Der Digitalisator

Nicolas Noth will in der neuen Position als Director Business Development den internationalen Vorsprung von Planetactive im Internet nutzen, um auch den Schweizer Markt weiter auszubauen.

In Deutschland gehört Planetactive im Bereich Digital Marketing zu den Top-Ten-Agenturen. Das Unternehmen aus dem Netz von Ogilvy beschäftigt über 90 Mitarbeitende. Das Mutterhaus ist in Düsseldorf. Eine immer wichtigere Rolle spielt aber auch die Niederlassung in Zürich. Im Schweizer Markt gibt es viel Nachholbedarf rund um die Vermarktung im Internet. Dazu tendieren die Kurven für Werbung im Internet noch weiter nach oben, seit sich die wirtschaftliche Krise täglich präziser abzeichnet. «Die Kunden wollen Werbung mit messbarem Erfolg», meint Nicolas Noth. Seit dem 1. November verstärkt er neben Managing Director Martin Sinning das Führungsteam bei der Zürcher Fullservice-Agentur für digitales Marketing. Der Director Business Development will «die strategische Ausrichtung und Positionierung der Agentur sowie das Produkte-Portfolio weiterentwickeln». Ein wichtiger Teil wird auch die Beratung von Kunden einnehmen. «Mehr Swissness» in der Führung bei Planetactive ist dabei ein willkommener Nebeneffekt, obwohl die Niederlassung Schweiz von Planetactive bereits im November 2000 gegründet wurde und somit schon lange für helvetische Grössen wie Migros, Toblerone, Axa Winterthur oder Swisscom arbeitet.
Planetactive wirbt für sich, dass die spezialisierte Agentur im Bereich Internet bereits weiter als viele Konkurrenten ist. Für Nicolas Noth ist es deshalb eine Chance, an vorderster Front mit dem Momentum dieses Vorsprungs wirken zu können, statt nur «Entwicklungshilfe im Internet zu leisten», wie er das bei früheren Stellen machen musste. Trotzdem erlebte er diese Vorzeiten der digitalen Zukunft als bereichernd.
Der ursprüngliche Berufstraum des heutigen digitalen Medienmenschen war «Wirtschaftsjournalist mit Verständnis für die politischen Zusammenhänge». Die Motivation für ein solches Engagement ist im Elternhaus gereift. Der Vater war Filmer und Mitbegründer des legendären Pressebüros Cortesi in Biel. Die Mutter Mitarbeiterin der ersten Stunde beim bilinguen Radio Canal 3. In diesem «inspirierenden Umfeld» mit vielen Leuten aus den Medien entschloss sich Nicolas Noth zu einem Studium der Wirtschaftswissenschaften und Politologie in Bern. Da wohnte er aber bereits in Zürich und das sollte nicht ohne Folgen bleiben.

Faszination Osteuropa
Hier fand er nämlich einen Studentenjob, der seine Interessen bald einmal in neue Welten lenken sollte. Nicolas Noth konnte bei Vontobel EC Consulting erste berufliche Erfahrungen sammeln. Dieses Beratungsunternehmen innerhalb der Bankholding war damals vor allem mit dem Aufbau der neuen Finanzstrukturen in Osteuropa beschäftigt. Als Folge des Umbruchs mussten Tschechien und die Slowakei sich neu finanzieren, neue regionale Einheiten schaffen und damit auch neue Steuer-Autonomien. Vontobel EC Consulting lieferte dazu über ein Mandat vom Büro für Zusammenarbeit mit Osteuropa des EDA die Grundlagen für die politischen Entscheidungsträger. «Man suchte Spezialisten aus der Schweiz für den Transfer unseres föderalistischen Know-hows nach Osten.»
Nicolas Noth musste zuerst Reports der Berater abtippen, dann wurden ihm eigene Recherchen übertragen. Der Werkstudent hielt sich immer öfters und länger in Prag auf und war von seinem Mitwirken am Wendepunkt der Geschichte fasziniert. Und das Studium? «Diese Zeit war bereichernd und natürlich sehr intensiv, weil die Osteuropa-Projekte sich immer mehr ausgedehnt haben», erinnert er sich. Zur Lösung des Konflikts hat Noth seine zweite Lizenziatsarbeit mit einem Projekt im Osten verkoppeln können. Zwar war sein Professor in Bern als Schweizer Gesundheitsökonom zu Beginn nicht sonderlich begeistert, dass Noth jetzt mit einem Papier zur «tschechischen Gesundheitsreform» abschliessen wollte. Schliesslich fand er das Resultat aber doch «sehr interessant». Allerdings musste Noth die letzten Recherchen für seinen Studienabschluss im Osten selbstständig durchziehen. Vontobel EC Consulting wurde verkauft und damit sein Mandat gestoppt.
Für seine berufliche Weiterentwicklung suchte Noth zuerst weiter einen Wirkungskreis mit einem Fokus zu Osteuropa. Das führte ihn 1994 zu Ecoprocess. Diese Schweizer Agentur hat damals Strategien gesucht und angeboten, wie Schweizer Unternehmen in den Markt von Osteuropa expandieren konnten. Nach einer Bürotrennung ist Noth mit einem der Partner mitgegangen. Man wollte etwas Selbstständiges aufbauen. Mit dem Projektmanagement für das bundesrätliche Aktionsprogramm «Energie 2000» hatten die Jungunternehmer schnell auch ein interessantes Mandat im Portfolio. Inzwischen vier Jahre nach seinem Studienabschluss wollte der Wirtschaftswissenschafter seine Kompetenzen und wertvollen Erfahrungen mit Finanzprojekten aber präziser einsetzen.
Mehr Chancen zum Mitgestalten ortete der Manager bei Pragmatica. «Diese Firma hat mir bereits vom Namen her sehr gut gepasst. Hier soll der pragmatische Ansatz zum Programm gemacht werden.» Der Start-up in Zürich hat bei Noths Eintritt 1998 mit acht Mitarbeitenden für alle grossen Banken und Versicherungen Lösungen für die Probleme an der Schnittstelle zwischen Business und IT entwickelt. «Wir fungierten als Vermittler oder Übersetzer vom Informatiker zu den Banken, welche die neue Technik gerne nutzen wollten», sagt Noth über diese Aufträge.
Zu einem weiteren Zweig bei Pragmatica wurde das Entwickeln von Websoftware. Zuerst hat man die Programme nur zur Verbesserung der eigenen Kommunikation gebraucht. Später wollte man das Wissen auch kommerzialisieren, vor allem mit Applikationen für KMU. Pragmatica hat mit einem Webinterface Zugriffe von überall her auf die Daten eines Unternehmens ermöglichst. Dinge, die heute selbstverständlich sind, damals aber noch revolutionär. Entsprechend schnell hat sich Pragmatica entwickelt. Es folgte der Gang an die Börse. Aus acht Leuten wurden fast hundert innerhalb von nur drei Jahren. Um auch mit den immer mehr spezialisierten Ingenieuren sich in einer gemeinsamen Sprache finden zu können, hat Noth in dieser Zeit nebenbei auch noch ein Postgraduate-Studium in Wirtschafts¬informatik absolviert.

