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Aufgefallen Die besten redaktionellen Ideen liegen häufig zuunterst auf dem Schreibtisch begraben. Ein Ferienputz kann die Zombies zu neuem Leben erwecken.
Kolumne Die besten redaktionellen Ideen liegen häufig zuunterst auf dem Schreibtisch begraben. Ein Ferienputz kann die Zombies zu neuem Leben erwecken.Lebe schnell, stirb jung. So, Mbwana, lautet die erfolgreichste Devise im Showbusiness. (Knapp vor dem Tipp des Hollywood-Moguls Louis B. Meyer für einen guten Film: «Mit einem Erdbeben anfangen – und dann langsam steigern!» Und Alfred Hitchcocks Devise: «Achte immer genau darauf, wie es die andern machen. Und dann tu exakt das Gegenteil!»)Journalismus ist eine Unterdisziplin der Showbranche, die vielleicht alltäglichste und langweiligste, aber trotzdem. Deshalb ist es auch eine Tragödie, dass Journalisten nicht mit 40 enthauptet werden. Stattdessen werden sie Ressortleiter, Chefredaktoren und Dauermeinungskolumnisten: Was folgt, sind 25 Jahre, in denen dieselbe Show Tag für Tag variiert wird. Aus Routine wird Senilität. Und das live, vor aller Augen.
Ein ähnliches Schicksal, Mbwana, steht mir bevor. Ich bin 39, habe nichts anderes gelernt und bin zu glücklich und zu feige für Selbstmord. Somit habe ich beschlossen, wenn schon nicht die Haut, dann doch wenigstens den Bürostuhl zu wechseln und meinen Job bei der Wochenzeitung WOZ zu kündigen.
Nun räume ich den Schreibtisch auf: Berge von Notizen, prähistorischen Sandwiches und nie durch- oder umgesetzten Plänen. Einige davon sind zu schade, um sie direkt auf den Müll zu kippen, also befördere ich sie indirekt über Ihren Kopf dorthin. Danke!
1) Eine Redaktion heuert einen Monat lang clevere und bösartige Profis aus der Branche an, die sämtliche Artikel noch auf derselben Seite kritisieren. Die Folgen wären: 1. Alle würden ehrgeiziger schreiben. 2. Man hätte etwas sehr Seltenes im Haus: eine feurige Qualitätsdebatte. 3. Die Leser würden in diesem Monat die Zeitung lesen wie wild – erst die Kritik, und dann, egal, ob Lob oder Verriss, den Artikel: Um zu sehen, ob die Kritik stimmt. (Nachteil des Plans: Es braucht eine sehr selbstbewusste Redaktion dazu.)
2) In der Weihnachtsausgabe schreibt jeder Journalist, wo er sich im letzten Jahr irrte und warum: Fehleinschätzungen sind nichts Unehrenwertes und oft interessanter als die Wirklichkeit. (Und schliesslich könnte man in der Januarausgabe bestens legitimiert die Fehler der Konkurrenz auflisten – als Zückerchen für die Selbstgeisselung.)
3) Eine Zeitung wie die WOZ hat eine grosse Tradition. Blättert man in vergilbten Jahrgängen, findet man oft beschämend gut geschriebene, verblüffend aktuelle Artikel. Hat man die Beleidigung verdaut, dass guter Journalismus nicht von einem selbst erfunden wurde, könnte man hervorragende alte Artikel wieder veröffentlichen – mit einem recherchierten Kasten: Was danach geschah.
4) Überhaupt müsste man eine Strategie entwerfen, die dem Mangel an wirklichen News, Primeurs, Skandalen Rechnung trägt: No news are good news! Leser lieben Geschichten; Primeurs interessieren nur Journalisten. Eines der beim Publikum beliebtesten WOZ-Formate ist der Cheer-up-Artikel: Sich über einen Sieg zu freuen oder bei einer Niederlage zu ärgern. Null Neuigkeit, dafür aber die Botschaft: Wir fühlen mit, wir haben euch verstanden!
