Der Himmel hängt voller Fonts

In der Buchstadt St. Gallen wurde vom 20. bis zum 22. September 2013 zum zweiten Mal das Symposium «Tÿpo St. Gallen» durchgeführt. An der hochkarätig besetzten Veranstaltung wurde über das Thema «Weissraum», über Fonts (Schriftdesign), Ideen und Konzepte sowie über Buchgestaltung referiert. Mit 300 Gästen war der Saal an der Schule für Gestaltung St. Gallen einmal mehr ausverkauft.

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In der Typografie gibt es so wenig absolut Neues zu erfinden wie im Bett oder in der Kochkunst.» Kein Geringerer als der unvergessene, vor zwei Jahren verstorbene Design-Professor Kurt Weidemann hat diese These in die Welt gesetzt. Diese ist in der Tat kaum zu widerlegen. Trotzdem, was ist heute anders als früher, zu der Zeit, als Typografie noch bleiernes Handwerk gewesen ist? Zu der Zeit also, als die besten Schriften (Fonts), die verwendet wurden, ihre Wurzeln im Mittelalter hatten – und die noch heute Bestand haben? Geblieben ist sicher einmal, dass es heute genau wie früher zwei Arten von Typografie gibt – gute und schlechte (s. dazu auch «Pausengespräch mit Jost Hochuli»). Anders als früher ist auch die ins Kraut schiessende Menge neuer Fonts, die vielen «privaten» Fonts; will heissen, Schriften, die sich relativ leicht am Computer «designen» lassen. Meist basierend auf existierenden Schriftschnitten. «Dinosaurier», also alte Typografen, die der Meinung sind, diese neuen Fonts könne man in den Atlantik werfen, ohne kulturellen Schaden zu nehmen, werden gerne mit der Bemerkung zurechtgewiesen, es gebe ja in der Kleidermode auch immer wieder Neues, neue Rocklängen, andere Farben, andere Schnitte usw., diese neuen Fonts würden eben das Leben bzw. die Typografie bereichern.

Weissraum ist kein Leerraum

Über etwas zu sprechen, was nicht da ist – nämlich über den Weissraum –, erwies sich für die neunzehn internationalen Fachreferenten als nicht ganz einfach. So wurde neben dem Rhythmus zwischen Schwarz und Weiss, der Wechselwirkung zwischen Negativ und Positiv und des Weiteren über besonders gelungene Arbeiten, über Ideen und Konzepte sowie über die Buchgestaltung referiert. Daneben führte der Gestalter Clemens Theobert Schedler das Publikum als Moderator wie gewohnt leichtfüssig, mit Charme und Witz durch das Tagungsprogramm. Rund 300 Gäste verfolgten die Reden von Typografie-Koryphäen wie Jonas Vögeli, Erik Spiekermann, Veronika Burian, Jost Hochuli und weiteren interessanten Persönlichkeiten. Krönender Abschluss war der Buchstabenspaziergang am Sonntag morgen durch die Stadt St. Gallen mit Florian Hardwig. (Wobei anzumerken ist, dass das Symposium auch innert zweier Tage zu bewältigen wäre. Drei Tage sind einfach «too much» in der heutigen Zeit.)

Spiekermanns «Stakkato»-Sprache

«Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist. Das Loch ist ein ewiger Kompagnon des Nicht-Lochs: Loch allein kommt nicht vor, so leid es mir tut» (Kurt Tucholsky). Dieses Zitat ist dem Referenten Erik Spiekermann bei seiner Recherche zum Thema Weissraum in den Sinn gekommen. In der Tat lassen sich die ersten paar Sätze der «soziologischen Psychologie der Löcher» von Tucholsky mit dem Tagungsthema «Weissraum» vergleichen. Gäbe es keinen Weissraum, so gäbe es auch keine Typografie und damit auch keine Tÿpo St. Gallen, meinte Spiekermann, der Setzer, Drucker, Kunsthistoriker, Informationsdesigner, Schriftentwerfer, Fachautor, Professor und Dr. h.c.

Typografie als Jahrmarkt der Eitelkeiten?

