Buchstaben inszenieren
Typografie nahm bei Gutenberg ihren Anfang, dank dem Computer sind ihr heute kaum Grenzen gesetzt – täglich entstehen neue Schriften.
Typografie nahm bei Gutenberg ihren Anfang, dank dem Computer sind ihr heute kaum Grenzen gesetzt – täglich entstehen neue Schriften.«Typografie ist die Inszenierung einer Mitteilung in der Fläche.» Das ist wohl die kürzeste Definition. Entscheidend für den typografischen Erfolg kann also nur die Art und Weise sein, wie die Mitteilung inszeniert wird. Es gibt auch in der Typografie alle möglichen Inszenierungen, z. B. gute und schlechte, exzessive und biedere, laute und leise. Also ist ein Typograf gewissermassen ein Buchstaben-Regisseur – und Typografie die Kunst, Buchstaben zu inszenieren.Schön der Reihe nach!
Typografie gibt es erst seit dem Tag, an dem Johannes Gutenberg den Druck mit beweglichen Lettern erfand. Davor war alles, was mit Schrift zu tun hatte, Kalligrafie. Weil Gutenberg der erste Drucker war, musste er, was er zur Ausübung seines Handwerks benötigte, selbst herstellen – auch seine Buchstaben. Er konnte nicht einfach in einen Laden gehen und eine Kiste Blei- oder Holzlettern bestellen. Demnach war Gutenberg der erste echte Schriftentwerfer.
Schnell wurden überall in Europa Druckereien eingerichtet. Jeder Herzog, der etwas auf sich hielt, wollte seine eigene Druckerei haben. Einer der grössten Arbeitgeber war der Vatikan, der in über hundert Sprachen drucken liess. All diese Drucker mussten ihre eigenen Schriften herstellen. Die Schrift wurde zum Markenartikel einer Druckerei. Wer die schönste Schrift besass, der hatte die meisten Aufträge. Am Anfang druckten alle Frakturschriften, man versuchte einfach, die schönen kalligrafischen Formen in bewegliche Lettern umzusetzen.
Die absolute Gestaltungsfreiheit
Erst nach und nach fand man eine eigene Formensprache. Die Italiener hatten da einen Vorteil, war bei ihnen doch die römische Capitalis Teil des täglichen Lebens. Da wundert es nicht, dass selbst der Franzose Nicolas Jenson schon kurz nach Erfindung des Buchdrucks in Venedig (1470 bis 1480) anfing, seine Frakturbuchstaben mit runden Formen (Rotunda) auszugestalten. Heute ist Jenson jedoch hauptsächlich für seine Roman bekannt, die Rotunda ist fast vergessen.
Die Namen heutiger Schriftklassiker wie z. B. Garamond oder Bodoni sind alle die Familiennamen berühmter Drucker vergangener Jahrhunderte.
Irgendwann verselbstständigte sich die Kunst des Buchstabenschneidens und wurde ein eigener Beruf. Vielleicht war es so, dass ein Drucker einen Mitarbeiter hatte, der viel schönere Buchstaben schneiden konnte als er selbst. Der musste dann nur noch Buchstaben schneiden, was damals richtige Knochenarbeit war – und bestimmt kein Privileg. Schon war der neue Beruf erfunden.
Erst zu Zeiten der industriellen Revolution entstanden die ersten Schriftenverlage, die Schrift als Ware anboten. Die angestellten Entwerfer blieben in der Regel namenlos. Anfang des 20. Jahrhunderts machten sich dann einige Entwerfer mit ihren eigenen Schriftgiessereien selbstständig, z. B. Deberny & Peignot in Frankreich.
