«Bisweilen fühle ich mich geistig jünger als mancher Mittdreissiger»

Doppelt genäht hält besser: Zwanzig Jahre nach seinem ersten Lorbeerkranz hat ihn die Fachjury erneut zum Werber des Jahres gewählt: Der Egon 2003 geht an Ruedi Wyler.

Doppelt
genäht hält besser: Zwanzig Jahre nach seinem ersten Lorbeerkranz hat
ihn die Fachjury erneut zum Werber des Jahres gewählt: Der Egon 2003 geht an Ruedi Wyler. Die Frage drängt sich bei ihm förmlich auf:
Ist das Leben ein Einkaufszentrum? Genauer: Ist Ruedi Wyler ein
Shopping Addict? Weit gefehlt, obwohl der distinguierte, 60-jährige
Kreative mit seiner Arbeit seit bald zwei Jahrzehnten unter anderem das
Image der beiden grössten Schweizer Einkaufszentren bildhaft stark
mitgeprägt hat. Wylers humorvoller Werbestil in den Kampagnen für das
Einkaufszentrum Glatt und seit über einem Jahr für das Shoppi &
Tivoli in Spreitenbach fällt nicht nur im hiesigen Inserate- und
Plakatwald auf. Auch international haben Wylers Arbeiten das Barometer
für kreative Werbung einige Male neu geeicht, wofür der Luzerner
unzählige Male mit Preisen geehrt worden ist. Letztmals vor zwei
Monaten, am grössten Detailhandelskongress der USA.Bei der Wahl zum
Werber des Jahres ging mehr als jede fünfte Stimme an Ruedi Wyler.
Damit sicherte sich der Inhaber der gleichnamigen Kleinagentur im
Zürcher Kreis 6 einen komfortablen Vorsprung auf den Zweitplatzierten.
Es ist bezeichnend, dass in der Konjunkturflaute nicht ein schnittiger
Stratege erkoren wurde, der mit
gespreizten Marketingfloskeln
demonstrativen Optimismus zur Schau trägt, sondern ein Kreativer, der
sich mit konstant hoher Qualität einen Namen gemacht hat.
Die politisch korrekte WahlDer
neue Werber des Jahres, der den gleichen Titel 1983 belustigt mit
«Prinz Karneval» umschrieb, ist glücklich über seine hohe Beliebtheit.
Allerdings hat er eine bescheidene Erklärung für den erneuten
Titelgewinn: «Ich tue niemandem weh und nehme niemandem etwas bewusst
weg. So gesehen bin ich die politisch korrekte Wahl», stapelt er tief.
«Natürlich ehrt mich der Preis. Aber ich fühle mich nicht als Instanz.»
Höchstens sein Alter könnte solches vermuten lassen, meint er
schelmisch.
Ans Aufhören denke er noch lange nicht. «Bisweilen fühle
ich mich geistig in vielerlei Hinsicht jünger als mancher
Mitdreissiger. Jetzt will ich nochmals richtig Gas geben.» Der ruhige
Macher, der für E-Musik schwärmt, in seiner Jugend Schlagzeug spielte
und zusammen mit AD Andreas Konrad eigene hypnotische Ambient- oder
House-Stücke sampelt, muss nicht auf jugendlich machen. Den Ausgleich
zum Job findet er nicht an netzwerkbildenden Branchenevents, sondern
beim Flanieren in Paris oder beim Spazieren in der Natur. «Wenn ich
nach einer Viertelstunde Ruhe finde, Ohren und Augen richtig öffne,
erkenne ich viele Details, die sonst leicht zu übersehen sind. Früher
fielen mir dabei die besten Sachen ein. Wenn ich heute eine schöne
Landschaft sehe, wehre ich mich meistens dagegen, an Werbung zu
denken.»
Kein Drang zur SelbstdarstellungAuch
sonst passt Wylers ruhige Art nicht ins gängige Raster des coolen
Werbers. «Ich schäme mich nicht, ein halbwegs normales Leben zu
führen», sagt er beiläufig. In einer Branche, in der der ungebremste
Drang zur Selbstdarstellung genauso dominiert wie das
existenzialistische Schwarz, tun die liebenswürdige Bescheidenheit und
Ehrlichkeit Wylers gut.
