Der Überzeugungskünstler

Nick Brambring ist seit bald einem halben Jahr neuer CEO von Zattoo und damit Nachfolger des Gründers Beat Knecht. Er will den Internet-TV-Anbieter weiterhin als «die Nummer 1 in der Schweiz» positionieren sowie auch den Ausbau in weiteren Ländern vorantreiben. In Europa hat Zattoo über 10 Millionen registrierte Nutzer.

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In 2006 wurden sie belächelt. Video on Demand war das Thema, Live-Streaming wurde als geradezu reaktionär angesehen. Inzwischen ist klar, dass die Vision von Zattoo-Gründer Beat Knecht, dass lineares Fernsehen auch im Internet stattfinden muss, sehr reell ist. «Als Pionier und Marktführer sind wir in dem stark wachsenden Segment eine feste Grösse», darf sich Nick Brambring selbstsicher freuen. Bei einem Stand von rund zehn Millionen registrierter Nutzer hat der bisherige Chief Operation Officer Anfang Februar 2012 Beat Knecht an der Spitze des Unternehmens abgelöst. Vor Zattoo wirkte Brambring bei der Boston Consulting Group. Zwischenzeitlich machte er noch seinen MBA an der Insead in Singapur und Fontainebleau, einer der weltweit renommiertesten Business Schools. «Dank Volkswirtschaftslehre und Boston Consulting Group hatte ich gute Business- Grundkenntnisse. Die wollte ich in den Bereichen Medienwirtschaft, aber auch Verhandlungsführung und Finance vertiefen. Im Vordergrund stand aber die persönliche Erfahrung, ein Jahr Auszeit vom Job im Ausland mit tollen Kommilitonen und viel Spass. Den hatte ich!»

Der Kontakt zu Zattoo kam genau im richtigen Moment dieser kreativen Phase in Singapur über Francesco Vass, heute Geschäftsführer des Online- Marktplatzes Tutti in der Schweiz. Vass war bereits 2006 bei Zattoo und hat über die Online-Job-Börse von Insead einen Content Acquisition Manager für das Internet-Fernsehen gesucht. So liess sich Brambring im Januar 2007 nach Zürich locken.

«Ich war schon immer film- und fernsehbegeistert. Als Jugendlicher habe ich Kurzfilme und Musikfilme produziert», erklärt er sein Interesse für die Welt der Medien. Bereits während seiner Arbeit für die Boston Consulting Group habe er sich immer wieder nach spannenden Jobs in der Medienbranche umgeschaut. «Zattoo bot mir schliesslich ein starkes Paket: spannende Kollegen, eine faszinierende Geschäftsidee und einen Job, in dem ich von Anfang an eigenverantwortlich gestalten konnte. Und Zürich ist eine tolle Stadt.»

In seinem ersten Jahr bei Zattoo hat Brambring als Content Acquisition Manager vor allem Rechte mit Fernsehsendern und Verwertungsgesellschaften verhandelt. Aber bei einem Start-up bleibt es nicht bei den «eigentlichen» Aufgaben. «Wenn wir ein neues Land mit neuen Sendern eröffnet haben, habe ich mich im Zweifel auch um Sat-Decoder-Karten und Allgemeine Geschäftsbedingungen gekümmert.»

Als seine wichtigsten Erfolge beim Aufbau von Zattoo sieht Brambring zunächst die Expansion in neue Märkte. «Das hat viel Überzeugungsarbeit insbesondere bei Fernsehsendern gebraucht. Wir waren immer der ‹Kleine›, der nur das Versprechen bieten konnte, das Zattoo ein tolles Produkt hat und mal etwas wird.» Wichtige Überzeugungsarbeit konnte Brambring auch beim Aufbau des Werbegeschäfts leisten. Diese Erfolge führten 2008/2009 zum Turnaround. «Wir hatten eine hohe Burn-Rate und fast keine Einnahmen. Das konnten wir trotz schwierigen Bedingungen – Wirtschaftskrise, aufkommende Konkurrenz, grosse technologische Änderungen – schliesslich drehen durch fundamentale Änderungen, damals unter der Führung von Beat Knecht.» In Verantwortung als COO gelang Nick Brambring später das Führen von Zattoo zum «Erwachsenwerden » in den Jahren 2010/2011. «Wir haben intern an Effizienz und Zuverlässigkeit gearbeitet und Stellen gezielt neu geschaffen und besetzt. Wir wissen jetzt viel besser als früher, was es für ein erfolgreiches Internet-TVBusiness braucht.» In der Folge wurde eine Vielzahl von Partnerschaften mit grossen Kunden und Partnern ges chlos sen.