Die rasante Entwicklung vom Bleisatz über den Fotosatz zum computergesteuerten Schriftsatz bis hin zu den Möglichkeiten, die heute jeder PC bietet, hat der Typografie und den Schriftentwerfern schliesslich die absolute Gestaltungsfreiheit beschert. Jeder, der meint, er könne es, kann heutzutage seine eigene «digitale Schriftgiesserei» eröffnen. Das tun auch viele. Noch nie wurden so viele neue Schriften entworfen (und alte kopiert) wie heute. Beim grössten Internetschriftenverkäufer myfonts.com erscheinen täglich ca. sechs neue Schriften, das sind bei 200 Arbeitstagen 1200 neue Schriften im Jahr. Wenn man davon ausgeht, dass 80 Prozent davon Kopien existierender Schriften sind, weitere 10 Prozent zu dilettantisch ausgeführt sind, als dass sie Bestand haben könnten, dann bleiben immer noch 120 echte neue Schriften pro Jahr übrig. Wobei der Trend hier übrigens eindeutig zum Script geht (siehe Kasten).
Wer benötigt neue Schriften?
Bei der täglichen Arbeit als grafischer Gestalter stellt sich immer aufs Neue die Frage, welche Schrift passt zu diesem Auftrag beziehungsweise Kunden.
Nehmen wir z. B. an, eine Bank sei der Kunde. Banken wollen immer zurückhaltend auftreten und damit Vertrauen erwecken. Sie möchten möglichst vermeiden, dass ihre Kunden bemerken, dass es eigentlich «nur» ums Geld geht. Also benötigt die Bank eine Schrift, die so wenig eigene Persönlichkeit hat wie möglich. Die Schrift der Wahl ist die Helvetica, die ehemals eigens zu diesem Zweck entwickelt wurde. Dummerweise verwenden aber bereits die meisten Banken eben diese Helvetica als Hausschrift.
Die entscheidenden Damen und Herren des fiktiven Kunden hätten zwar schon gerne die Helvetica – aber doch vielleicht mit ein bisschen mehr Eigenständigkeit … Und schon ist Bedarf für eine neue Schrift entstanden. Aus eben diesem Grund wurde in den letzten 15 Jahren eine Vielzahl Groteskschriften entworfen. Banken woll(t)en sich von ihren Mitbewerbern abheben, ohne sich wirklich zu unterscheiden. Es entstanden jede Menge Variationen der Helvetica mit so fantasievollen Namen wie z. B. Swiss. Es wurden aber auch neue Klassiker geboren wie die Meta und die Thesis. Die haben sich jedoch in kürzester Zeit so unter Bankkunden verbreitet, dass sie ebenfalls bereits starke Abnutzungserscheinungen zeigen. Und – schon ist der Bedarf für eine neue Generation von «Banken-Schriften» entstanden. Wenn wir nun «Bank» mit Institution gleichsetzen, dann ist schnell augenfällig, wie gross die Verbreitung einer solchen Schrift wirklich ist.
Dieser Mechanismus des ewig neuen Bedarfs durchläuft in anderen Branchen eine parallele Entwicklung. So war es im Verlagswesen die Times, die buchstäblich von jedem Verlag benutzt wurde. Um sich abzuheben, setzten dann einige Verleger die Schrift Sabon ein, nur um ein paar Jahre später wieder von der Masse eingeholt zu werden. Als nächste Reaktion hat jemand die schöne Joanna von Eric Gill ausgegraben, die nun ebenfalls dieses Schicksal erleidet.
Hauptsächlich aus diesem Grund – nämlich für einen speziellen Zweck oder Auftraggeber – benötigen wir immer wieder neue Schriften. Ein weiterer Grund ist der, dass jemand eine Idee für eine neue Schrift hat oder es dieser Person Spass macht, eine neue Schrift zu entwerfen.
Über den AutorGert Wiescher wurde während seiner Jugendfreundschaft mit Erik Spiekermann vom Typografie-Bazillus angesteckt. Wiescher hat über 200 Schriften entworfen und mehrere Bücher über Typografie geschrieben. Nach Arbeitsaufenthalten in Paris, Barcelona und Johannesburg lebt und arbeitet er seit 30 Jahren als freier Grafiker und Schriftentwerfer in München.