Newsroom bei Ringier
Die Pragmatica war auch nach dem Platzen der Internetblase noch erfolgreich. «Ich meinte, nach dem von 0 auf 100 kommt auch noch das von 100 auf 1’000», kommentiert Noth mit leichter Ironie. Als Ausbaupläne aufgrund der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung für das von ihm aufgebaute Kompetenz-Center aber immer mehr gestutzt wurden, entsann sich Noth, dass er «ursprünglich einmal Journalist» werden wollte, und suchte sich 2004 eine Herausforderung im Medienbereich.
«Ich fand mit Ringier ein spannendes Medienhaus, das mich schon lange interessierte und bei dem ich viel lernen konnte.» In einer neu geschaffenen Stelle an der Zürcher Dufourstrasse wurde Nicolas Noth «Creative Manager» für Projekte, Strategie und digitale Weiterentwicklung innerhalb der Blick-Gruppe, direkt dem damaligen Konzernbereichsleiter Bernhard Weissberg unterstellt. Mit dem Gedanken, dass Print und Online besser vernetzt werden könnten, hat der Creative Manager schon 2005 den Newsroom ins Spiel gebracht. Eine Idee, die jetzt unter Marc Walder bis zum Jahre 2010 realisiert werden soll. «Vieles war damals wohl noch zu früh, weil es auch die Notwendigkeit noch nicht so stark gab», analysiert Noth heute. Man habe in der ersten Phase der sinkenden Auflagenzahlen «noch ziemlich hilflos reagiert». Mit der Zeit und der Entwicklung der Technik wurden aber immer mehr Projekte konkreter. Schliesslich sind verschiedene Ideen gebündelt worden. Noth, der sich in dieser Zeit zum dipl. Medienmanager weiterbildete, wurde die Leitung von Blick Online übertragen und später auch der Web-Auftritt von Heute. Er war Mitglied der Geschäftsleitung der Blick-Gruppe. «Mit solchen Portalen konnte ich meine Liebe zum Digitalen wie auch die Liebe zur Zeitung ausleben», meint Noth – und kommt damit auf die 360-Grad-Strategien zu sprechen, die er jetzt bei Planetactive für Werbekunden verwirklichen will.

Den Takt angeben
Bevor er aber auf diesem Planeten aktiv wurde, holte ihn Mitte 2007 der damalige Verwaltungsratspräsident Thomas Sterchi zu Condor Films, wo er Leiter der Abteilung Corporate Film & New Media und Mitglied der Geschäftsleitung wurde.
Er musste aber «realisieren, dass Film in einem Traditionshaus wie Condor anderen Prinzipien gehorcht als das Internet». Deshalb suchte er «eine Möglichkeit, von dieser Seitenstrasse des Films wieder auf die digitale Hauptstrasse zurückzufinden».
Und die alten Wege nach Osten? «Das ist mittlerweile kein Thema mehr, seit ich eine Familie mit zwei kleinen Mädchen habe», meint Noth. Nicht die Familie ist aber der Grund, wieso er mit seinem Musikspiel aufgehört hat. Als Schlagzeuger in einer Punkband tingelte Nicolas Noth in den Achtzigerjahren durch ganz Eu¬ropa. Immer noch nachhämmernd ist die Erinnerung an einen Auftritt als Vorgruppe bei den Iron Maiden in Bukarest. Man müsse aber als Musiker «seine Grenzen erkennen». Und alleine trommeln im Keller ist nicht sein Ding. Eine Idee wäre es hingegen, für seine beiden Töchter «ein digitales Schlagzeug zu kaufen». Die Mädchen hätten ihren Spass. Und der Vater einen guten Grund, wieder damit anzufangen.

Andreas Panzeri

Digital Bang
«We create value» nimmt Planetactive für sich in Anspruch und setzt dabei auch auf selbst entwickelte Technologien. Mit dieser Einstellung und den entsprechenden Tools hat sich die Agentur einen Namen als digitaler Fullservice-Anbieter gemacht. Nun soll Nicolas Noth helfen, den «Digital Bang» auszulösen.

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