Der Motz von Butz: Der ADC jurierte die letzten Raritäten von guter Werbung
Letzte Woche jurierte und prämierte der ADC der Schweiz die eingesandten Arbeiten. Die Anzahl der Einsendungen war schon seit langer Zeit nicht mehr so gering. Sie entspricht etwa 3 Promille des gesamten Werbeaufkommens. Von Theophil Butz, Grafiker, Werbeagentur-Inhaber, Inspirator und seit über anderthalb Jahren auch noch Motzer für die Werbewoche- Leser. Sachdienliche Hinweise bitte an [email protected].
Um was geht es hier: Die Schweiz und ihre Werbung – einst ein Vorzeigeland für originelle und gute Werbung – ist zur Werbeprovinz verkommen. Die grossen Gewinner früherer Zeiten wie der Emmentaler, die SBB, Verlagshäuser wie Tagi, NZZ, SonntagsZeitung und viele mehr, die Swatch, das Glattcenter, der Mediamarkt, Coop und Migros, der Sportplausch Wider, die legendären Plakte für das Willisauer Jazzfestival (siehe alte ADC-Bücher) sind nur noch punktuell oder gar nicht mehr vertreten.
Mein Theorie für diese Entwicklung: Leider ist die Werbung in der Schweiz auf ein Gefrierniveau gesunken. Von den dieses Jahr nur 673 eingesandten und prämierten Arbeiten wurden die meisten für Nonprofit-Organisationen oder kleine und mittelgrosse Auftraggeber generiert: die WOZ, Hiltl, Max Shoes, Unicef, Autismus Forum, Tibits, Swiss Smile, Pastorini, Theater Rigiblick. Sogar mit Silber ausgezeichnet wurde die private Geburtstagseinladung von Alfred Burkhard. Also fehlen die grossen Werbetreiber wie Mobiltelefon-Anbieter, die SBB, die Banken, die Nestlé, die ABB, die Verlage und die Warenhäuser. Warum diese fehlen, ist ganz einfach. Diese lassen von den Werbeagenturen, infiziert durch ihren Angsthasenvirus, gar keine freche, frische und kreative Werbung zu. Aktionitis oder überfüllte, unprofilierte Werbung ist das Resultat. Und, dass dies beim ADC keinen Stich für einen Würfel macht, ist ebenso klar. Also ist die Anzahl der Einsendungen zurückgegangen. Wenn die Werber nicht wieder aufs Gaspedal treten, ist die Institution ADC vom Aussterben bedroht.
Als Gründer des ADC Schweiz im 1976 in der Kronenhalle im 1. Stock habe ich die ganze Geschichte mit Hochs und (Finanz)-Tiefs hautnah miterlebt. Die Idee bestand darin, möglichst verschiedene kreative Köpfe wie Architekten, Designer, Fotografen, Filmer, Gestalter, Journalisten, Texter und sogar Musiker als Mitglieder in den ADC zu gewinnen. Alle diese Champions League Players sollten einmal pro Jahr Gutes, Besseres und das Beste jurieren und in einem Buch verewigen. Martin Suter sprach den berühmten Satz: «Wir verbessern die Werbung, indem wir sie jurieren.» Ziel des ADC ist es noch heute, die Werbung zu verbessern. Mir ist an der ADC-Gala vom letzten Samstag nebst der hervorragenden Organisation, der coolen Location im Güterbahnhof und dem köstlichen Entrecôte aufgefallen, dass beinahe alle Teilnehmer farblos gekleidet erschienen waren. War das schon eine Vorbestattung? Mein Aufsteller der Woche war trotz allem der Jurytag und natürlich die ADC-Gala.
