«Das Erbstück hält sich in Grenzen»

Äusserungen von Mediafachleuten zum Metropol-Aus kritisieren vor allem den Zickzackkurs

Äusserungen von Mediafachleuten zum Metropol-Aus kritisieren vor allem den ZickzackkursEs genüge nicht, internationale «Erfolgsrezepte» in den Schweizer Markt drücken zu wollen, lautet der Tenor nach dem Einstellungsentscheid für Metropol. Nicht die erhofften Werbegelder, sondern die Konsumenten müssten an den Anfang aller Überlegungen gestellt werden, lautet die Kritik der Mediafachleute.
Petra Kreussler: Bitter. Ein weiteres Aus für ein Schweizer Medienunternehmen, und im Nachhinein ist es selbstverständlich allen klar, dass im hart umkämpften Zürcher Markt unmöglich drei Titel haben bestehen können. Nun wäre es aber langsam an der Zeit, sich bewusst zu werden, dass bei der Lancierung von neuen Medienprojekten allseits mehr Verantwortung übernommen werden muss und dass zur Abwechslung für einmal die Konsumenten und nicht nur die erhofften Werbegelder an den Anfang aller Überlegungen gestellt werden. Aufmerksamkeit gewinnt heute nur, wer klare Ziele hat, frühzeitig die Potenziale erkennt und auf die beschleunigte Marktdynamik reagieren kann.
Andy Lehmann: Es ist aus meiner Sicht einfach unhaltbar und schliesslich schädlich, wenn Medien nach einem undurchschaubaren «Opportunity-System» einfach wieder aus dem Markt genommen werden. Der einzig bedauernswerte Fakt an diesem Trauerspiel ist wohl die Erkenntnis, dass es offensichtlich nicht genügt, internationale «Erfolgsrezepte» in den Schweizer Markt drücken zu wollen. Wenn ein Verlag nicht in der Lage ist, ein solches Know-how positiv umzusetzen, dann muss die Einstellung von Metropol definitiv nicht bedauert werden.
Röbi Baier: Das Ende von Metropol ist weder eine Überraschung noch ein Verlust für die Medienwirtschaft. Die Marktchancen wurden viel zu blauäugig prognostiziert. Das «Ohr am Markt» ist nicht in Funktion getreten. Sicher wird 20 Minuten Nutzniesser Nr. 1 sein, das Erbstück hält sich aber in Grenzen.
Urs Renner: Die Werbewelt wird Metropol kaum nachtrauern. Der Zickzackkurs (auf geografische Expansion folgte plötzlich wieder Konzentration auf Zürich) machte den Titel schwer planbar. 20 Minuten wird im Lesermarkt zweifellos von der Einstellung von Metropol profitieren. Ob dies auch im Inserentenmarkt der Fall sein wird, hängt stark
damit zusammen, ob der Titel das bei vielen Mediaentscheidern vorhandene generelle Negativimage von Gratistiteln überwinden kann.
Peter Döbeli: Das Aus für Metropol kam für uns nicht überraschend. Der Verlag hat zwischen den Zeilen schon länger angekündigt, dass das Ende bevorsteht. Zudem war schon von Anfang an zu befürchten, dass nicht beide Titel mittel- bis langfristig überleben können. Meiner Meinung nach hatte der Schweizer Markt in diesem Fall strategische Bedeutung, weil 20 Minuten als Kopie des bereits erfolgreich lancierten Metro-Konzepts hier den ersten Lancierungsversuch ausserhalb seines Heimmarktes unternommen hat. Wäre 20 Minuten in der Schweiz gescheitert, wäre für Metro das Leben in anderen Märkten einfacher geworden. Im Schweizer Markt hat der aggressivere, aktivere und innovativere Verlag das Rennen gemacht, und im Gegensatz zu Metropol ist 20 Minuten nicht einfach eine Zeitung, sondern eine multimediale Plattform. Auch das hat wahrscheinlich mit zum Erfolg beigetragen. Umfrage: Daniel Schifferle

More articles on the topic