Der Reporter ohne Grenzen
Er verkörperte den Widerstand gegen die Olympiade in Peking. Der Milchskandal rechtfertigt seine Vorbehalte. Jetzt tritt der charismatische Chef von Reporter ohne Grenzen zurück – und wird nicht nur fehlen. Gastkommentar von Jürg Altwegg, Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Genf und Buchautor.
Dreiundzwanzig Jahre sind genug, und Robert Ménard selber ist auch gerade 55 geworden. 1985 hatte er Reporters sans frontières mitbegründet. Nach dem Vorbild von Ärzte ohne Grenzen, die aus der antiideologischen Aufklärung gegen die linken und rechten Totalitarismen hervorgegangen waren. Geläuterte Linke und Revolution ersetzten die Hoffnung auf die Ideologien zur Verbesserung der Welt durch das konkrete humanitäre Engagement für die Opfer. Die Ärzte ohne Grenzen haben einiges bewirkt und viel geleistet. Bernard Kouchner, der zu ihren Begründern gehörte, ist heute Aussenminister.
Die Reporter ohne Grenzen blieben lange im ihrem Schatten. Sie setzten sich für verfolgte Journalisten ein. Am Anfang waren sie zu viert und operierten in der Provinz, in Montpellier. Vom Quartett der Begründer ist nur Robert Ménard geblieben. Die Reporter ohne Grenzen wurden um so bekannter, je stärker Ménard seine Organisation als Einmann-Show betrieb. Der Durchbruch kam, als französische Journalisten im Irak entführt wurden. Das Engagement für die Libération-Starreporterin Florence Aubenas war Ménards Meisterstück.
Praktisch im Alleingang verkörperte Robert Ménard auch den Kampf gegen die Unterdrückung der Meinungsfreiheit in China. Vor und während der Olympischen Spiele stand er permanent im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Er störte den Triumphzug der olympischen Flamme und wurde in Griechenland verhaftet. Vielfach ist er deswegen kritisiert worden. Der Milchskandal zeigt, dass es um die Medienfreiheit in China leider so bestellt ist, wie Ménard sagte. Er war schon vor den Spielen ausgebrochen und den Behörden bekannt. Sie verstanden es, ihn mit ihrer Zensur und der Propagandashow zu vertuschen. Hat diese Politik eine grössere Zahl von Todesopfern auf dem Gewissen? Die chinesischen Dissidenten haben mit Bestürzung von Ménards Rücktritt Kenntnis genommen.
Er will «etwas Neues» anfangen. Wie Bernard Kouchner liebäugelt er mit der Politik. Und mit der Gründung einer Zeitung. Oder mit der Arbeit in einer Redaktion. Das alles hat er in den unzähligen Interviews gesagt, die zu seinem Abschied geführt wurden. Einen eigenen Verlag hat er bereits gegründet. Und noch in diesem Monat wird sein Buch erscheinen: «Freiheiten und andere Chinoiserien» lautet der Titel. Es ist auch die Antwort auf den Vorwurf, Reporter ohne Grenzen habe es nie wirklich gewagt, die französischen Medien und die Politik zu kritisieren – und sei es aus Rücksicht auf die Geldgeber und Sponsoren, zu denen die grossen Verlage gehören: «Meine Organisation befasst sich in erster Linie mit den Ländern, in denen es um die Pressefreiheit am schlechtesten steht. Zu den französischen Medien äussere ich mich in meinem Buch. Natürlich sehe ich, welche Rolle Sarkozy spielt. Ich unterhalte gute Beziehungen zu ihm. Ich habe ihn gelobt, wenn mir das richtig schien. Heute denke ich, dass man sein Wirken nicht für gut befinden kann. Auf dem Feld der Menschenrechte hat er Schaden angerichtet. Sarkozy hält sich nicht an seine Versprechungen.»