5) Sonstige Pläne: Grundsätzlich sämtliche Kommentare als Pro-Contra-Memos schreiben; eine Serie zur Rehabilitation der Gutmenschen als interessante Köpfe (nicht nur böse Zeitgenossen sind klug); Telefonterror als neues journalistisches Genre; eine Serie nach dem Motto «Wie überzeuge ich meine Tante, in dieser Frage links zu denken? Argumentarien für den Hausgebrauch»; etc. pp.
So weit, Mbwana, meine Mülldeponie, die nun in Ihrem Kopf zwischengelagert wird. Und nun nichts wie weg in die Ferien!
> Constantin Seibt war bis heute Redaktor für Politik und Wirtschaft bei der Wochenzeitung WOZ.
Constantin Seibt über vielfältige Möglichkeiten, Texte originell aufzupeppen.
Ein ähnliches Schicksal, Mbwana, steht mir bevor. Ich bin 39, habe nichts anderes gelernt und bin zu glücklich und zu feige für Selbstmord. Somit habe ich beschlossen, wenn schon nicht die Haut, dann doch wenigstens den Bürostuhl zu wechseln und meinen Job bei der Wochenzeitung WOZ zu kündigen.
Nun räume ich den Schreibtisch auf: Berge von Notizen, prähistorischen Sandwiches und nie durch- oder umgesetzten Plänen. Einige davon sind zu schade, um sie direkt auf den Müll zu kippen, also befördere ich sie indirekt über Ihren Kopf dorthin. Danke!
1) Eine Redaktion heuert einen Monat lang clevere und bösartige Profis aus der Branche an, die sämtliche Artikel noch auf derselben Seite kritisieren. Die Folgen wären: 1. Alle würden ehrgeiziger schreiben. 2. Man hätte etwas sehr Seltenes im Haus: eine feurige Qualitätsdebatte. 3. Die Leser würden in diesem Monat die Zeitung lesen wie wild – erst die Kritik, und dann, egal, ob Lob oder Verriss, den Artikel: Um zu sehen, ob die Kritik stimmt. (Nachteil des Plans: Es braucht eine sehr selbstbewusste Redaktion dazu.)
2) In der Weihnachtsausgabe schreibt jeder Journalist, wo er sich im letzten Jahr irrte und warum: Fehleinschätzungen sind nichts Unehrenwertes und oft interessanter als die Wirklichkeit. (Und schliesslich könnte man in der Januarausgabe bestens legitimiert die Fehler der Konkurrenz auflisten – als Zückerchen für die Selbstgeisselung.)
3) Eine Zeitung wie die WOZ hat eine grosse Tradition. Blättert man in vergilbten Jahrgängen, findet man oft beschämend gut geschriebene, verblüffend aktuelle Artikel. Hat man die Beleidigung verdaut, dass guter Journalismus nicht von einem selbst erfunden wurde, könnte man hervorragende alte Artikel wieder veröffentlichen – mit einem recherchierten Kasten: Was danach geschah.
4) Überhaupt müsste man eine Strategie entwerfen, die dem Mangel an wirklichen News, Primeurs, Skandalen Rechnung trägt: No news are good news! Leser lieben Geschichten; Primeurs interessieren nur Journalisten. Eines der beim Publikum beliebtesten WOZ-Formate ist der Cheer-up-Artikel: Sich über einen Sieg zu freuen oder bei einer Niederlage zu ärgern. Null Neuigkeit, dafür aber die Botschaft: Wir fühlen mit, wir haben euch verstanden!
5) Sonstige Pläne: Grundsätzlich sämtliche Kommentare als Pro-Contra-Memos schreiben; eine Serie zur Rehabilitation der Gutmenschen als interessante Köpfe (nicht nur böse Zeitgenossen sind klug); Telefonterror als neues journalistisches Genre; eine Serie nach dem Motto «Wie überzeuge ich meine Tante, in dieser Frage links zu denken? Argumentarien für den Hausgebrauch»; etc. pp.
So weit, Mbwana, meine Mülldeponie, die nun in Ihrem Kopf zwischengelagert wird. Und nun nichts wie weg in die Ferien!
> Constantin Seibt war bis heute Redaktor für Politik und Wirtschaft bei der Wochenzeitung WOZ.
Constantin Seibt über vielfältige Möglichkeiten, Texte originell aufzupeppen.
