Blosser Luxus
Kolumne René Worni über Gratis- Qualitätsjournalismus.
René Worni über Gratis-Qualitätsjournalismus.
Kurz nach Erscheinen dieser Ausgabe der Werbewoche will die deutsche Journaille an der Jahreskonferenz des Netzwerks Recherche in Hamburg zusammentreten, um «die Innenausstattung und die Qualität» des deutschen Journalismus auszuloten. Die Versammelten (darunter über 100 Referenten) wollen die journalistische Recherche «als Instrument zur Verbesserung aller journalistischen Genres» hochleben lassen. Das kommt nicht von ungefähr. Die deutschen Journalisten reagieren damit auf die offenbar katalytische Wirkung von «Flat Earth News», einem jüngst in England erschienenen Rundumschlag gegen die britischen Medien von Guardian-Sonderkorrespondent Nick Davies. Darin stellt er fest, dass Journalisten im «professionellen Käfig» ihrer «Nachrichtenfabriken» gefangen, nur noch Agenturmeldungen umschreiben würden, ohne selber nachzuforschen. Sechzig Prozent von über 2000 für Davies’ Buch analysierten Berichten aus Grossbritanniens Qualitätsblättern (Guardian, Independent, Daily Telegraph, Times etc.) bestünden praktisch aus PR-Material. Nur zwölf Prozent der Stories seien auch recherchiert. «Das Grundproblem ist, dass eine kommerzielle Logik die journalistische abgelöst hat», meint Nick Davies.
In Amerika gehen die gebeutelten Verlage einen Schritt weiter. Denn internationale Berichterstattung und investigative Recherchen gelten dort vermehrt als Luxus, den man sich nicht mehr leisten will und kann.
Ex-WSJ-Chefredaktor Paul Steiger hat deshalb das Projekt Pro Publica gelauncht. Es widmet sich ausschliesslich investigativer Recherche und wird von zwei Milliardären finanziert (siehe Seite 16). Damit bleiben diese Stories – empfindlicher Schönheitsfehler – von der Wertschöpfungskette und damit von der verlegerischen Verantwortung abgekoppelt. Dann kann man nur noch von «Gratis-Qualitätsjournalismus» sprechen und unterminiert so seine Wertigkeit.
Solches müsste hiesige Verleger nachdenklich stimmen. Wie lange es wohl noch geht, bis in Zeiten von forciertem Gratis-Content die Erlösmodelle zusammenbrechen und private Sponsoren auch bei uns in die Bresche springen müssen?
René Worni, Redaktor