Seit einem Jahr konzentriert er sich ausschliesslich auf Schriftentwicklung und vermarktet seine Schriften selbst. Sie sind bei allen grossen Internethändlern zu erwerben. Das aktuellste Angebot ist immer unter www.myfonts.com/foundry/wiescherdesign oder auf seiner eigenen Website www.wiescher-design.de zu finden. Seine neuste Schrift, ein Script mit drei untereinander kombinierbaren Schnitten, hat er zu Ehren der Witwe Bodonis Donna Bodoni genannt.
Gert Wiescher
Typografie gibt es erst seit dem Tag, an dem Johannes Gutenberg den Druck mit beweglichen Lettern erfand. Davor war alles, was mit Schrift zu tun hatte, Kalligrafie. Weil Gutenberg der erste Drucker war, musste er, was er zur Ausübung seines Handwerks benötigte, selbst herstellen – auch seine Buchstaben. Er konnte nicht einfach in einen Laden gehen und eine Kiste Blei- oder Holzlettern bestellen. Demnach war Gutenberg der erste echte Schriftentwerfer.
Schnell wurden überall in Europa Druckereien eingerichtet. Jeder Herzog, der etwas auf sich hielt, wollte seine eigene Druckerei haben. Einer der grössten Arbeitgeber war der Vatikan, der in über hundert Sprachen drucken liess. All diese Drucker mussten ihre eigenen Schriften herstellen. Die Schrift wurde zum Markenartikel einer Druckerei. Wer die schönste Schrift besass, der hatte die meisten Aufträge. Am Anfang druckten alle Frakturschriften, man versuchte einfach, die schönen kalligrafischen Formen in bewegliche Lettern umzusetzen.
Die absolute Gestaltungsfreiheit
Erst nach und nach fand man eine eigene Formensprache. Die Italiener hatten da einen Vorteil, war bei ihnen doch die römische Capitalis Teil des täglichen Lebens. Da wundert es nicht, dass selbst der Franzose Nicolas Jenson schon kurz nach Erfindung des Buchdrucks in Venedig (1470 bis 1480) anfing, seine Frakturbuchstaben mit runden Formen (Rotunda) auszugestalten. Heute ist Jenson jedoch hauptsächlich für seine Roman bekannt, die Rotunda ist fast vergessen.
Die Namen heutiger Schriftklassiker wie z. B. Garamond oder Bodoni sind alle die Familiennamen berühmter Drucker vergangener Jahrhunderte.
Irgendwann verselbstständigte sich die Kunst des Buchstabenschneidens und wurde ein eigener Beruf. Vielleicht war es so, dass ein Drucker einen Mitarbeiter hatte, der viel schönere Buchstaben schneiden konnte als er selbst. Der musste dann nur noch Buchstaben schneiden, was damals richtige Knochenarbeit war – und bestimmt kein Privileg. Schon war der neue Beruf erfunden.
Erst zu Zeiten der industriellen Revolution entstanden die ersten Schriftenverlage, die Schrift als Ware anboten. Die angestellten Entwerfer blieben in der Regel namenlos. Anfang des 20. Jahrhunderts machten sich dann einige Entwerfer mit ihren eigenen Schriftgiessereien selbstständig, z. B. Deberny & Peignot in Frankreich.
Die rasante Entwicklung vom Bleisatz über den Fotosatz zum computergesteuerten Schriftsatz bis hin zu den Möglichkeiten, die heute jeder PC bietet, hat der Typografie und den Schriftentwerfern schliesslich die absolute Gestaltungsfreiheit beschert. Jeder, der meint, er könne es, kann heutzutage seine eigene «digitale Schriftgiesserei» eröffnen. Das tun auch viele. Noch nie wurden so viele neue Schriften entworfen (und alte kopiert) wie heute. Beim grössten Internetschriftenverkäufer myfonts.com erscheinen täglich ca. sechs neue Schriften, das sind bei 200 Arbeitstagen 1200 neue Schriften im Jahr. Wenn man davon ausgeht, dass 80 Prozent davon Kopien existierender Schriften sind, weitere 10 Prozent zu dilettantisch ausgeführt sind, als dass sie Bestand haben könnten, dann bleiben immer noch 120 echte neue Schriften pro Jahr übrig. Wobei der Trend hier übrigens eindeutig zum Script geht (siehe Kasten).
