Bücher, Blätter und Bananen

Kolumne Die Mutter aller Schlachten war die Übernahme von 20 Minuten durch den Tages-Anzeiger. Jetzt erobert Zürich Bern. In der Schweiz ist der Pressekrieg in vollem Gange.

Kolumne Die Mutter aller Schlachten war die Übernahme von 20 Minuten durch den Tages-Anzeiger. Jetzt erobert Zürich Bern. In der Schweiz ist der Pressekrieg in vollem Gange.Früher habe er Bananen verkauft und heute verkaufe er Bücher, erklärte der Basler Buchhändler Philippe Karger. Die Wirtschaftsredaktion der NZZ bejubelte den endlich freien Buchmarkt und porträtierte den bunten Vogel, der von sich sagt, «ich bin primär Unternehmer und nicht Buchhändler». Nach dem Fall der Preisbindung seien die Kleinen der Branche keineswegs in Gefahr, erklärten Karger und die NZZ. Sie müssten nur ein besseres Marketing betreiben. So wie er. Karger hat mit den Früchten gelernt: Weil Coop und Migros die billigeren Bananen hatte, war Karger stets bestrebt, die besten Kokosnüsse zu haben. Heute führt er in seinem Sortiment auch Skelette für die Schule und weisse Arztmäntel – gut so. Diese unternehmerische Freiheit soll ihm keiner nehmen.Schneller als man erwarten konnte, sind die Preise der Bücher gefallen. Sie waren hier zu Lande zu hoch – wie andere Preise auch. Aber dass man ausgerechnet mit ihnen die Preisinsel Schweiz bekämpfen will, ist schon befremdlich – besonders angesichts der besonderen kulturellen Situation unseres Landes und seiner Vielfalt. Die Massnahme ist auch keine Anpassung an Europa, im Gegenteil: Sie macht uns noch mehr zur Ausnahme. Weder in Frankreich noch in Deutschland gibt es freie Buchpreise. Und die Preisbindung ist auch der strengen Kartellkommission in Brüssel kein Dorn im Auge. Nur hier zu Lande hat die Wettbewerbskommission ihren Mut an einer wirtschaftlich eher unbedeutenden Branche ausgelassen. Und dies auch noch mit dem Segen des Bundesrats, der das «Gnadengesuch» schneller ablehnte, als nötig gewesen wäre.
Haarsträubend war die kulturpolitische Begründung: In der Westschweiz – seit längerem ohne Preisbindung – würden genau so viele Bücher produziert wie in der deutschen Schweiz. Das rasante Sterben der Buchhandlungen zwischen Sion und Genf, Neuenburg und Lausanne hätte unsere Regierung zu etwas mehr Nachsicht führen können. Wer hier angesichts der Konzentration auf die Grosshandelsketten keine Gefahren erkennen mag, ist blind.
Und zumindest blauäugig ist unser Medienminister. «Keine Gefahr» war sein Kommentar, als der Tages-Anzeiger die Berner-Zeitung schluckte. Die Vielfalt sei durch andere Medien garantiert und die Konzentration eine Voraussetzung für die journalistische Qualität. Na denn! Aber die Medienbranche hat schon immer auf mehr Nachsicht zählen können. Warum eigentlich hat hier zu Lande noch niemand ernsthaft daran gedacht, die Preisbindung bei Zeitschriften und Zeitungen zu verbieten? Warum wird die NZZ im hintersten Engadiner Dorf zum gleichen Preis verkauft wie am Kiosk neben der Druckerei?
Was Moritz Leuenberger nicht störte, hat BaZ-Verleger Matthias Hagemann als Erdbeben der Stärke zwölf bezeichnet. In Basel hatte einst die Fusionitis angefangen, mit dem Zusammenschluss von Basler Nachrichten und National-Zeitung. In St. Gallen und Luzern kamen die analogen Prozesse in Gang. Wo man sich diesem verweigerte, starben die Zeitungen im Alleingang – wie La Suisse in Genf. Nach dem Einmarsch der Zürcher in der Hauptstadt ist auch das künstliche Berner Modell obsolet. Paradoxerweise bleibt Basel, wo alles begonnen hatte, die letzte Bastion, die Widerstand leistet. Aber allzu absurd erscheint die Vision einer gemeinsamen Mantelzeitung an Limmat, Aare und Rhein gar nicht zu sein.
Die Zürcher Hegemonie beendet den Föderalismus der Zeitungen. Der Kulturkampf und die Zeit, als die Verleger auch Chefredaktoren und Nationalräte waren, sind vorbei. Und der Kalte Krieg zu Ende. Ob die laufende Konzentration besser ist, bleibe dahingestellt.
Wie auch immer: letztlich ist sie nur ein Nachbeben. Die inländische Monopolstellung, die der Tages-Anzeiger aufbaut, hat mehr mit den Gratiszeitungen zu tun – die ihn und den Blick am meisten bedrohten. Sie provozierten das Erdbeben in der Presselandschaft. General Kall reagierte militärisch: Sein Feldzug gegen 20 Minuten – das Blatt musste kapitulieren und wurde übernommen – bleibt das Gründungsereignis unserer publizistischen Gegenwart. Der Big Bang der neuen Zeitungsszene.
Der Tages-Anzeiger führte und gewann die Mutter aller Schlachten. Der Sieg hat ihn weder besser noch innovativer gemacht. Aber selbstbewusster und aggressiver. Nach dem neuerlichen Sieg im Eroberungsfeldzug hat Martin Kall in seiner vagen Strategie möglicher Synergien eine Priorität genannt: Gratiszeitung. Wenn im Herbst die Konkurrenz die geplante neue Gratiszeitung mit Postzustellung herausbringt, kann das für Kall nur heissen: gratis am Sonntag frei Haus.
Jürg Altwegg ist Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen in Genf.

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