Noch nie ging es Reporter ohne Grenzen so gut wie jetzt. Die Finanzen sind geregelt, die Organisation wird inzwischen sehr viel öfter zitiert als Ärzte ohne Grenzen. Auch wenn kaum jemand weiss, dass sie neben Robert Ménard über vierzig fest angestellte Mitarbeiter verfügt, von denen fünfzehn im Ausland wirken. Jedes Jahr erstellt Reporter ohne Grenzen einen Bericht über die Lage der Pressefreiheit in der Welt. Der neue Chef steht fest. Er heisst Jean-François Julliard und ist 35 Jahre alt, aber noch interessiert sich keine Zeitung für ihn. «Kollektiver» werde Reporter ohne Grenzen unter Julliard funktionieren, verspricht Ménard im Namen seines Nachfolgers. Er selber will «Basismitglied» bleiben. Von ihm wird man in diesem und in anderem Zusammenhang noch sehr viel hören. Aber Medienminister, nein, das will Robert Ménard denn doch nicht werden.
Die Reporter ohne Grenzen blieben lange im ihrem Schatten. Sie setzten sich für verfolgte Journalisten ein. Am Anfang waren sie zu viert und operierten in der Provinz, in Montpellier. Vom Quartett der Begründer ist nur Robert Ménard geblieben. Die Reporter ohne Grenzen wurden um so bekannter, je stärker Ménard seine Organisation als Einmann-Show betrieb. Der Durchbruch kam, als französische Journalisten im Irak entführt wurden. Das Engagement für die Libération-Starreporterin Florence Aubenas war Ménards Meisterstück.
Praktisch im Alleingang verkörperte Robert Ménard auch den Kampf gegen die Unterdrückung der Meinungsfreiheit in China. Vor und während der Olympischen Spiele stand er permanent im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Er störte den Triumphzug der olympischen Flamme und wurde in Griechenland verhaftet. Vielfach ist er deswegen kritisiert worden. Der Milchskandal zeigt, dass es um die Medienfreiheit in China leider so bestellt ist, wie Ménard sagte. Er war schon vor den Spielen ausgebrochen und den Behörden bekannt. Sie verstanden es, ihn mit ihrer Zensur und der Propagandashow zu vertuschen. Hat diese Politik eine grössere Zahl von Todesopfern auf dem Gewissen? Die chinesischen Dissidenten haben mit Bestürzung von Ménards Rücktritt Kenntnis genommen.
Er will «etwas Neues» anfangen. Wie Bernard Kouchner liebäugelt er mit der Politik. Und mit der Gründung einer Zeitung. Oder mit der Arbeit in einer Redaktion. Das alles hat er in den unzähligen Interviews gesagt, die zu seinem Abschied geführt wurden. Einen eigenen Verlag hat er bereits gegründet. Und noch in diesem Monat wird sein Buch erscheinen: «Freiheiten und andere Chinoiserien» lautet der Titel. Es ist auch die Antwort auf den Vorwurf, Reporter ohne Grenzen habe es nie wirklich gewagt, die französischen Medien und die Politik zu kritisieren – und sei es aus Rücksicht auf die Geldgeber und Sponsoren, zu denen die grossen Verlage gehören: «Meine Organisation befasst sich in erster Linie mit den Ländern, in denen es um die Pressefreiheit am schlechtesten steht. Zu den französischen Medien äussere ich mich in meinem Buch. Natürlich sehe ich, welche Rolle Sarkozy spielt. Ich unterhalte gute Beziehungen zu ihm. Ich habe ihn gelobt, wenn mir das richtig schien. Heute denke ich, dass man sein Wirken nicht für gut befinden kann. Auf dem Feld der Menschenrechte hat er Schaden angerichtet. Sarkozy hält sich nicht an seine Versprechungen.»
Noch nie ging es Reporter ohne Grenzen so gut wie jetzt. Die Finanzen sind geregelt, die Organisation wird inzwischen sehr viel öfter zitiert als Ärzte ohne Grenzen. Auch wenn kaum jemand weiss, dass sie neben Robert Ménard über vierzig fest angestellte Mitarbeiter verfügt, von denen fünfzehn im Ausland wirken. Jedes Jahr erstellt Reporter ohne Grenzen einen Bericht über die Lage der Pressefreiheit in der Welt. Der neue Chef steht fest. Er heisst Jean-François Julliard und ist 35 Jahre alt, aber noch interessiert sich keine Zeitung für ihn. «Kollektiver» werde Reporter ohne Grenzen unter Julliard funktionieren, verspricht Ménard im Namen seines Nachfolgers. Er selber will «Basismitglied» bleiben. Von ihm wird man in diesem und in anderem Zusammenhang noch sehr viel hören. Aber Medienminister, nein, das will Robert Ménard denn doch nicht werden.