Auch er, Spiekermann, legt gerne Hand an, wenn es darum geht, bestehende Fonts zu modifizieren. Er hat seinerzeit die ersten Entwürfe zur «Helvetica» aufgeschönt und die wirklich schlechten Details ausgemerzt (s. Bild). Zu der «Helvetica» sagt er heute: «Die kann man für alles gebrauchen, aber wirklich sexy ist sie nicht.» Andere Serifenlose hätten zwar mehr Pep, aber man könne die nicht für alles verwenden. Neuerdings befasst er sich mit einem Redesign der «Helvetica», wobei seine neue Variante (z. B. das kleine «g») an die amerikanische Art Gothic gemahnt. Daher stellt sich einem ehemaligen Setzer unwillkürlich die Frage: Warum macht der das, und verwendet er nicht einfach die Art Gothic? Typografie als Jahrmarkt der Eitelkeiten? Wer nicht eitel ist, so Spiekermann, begnüge sich oft mit dem Durchschnittlichen. Spiekermann liess es sich nicht nehmen, gegen Ende seines Referats den Zuhörerinnen und Zuhörern einen handfesten Ratschlag mit auf den Weg zu geben, den auch Werbefachleute (Berater u.a.) beherzigen könnten: «Arbeiten Sie nie mit und für Arschlöcher!» Spiekermann zählte sicher zu den renommierteren Referenten, trotzdem muss seine Sprechweise – Stakkato, d’origine de Berlin – angekreidet werden. Er sprach – wie üblich – zu schnell, sodass ihm viele, vor allem Westschweizer, nicht zur Gänze folgen konnten. Er sollte, mit Verlaub, seine 08/15-Maschinengewehr- Sprechweise ebenfalls modifizieren, nicht nur Schriften. Seine «Spieke» war eine Zumutung für alle Nichtberliner.

Typografie, die den Augen schmeicheltund die Lesbarkeit auf die Spitze treibt
 
Ja, die gibt es heute noch. Die jungen Schweizer Gestalter Samuel Bänziger (28), Rosario Florio (32) und Larissa Kasper (27) gestalten Bücher, Magazine, Ephemera, Websites und Erscheinungsbilder für die Bereiche Kunst, Musik und Architektur. Sie überzeugten mit dem gestalterischen Relaunch des Magazins Saiten. Saiten erscheint seit April 1994 monatlich als Ostschweizer Kulturmagazin und liegt in zahlreichen Kulturorten, Geschäften, Restaurants und öffentlichen Institutionen in der Region Ostschweiz gezielt auf. Hauptanstoss zur Lancierung war die mangelnde Kulturberichterstattung in den lokalen und regionalen Medien. Seit 1999 zeichnet der Verein Saiten als Herausgeber verantwortlich. Saiten ist das einzige Kulturmagazin seiner Art in der Ostschweiz. Als ein unabhängiges Produkt mit hoher journalistischer und gestalterischer Qualität hat sich die Zeitschrift weit über die Ostschweiz hinaus einen Namen geschaffen. Reportagen, Interviews und Porträts aus Kultur und Gesellschaft öffnen den Blick für die Vielzahl an Welten, die im Kleinen stattfinden. Zentraler Gedanke ist, Grenzen zwischen Stadt und Land, Welt und «Provinz», Alt und Jung, «elitärer» und «alternativer » Kultur zu öffnen. Das Ostschweizer Kulturmagazin finanziert sich selbst und bekommt keine Subventionen. Es versteht sich überdies als Dienstleistung an die Bevölkerung (Veranstaltungskalender) und als Forum, das kulturelle und gesellschaftliche Entwicklungen in der Region widerspiegelt, reflektiert und somit eine Ergänzung zur regionalen Tagespresse darstellt.

