre Aufgabe sei: nämlich für
unabhängige und glaubwürdige Information zu sorgen.
René Worni