Wer benötigt neue Schriften?
Bei der täglichen Arbeit als grafischer Gestalter stellt sich immer aufs Neue die Frage, welche Schrift passt zu diesem Auftrag beziehungsweise Kunden.
Nehmen wir z. B. an, eine Bank sei der Kunde. Banken wollen immer zurückhaltend auftreten und damit Vertrauen erwecken. Sie möchten möglichst vermeiden, dass ihre Kunden bemerken, dass es eigentlich «nur» ums Geld geht. Also benötigt die Bank eine Schrift, die so wenig eigene Persönlichkeit hat wie möglich. Die Schrift der Wahl ist die Helvetica, die ehemals eigens zu diesem Zweck entwickelt wurde. Dummerweise verwenden aber bereits die meisten Banken eben diese Helvetica als Hausschrift.
Die entscheidenden Damen und Herren des fiktiven Kunden hätten zwar schon gerne die Helvetica – aber doch vielleicht mit ein bisschen mehr Eigenständigkeit … Und schon ist Bedarf für eine neue Schrift entstanden. Aus eben diesem Grund wurde in den letzten 15 Jahren eine Vielzahl Groteskschriften entworfen. Banken woll(t)en sich von ihren Mitbewerbern abheben, ohne sich wirklich zu unterscheiden. Es entstanden jede Menge Variationen der Helvetica mit so fantasievollen Namen wie z. B. Swiss. Es wurden aber auch neue Klassiker geboren wie die Meta und die Thesis. Die haben sich jedoch in kürzester Zeit so unter Bankkunden verbreitet, dass sie ebenfalls bereits starke Abnutzungserscheinungen zeigen. Und – schon ist der Bedarf für eine neue Generation von «Banken-Schriften» entstanden. Wenn wir nun «Bank» mit Institution gleichsetzen, dann ist schnell augenfällig, wie gross die Verbreitung einer solchen Schrift wirklich ist.
Dieser Mechanismus des ewig neuen Bedarfs durchläuft in anderen Branchen eine parallele Entwicklung. So war es im Verlagswesen die Times, die buchstäblich von jedem Verlag benutzt wurde. Um sich abzuheben, setzten dann einige Verleger die Schrift Sabon ein, nur um ein paar Jahre später wieder von der Masse eingeholt zu werden. Als nächste Reaktion hat jemand die schöne Joanna von Eric Gill ausgegraben, die nun ebenfalls dieses Schicksal erleidet.
Hauptsächlich aus diesem Grund – nämlich für einen speziellen Zweck oder Auftraggeber – benötigen wir immer wieder neue Schriften. Ein weiterer Grund ist der, dass jemand eine Idee für eine neue Schrift hat oder es dieser Person Spass macht, eine neue Schrift zu entwerfen.
Über den AutorGert Wiescher wurde während seiner Jugendfreundschaft mit Erik Spiekermann vom Typografie-Bazillus angesteckt. Wiescher hat über 200 Schriften entworfen und mehrere Bücher über Typografie geschrieben. Nach Arbeitsaufenthalten in Paris, Barcelona und Johannesburg lebt und arbeitet er seit 30 Jahren als freier Grafiker und Schriftentwerfer in München.
Seit einem Jahr konzentriert er sich ausschliesslich auf Schriftentwicklung und vermarktet seine Schriften selbst. Sie sind bei allen grossen Internethändlern zu erwerben. Das aktuellste Angebot ist immer unter www.myfonts.com/foundry/wiescherdesign oder auf seiner eigenen Website www.wiescher-design.de zu finden. Seine neuste Schrift, ein Script mit drei untereinander kombinierbaren Schnitten, hat er zu Ehren der Witwe Bodonis Donna Bodoni genannt.
Gert Wiescher