Ein Magazin, das gesammelt werden soll

Das Trio Bänziger, Florio, Kasper wurde 2012 mit der Neugestaltung der Zeitschrift beauftragt; der Verlag wollte bewusst ein Team aus der Region, da eine enge Zusammenarbeit zwischen der Redaktion und den Gestaltern erwünscht war. Das Magazin wird nicht am Kiosk verkauft. Ziel der Neupositionierung bzw. des Redesigns war es, die Inhalte der Zeit anzupassen und das Magazin generell konkurrenzfähig zu machen – als Magazin, das auch gesammelt und aufbewahrt werden soll. Das Kulturmagazin Saiten zeichnet sich durch guten Journalismus aus. Es wurde bewusst auf ein Logo verzichtet, die Gestalter entschieden sich für eine Wortmarke mit starkem Wiedererkennungswert, dementsprechend wurde eine markante Schrift gewählt. Mutig ist auch, dass die redaktionellen Seiten in Schwarz-Weiss gehalten sind; nur Anzeigen werden vereinzelt vierfarbig dargestellt. Das Magazin wird jeden Monat von den Gestaltern selbst betreut, sie übernehmen für jede Nummer die Art Direction.

Ausstellung im Rahmen des Symposiums

Im Rahmen des Typografie-Symposiums Tÿpo wurden anhand einer kleinen, feinen Ausstellung ausserdem handschriftliche Briefe aus der privaten Sammlung des St. Galler Designers und Schriftgestalters Jost Hochuli gezeigt. Ebenso wurden die prämierten Bücher der Wettbewerbe «Die schönsten Schweizer Bücher» und «Die schönsten deutschen Bücher» des Jahrgangs 2012 gezeigt. Wie schon vor zwei Jahren kann auch bei der diesjährigen Tÿpo St. Gallen von einem Erfolg gesprochen werden. «Was kann einer Schule Besseres passieren, als eine solche öffentliche Plattform für die Weitergabe von Wissen und Erfahrung zu schaffen? Das Engagement der Schule für Gestaltung St. Gallen wird damit für die Arbeitswelt Kunst, Gestaltung und Design auf eine sympathische Art und Weise sichtbar – und das weit über die Landesgrenzen hinaus», erklärte Thomas Gerig, Abteilungsleiter der Schule für Gestaltung St. Gallen. Claude Bürki

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Tÿpo wiederum mit internationale Koryphäen: Neben den obgenannten Referenten traten auf: Jonas Vögeli, Mathieu Lommen, Jost Hochuli, Anna Rüegg, Veronika Burian, Kurt Höretzeder, Susanne Zippel, Willi Kunz. Die angereisten Referenten kamen aus Österreich, Tschechien, den Niederlanden, Deutschland, den USA und der Schweiz. Neben dem Thema «Weissraum» referierten sie an dem Symposium zudem über Ideen und Konzepte, über Historisches und Kunsthistorisches, über den Unterschied lateinischer zu asiatischen Schriften.
 


«Jede Zeit hat ihre Bedürfnisse, hat das Recht, sich anders auszudrücken»
 
Jost Hochuli ist wohl einer der bekanntesten Schweizer Typografen und gilt als bester Buchgestalter der Schweiz. Er hat übrigens eigens für die Veranstaltung eine Ausstellung präsentiert: Eine Woche lang waren im Foyer der Schule für Gestaltung Briefe und Plakate unter dem Titel «Einige von Hand geschriebene Briefe» zu besichtigen. Die Briefe stammen allesamt aus Hochulis Fundus und bilden gewissermassen den Schriftverkehr weltberühmter Gestalter ab. – Schreiben ist für Hochuli ebenso Gestalten wie Typografie, ist Formgebung mit dem Körper. Claude Bürki sprach in einer Kaffeepause mit dem Grafiker, Typografen und Buchgestalter Jost Hochuli.
 