«Zattoo ist zu einer festen Grösse in der Schweiz und Teilen von Europa geworden.» Seit 2008 wurde Nick Brambring von Beat Knecht mit verschiedenen Führungsrollen betraut. Das war eine sehr gute Vorbereitung für die spätere Übertragung der operativen Führung als COO im 2. Halbjahr 2010. Knecht hat sich seither verstärkt auf Investmentfragen und strategische Projekte konzentriert. Die Aufgabenteilung hat gut funktioniert und wird nun konsequent fortgesetzt mit Knecht als Vorsitzendem des Verwaltungsrats.

Und Zattoo heute?

In dem schönen Business-Buch «Rework» von Jason Fried steht überspitzt «planning is guessing». Brambring kann dieser Einschätzung in Teilen beistimmen: «Bei Zattoo und im Umfeld des Unternehmens hat sich so viel getan, dass wir die Gesamtentwicklung nicht wie am Reissbrett planen konnten. Es war wichtig, immer wieder schnell und flexibel auf neue Gegebenheiten zu reagieren. Das haben wir sehr oft sehr gut gemacht. Genauso wichtig war es, aus Fehlern – und wir haben klare Fehler gemacht – zu lernen und es beim nächsten Mal besser zu machen. » Bei Zattoo arbeitet «ein tolles Team» und das erwachsen gewordene Start-up will weiter massiv in gute Leute und die Entwicklung des Produkts investieren. «Die Möglichkeit haben wir dank stetig steigender Umsätze sowohl im Werbemarkt als auch bei den Nutzergebühren für unser Premium-Angebot. Das Thema Internet-TV ist in aller Munde und wir führen es weiterhin in Sachen Nutzerzahlen und Innovationen an.» Dabei sei es natürlich wichtig, die Mission nicht aus dem Blick zu verlieren. «Wir wollen die Nr. 1 im Internet-TV weltweit sein.» Und bei all diesen Strategien gäbe es übrigens auch Bereiche, die durchaus planbar sind, will Brambring ergänzen: «Im Schweizer Werbemarkt zum Beispiel haben wir seit Jahren stabile Kundenbeziehungen und arbeiten mit gut kalkulierbaren Budgets.»

Aktuell arbeiten bei Zattoo rund 25 Mitarbeitende. Nach wie vor werden immer noch weitere Software- Entwickler und ganz aktuell auch ein Campaign Manager im Werbe-Team gesucht. «Wir sehen die nächsten Schritte, die wir mit unserem Produkt gehen wollen, deutlich vor uns. Aber der Flaschenhals sind oft die Ressourcen. Es ist nicht leicht, Software-Entwickler zu finden, die unseren hohen Ansprüchen gerecht werden.»

Dazu wird es auch Zeit, wieder zu expandieren. «Weil das meine erste Aufgabe für Zattoo war, liegt mir das Thema besonders am Herzen. Expansion kostet aber zunächst immer Geld. Dafür suchen wir momentan nach einem Investor, der zu uns passt.» Bei all diesen Visionen bleibt aber die Grundidee für Produkt und Geschäftsmodell, die Beat Knecht schon 2005 hatte, immer noch die Gleiche. «Wir bieten Live-TV kostenlos und verdienen Geld mit Werbung. Das Modell haben wir gezielt ergänzt, zum Beispiel um Recording und gebührenpflichtige Premium- Pakete. Wir können uns also voll darauf konzentrieren, unser Geschäft entlang des bestehenden Modells auszubauen, und zwar über regionale Expansion, über Anwendungen für neue Endgeräte inklusive Smart TVs und inhaltliche Ergänzung des TV. Bei Letzterem geht es zum Beispiel um soziale Features und Empfehlungen: Was schauen deine Freunde?»

Nick Brambring ist sich bewusst, dass es immer wieder neue Konkurrenten gibt, die in einem bestimmten Bereich sehr gute Arbeit machen. Wilmaa zum Beispiel habe eine gelungene Browser-Version und Teleboy erfolgreiche Mobil-Apps. «Das spornt uns jeweils an, in jedem einzelnen Bereich die Nr. 1 zu bleiben oder, falls wir die Position in einem Bereich verlieren, zu werden.»

Dass der Eintritt für neue Player immer schwieriger wird, zeigt Blick TV, «was trotz massiven Investments und enormer Werbung – oft versteckt in redaktionellen Beiträgen – nach meinem Kenntnisstand kein Erfolg ist». Ausserhalb der Schweiz sieht Brambring aufgrund der komplexen rechtlichen Situation «keine legale Konkurrenz».

Für den neuen CEO von Zattoo ist es «toll zu sehen », wie aus Beat Knechts Idee ein kompletter, sehr dynamischer Markt entstanden ist. «Nicht nur Internet- Fernsehen als solches, auch viele Zattoo- Details wie Channel-Chooser oder Channel-Switch- Ads sind inzwischen Industrie-Standard. Wir bekommen dafür zwar keine Lizenz-Gebühren, freuen uns aber über die Bestätigung.»

