«Das Fernsehen ist der Fels der Populärkultur»
PORTRAIT Bea Knecht ist Gründerin und Verwaltungsratspräsidentin des TV-Anbieters Zattoo und wurde vor Kurzem mit dem Digital Lifetime Award ausgezeichnet. Die TV-Pionierin hat schon früh die Bedürfnisse der Fernsehkonsumenten erkannt.

Die TV-Pionierin Bea Knecht wurde mit dem Digital Lifetime Award ausgezeichnet.Dieses Portrait ist in der aktuellen Ausgabe von «Marketing & Kommunikation» erschienen. Bestellen Sie jetzt ein Abo und erfahren Sie monatlich weitere spannende Infos zu den Themen Marketing, Kommunikation, Digital, Medien und Bildung.————————————-Das Feuer im Kamin knistert, der Ledersessel ist knautschig-weich, die Tische sind aus dunklem Holz und der Kaffee wird mit edlen Pralinen serviert. Ein Ort zum Zurücklehnen, ein Ort mitten in der Stadt Zürich, an dem man sich trifft und redet.Hier, im Park Hyatt, in dieser rustikalen Lounge trifft man gerne auf die diesjährige Gewinnerin des Digital Lifetime Award, Bea Knecht. Die Gründerin und Verwaltungspräsidentin des Internet-TV-Anbieters Zattoo erhielt den Preis für ihre Leistungen in der Digital-Marketing-Branche. Sie hätte nie gedacht, dass Zattoo einmal so lebensprägend für sie werden würde, sagt sie.Ein Preis für ein Lebenswerk – wenn man bedenkt, dass das Internet erst im Jahre 1996 seinen Durchbruch hatte, trifft das auf Bea Knecht sehr wohl zu.Die Gründung von Zattoo folgte zwar zehn Jahre später, doch ihre Faszination für die Technologie begann früher. In den USA nämlich. Das letzte Highschool-Jahr verbrachte die gebürtige Aargauerin in Palm Springs. Damals bewarb sie sich aus Spass und aus Interesse an der Informatik an verschiedenen Universitäten. Bis sie unerwartet in Berkeley, Kalifornien, aufgenommen wurde. Nebenbei war sie im Chip-Bau tätig.Irgendwann wurde Knecht eine Publikation der Sarnoff Labs, dem TV-Forschungslabor in New Jersey, empfohlen. Es war eine prototypische Beschreibung, wie Digital-TV funktionieren könnte. Der Informatikerin war sofort klar, dass der Fernseher computertechnische Leistungen erbringen müsste, um digitale Signale verarbeiten zu können. Aber wenn der Fernseher zum Computer wird, wieso kann dann nicht der Computer zum Fernseher werden, folgerte Bea Knecht. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Chips schnell und die Komprimierungsalgorithmen stark genug waren.Eine Plattform für Internet-TV zu lancieren, haben schon andere versucht. Larry Ellison und Tim Draper zum Beispiel. Auch in der Schweiz wurden mit der Fantastic Corporation erste Projekte lanciert – aber ohne Erfolg. Manchmal ist Abwarten das Richtige, erklärt Knecht. Für sie und ihr Team war der richtige Zeitpunkt 2005 gekommen. Da hatten sie zwar die Technologie, das Produkt aber noch nicht. Als hätte man einen Motor, aber die Karosserie fehlt.Die Herausforderung war es, diese «Karosserie» selbst zu konstruieren. Denn bei einem kundenfreundlichen Produkt sollten die Anwender keine komplizierten Einstellungen machen müssen. Das sollte eigentlich automatisiert sein. Ebenso bei Updates. «Schon damals, als es noch keine iPhones gab, sahen wir das Internet-TV als App», erklärt Knecht.Heute besitze die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung ein Smartphone und es stelle sich viel mehr die Frage, wie sich das Ganze weiterentwickeln werde. Doch obwohl dem modernen Menschen immer mehr Möglichkeiten geboten werden, hat für die Digital-Pionierin das Fernsehen immer noch eine hohe Relevanz. Sie sieht es als Fels der Populärkultur, gerade weil wir in einer so hohen Kontakt-, Aktions- und Informationsdichte leben. Deshalb sollen die Inhalte so zu den Zuschauern gebracht werden, dass diese jederzeit mit Smartphone, Tablet oder PC darauf zugreifen können.Diese Art fernzusehen bietet zwar Unabhängigkeit, stellt die Konsumenten aber mit dem Angebot von Hunderten von Sendern auch vor die Qual der Wahl. Zattoos Ziel ist es deshalb, dem User genau die Sendungen vorzuschlagen, die zu ihm passen. Seit 2009 will sich das Unternehmen darum auch in der Fernsehmessung etablieren. Dabei wird – im Gegensatz zu Netmetrix – direkt bei der Quelle gemessen. Ermittelt wird so, wer wann was sieht und ob ein User senderorientiert ist oder über die Suchfunktion zur Sendung gelangt. Die gezielte Suche, um an gewünschte Sendungen zu gelangen, verwendet Bea Knecht selbst gern und investiert ein paar Minuten in die Auswahl. Angetan haben es ihr besonders die Filme von Kathryn Bigelow.________________________________________Name: Bea KnechtJahrgang: 1967Funktion: CEO ZattooAusbildung: Informatik und Management-Entwicklungin BerkeleyFamilie: ledigFreizeit: Rollerblade, Kunst, Wandern, Reisen________________________________________Autorin: Melanie Granados