Jost Hochuli, unter anderem ist an diesem Symposium auch die Rede von Type-Design, und zwar nicht zu knapp. Wir beide haben noch das Handwerk im Bleisatz gelernt und mussten früher mit den bestehenden klassischen und klassizistischen Schriften des Bleisatzes auskommen – und das ging gut so. Heute ist von Fonts die Rede, von zahlreichen neuen Fonts, die ich etwas despektierlich als «private Labels» bezeichnen möchte. Bald bastelt sich jeder Grafiker seine eigenen Fonts, basierend auf bestehenden Schriften. Was ist Ihre Haltung zu dieser «Fonts-itis», diesem riesen Angebot an neuen Schriften, die da herumgereicht werden? Ist das wirklich eine Bereicherung?
 Jost Hochuli: Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich diesbezüglich sehr unentschieden bin. Ich habe mir diese Frage natürlich schon selbst gestellt, und sie ist mir auch schon von anderen Leuten gestellt worden. Ich bin eigentlich ziemlich heikel und auch ein Stück weit konservativ. Einige dieser Schriften, die in letzter Zeit entstanden sind, zum Beispiel die vom Guardian, der englischen Tageszeitung, sind ganz hervorragend. Aber in meiner persönlichen Arbeit kann ich mit «Tagesschriften», bei denen man voraussieht, dass sie in zwei oder drei Jahren wieder verschwunden sein werden, nichts anfangen. Ich habe seinerzeit schon bei der Rotis (1988 von Otl Aicher veröffentlicht) im Rahmen einer Tagung gefunden, dass diese Schrift – wenn sie denn überlebt – eine Zeitspanne von 20 Jahren nicht überdauern wird, höchstens in seltenen Anwendungen. Und das ist genau so gekommen. Sie ist so weit entfernt vom Normalen, von dem, was einem nicht auffallen sollte – denn Schrift ist immer nur Transportmittel der Sprache und sollte als Form nicht zu stark auffallen. Klar hat jede Schrift noch etwas Zusätzliches dazu, ein eigenes Klima, eine eigene Stimmung, sie ist sympathisch, sie ist kalt, sie ist warm oder gar abweisend. Professor Dr. Antonio Loprieno, Rektor und Ägyptologe an der Universität Basel, nennt das den «Ikonischen Mehrwert». Das finde ich einen sehr guten Ausdruck. Das ist jedoch nichts Neues, die alten Setzer nannten dies «Stimmungsgehalt der Schrift». Wenn nun aber dieser Stimmungsgehalt zu stark auffällt, ist das nicht gut.
 
Neunzig Prozent dieser Fonts könne man ins Meer schmeissen, ohne einen kulturellen Verlust anzurichten, sagte ein anderer Professor, nämlich Kurt Weidemann. Er sagte auch, dass es in der Typografie nichts Neues mehr zu erfinden gebe. Ihre Meinung? Ich bin ebenfalls mit dieser Ansicht an dieses Symposium gekommen …
Ich glaube, es ist so, wie es schon immer war: Es hat gute Typografie gegeben und es hat schlechte gegeben. Grundsätzlich bin ich nicht pessimistisch. Ich bin durchaus nicht der Meinung, dass es etwas Negatives ist, dass es so viele Schriften gibt. Für gewisse Sachen kann eine verrückte Modeschrift durchaus ihren Zweck erfüllen. Aber ich wähle aus. Grundlegend Neues gibt es nicht. Die Innenräume der Buchstaben, die Abstände müssen stimmen. Das bleibt. Jede Zeit hat ihre Bedürfnisse, hat das Recht, sich anders auszudrücken. Bei diesen Kongressen oder Symposien lasse ich mich anregen und nehme mit, was ich brauchen kann. Es wurden hier tolle Sachen präsentiert. Es gibt einen Pluralismus, den ich persönlich schätze. Ich möchte auf keinen Fall zurück in die Zeit, in welcher gewisse Ideologen das Sagen hatten und meinten, es müsse alles mittelachsial sein. Und es gibt auch noch alte Basler Kläuse, die meinen, es dürfe um keinen Preis symmetrisch sein. Das Prinzip, das in der Natur vorkommt, an Bäumen, Blättern etc., stimmt heute noch. Nehmen Sie auch den menschlichen Körper, der hat nicht nur Symmetrie. Das Ideologische, das Entweder-oder kann ’s nicht sein. Das Sowohl-als-Auch ist die einzig vernünftige Antwort.
 
Wir leben im Zeitalter des Internet. Gelten da dieselben Grundregeln wie im Print?
Das menschliche Auge ändert sich doch nicht. Natürlich muss das Ganze den technischen Gegebenheiten angepasst sein. Wir haben das Licht von hinten, und wir haben ständig eine Bewegung auf dem Bildschirm. Ähnliches gilt ja auch für Gebäudebeschriftungen. Wenn die beleuchtet sind, braucht es grössere Abstände. Das Grundprinzip aber bleibt, weil unsere Augen die gleichen geblieben sind.

Claude Bürki

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