Ein besonderer Stolz gilt auch dem Team. «Mit 25 Leuten bieten wir Millionen von Usern einen tollen Service, stemmen wir Hunderte von Werbekampagnen und arbeiten mit über 100 Vertragspartnern eng zusammen. Das Ganze machen wir mit viel Freude. Gerade in schwierigen Zeiten haben wir gezeigt, dass wir als Team zusammenstehen. Das macht uns stark für künftige Aufgaben.» Wo Erfolg ist, lauern auch Gefahren. «Unser Angebot ist eine tolle Ergänzung zum traditionellen TV-Angebot und dem entsprechenden Geschäftsmodell. Das sehen die Teilnehmer dieses traditionellen Eco-Systems nicht immer gern und wehren sich. Das ist zum Teil absolut legitim, etwa wenn die Swisscom unser Modell des Web-TV kopiert. Zum Teil, insbesondere in Deutschland, stellen wir aber fest, dass sich Marktteilnehmer gezielt gegen Zattoo positionieren, um den Anpassungsbedarf, der mit dem Internet kommt, noch einige Jahre hinauszuzögern. » Besonders ärgerlich empfindet es Brambring, «dass illegale Plattformen, die sich um Rechte nicht scheren, in der gleichen Zeit Nutzer auf sich ziehen». In der Schweiz spielt Letzteres dank dem vollständigen TV-Angebot auf Zattoo und Konkurrenzplattformen keine Rolle.

Die Suche nach nicht sofort ersichtlichen Betätigungsfeldern ist bei Nick Brambring nicht neu. Bereits nach seinem ersten Studium an der Universität Köln hat er als Repetitor Kollegen auf das Jus-Examen vorbereitet und als Referendar bei Gericht und Staatsanwaltschaft gearbeitet. Danach ging es zu BCG, bewusst als Sprungbrett für eine Business- Laufbahn in der Medien-Industrie. «Generell» sieht Brambring diesen Sprung in die Welt von Film und Fernsehen als «geschafft». Auch heute noch nicht ganz ausgeträumt ist dabei der Plan, «irgendwann selbst einmal einen Film zu produzieren». Das Ziel, bei der Boston Consulting in der Welt der Medien arbeiten zu können, ist er wie alles mit einer durchdachten Strategie angegangen. «Ich habe mir schon ein halbes Jahr vor Start die Kontaktdaten der Partner geben lassen, die Medienprojekte gemacht haben. Leider gab es zu dem Zeitpunkt damals kaum Projekte in dem Bereich. Ich habe dann in ganz verschiedenen Industrien gearbeitet, von Insurance bis Telco. Der schwache Medienbezug hat mich gestört. Im Nachhinein bin ich dennoch froh und dankbar für meine Zeit bei BCG. Es hat mich für meinen Job bei Zattoo gut vorbereitet. »

Geblieben ist aus dieser Zeit ist der Bezug zu den USA. Das Developer-Team von Zattoo arbeitet nach wie vor in Ann Arbor, Michigan. Aufgrund der schwierigen rechtlichen Situation in den USA und daraus resultierend einem schwachen Sender-Lineup, ist Zattoo aber bei Nutzern dort praktisch unbekannt. «Ich verfolge aber natürlich die Entwicklungen in den USA. Zum einen, um den richtigen Zeitpunkt für einen Markteintritt abzupassen. Zum anderen, um Inspiration bei technischen Entwicklungen zu finden. Privat bin ich ohnehin USA-Fan und verbinde meine Reisen nach Ann Arbor immer mindestens mit einem Wochenende in New York.» Ganz auf der anderen Seite des Atlantiks wohnen möchte Brambring aber nicht. Das Leben in Zürich gefällt ihm. «Die Schweizer Medienlandschaft ist klein. Man sieht sich nicht nur zweimal im Leben, sondern sicher 20-mal. Wer heute Konkurrent ist, kann morgen Geschäftspartner oder Arbeitskollege sein.

Das führt zu einem sehr anständigen und bedachten Umgang. Versprechen werden nicht leichtfertig gemacht, haben dann aber eine hohe Verbindlichkeit. Und man lässt dem Gegenüber Luft zum Atmen, hält sich auch mal zurück. Das schätze ich sehr.» In einem solchen Klima kann Nick Brambring neben seinem «planning is guessing» aus dem Buch «Rework» auch noch den früheren CEO von General Electric zitieren. Jack Welch hat sinngemäss gesagt «Enjoy your job and never work again». Der CEO von Zattoo ist in der glücklichen Lage, dass das auf ihn zutrifft. «Mir macht das Leben generell Spass.» Andreas Panzeri

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