Die Contenance verliert der Konzepter nur
dann, wenn sein Gerechtigkeitsempfinden verletzt wird, wie etwa bei
zweifelhaften Juryentscheiden. Dass es der mehrfach Dekorierte nicht
nötig hat, in solchen Situationen das Wasser auf die eigenen Mühlen zu
lenken, versteht sich von selbst. Anders als viele seiner
Branchenkollegen ging Ruedi Wyler auch nie mit seinen Auszeichnungen
hausieren. «Das kann ich einfach nicht», räumt er ein und beurteilt
dieses Verhalten aus ökonomischer Perspektive als «naiv». Aber man
solle ja niemals nie sagen, witzelt er. Auch am ungeschriebenen
Ehrenkodex der kreativen Werber, wonach man sich gegenseitig weder
Mitarbeiter noch Kunden, Aufträge oder Ideen stehlen darf, hat sich
Ruedi Wyler immer gehalten.
Lean Production seit 24 JahrenSo
dezent verhalten sich nur Leute, die um ihr Talent wissen. Standen
Aufträge mit seinen Prinzipien nicht im Einklang, hat der Gentleman
unter den Werbern auch schon mal dankend abgelehnt. «Aber erwähnen Sie
das nicht, das klingt etwas arrogant», so Wylers Bitte. Er wolle nicht
als Moralist dastehen, nur weil er sich zum Beispiel nicht von Parteien
einspannen lasse, die gegen Minderheiten politisierten. Und das sage er
nicht nur als Werber, sondern als Mensch.
Seine Fähigkeit, selbst
preisgekrönte Arbeiten kritisch zu hinterfragen, hat ihn bislang vor
dem gefährlichen Hang zum Selbstzitat bewahrt. Und so schält er stets
von neuem die Kernbotschaften für die verschiedensten Kunden heraus –
von der Kulturzeitschrift Du über die Informatikschule Digicomp bis hin
zur Schmuckladenkette Beldoro –, darauf setzt er diese mit
eigenständigen Konzepten und geistvollen Kampagnen um. Nicht um jeden
Preis schockieren, sondern sich mit Kalkül, treffenden Pointen und
verständlicher Reduktion aus der Masse herausheben – so liesse sich
sein Rezept auf den Punkt bringen.
Während sich sein Geschäftsmodell
der Kleinagentur durchaus als Vorbild vieler Neugründungen erweist –
«die Werbebranche ist wie ein Atom, das sich fortwährend spaltet,
obwohl der Werbekuchen seit Monaten schrumpft» –, erkennt Wyler an
seinen Arbeiten nicht nur Trendsetzendes. «Werbung kann den Zeitgeist
sowieso bestenfalls reflektieren», meint er bescheiden.
Seine
Auftraggeber hat er stets davon überzeugen können, dass es für gute
Werbung keinen Mut braucht, nur für schlechte und austauschbare.
Darüber hinaus «sind Plakatstellen wie Anzeigenseiten immer genau
gleich teuer, ob Sie nun ein abgedroschenes oder überraschendes
Werbemotiv schalten. Wenn aber das Publikum schon Werbung anschauen
muss, dann soll sie wenigstens anständig gemacht sein.» Leise, aber
doch unüberhörbar macht er seinem Ärger Luft über die schlechte
Werbung, die zurzeit überall zu sehen ist. Ob er denn vorbildliche
Beispiele nennen kann? Das sei noch viel schwieriger. «Es kann – auch
bei uns – nicht immer alles Spitze sein», räumt Wyler ein.
Mittelmässige
Werbung nach dem immer gleichen uninspirierten Schnittmuster ist ihm
aber ein Gräuel. Mainstream nervt ihn genauso sehr wie Marketingleiter,
die in hohen Schaltfrequenzen und damit in der Reichweite das allein
selig machende Instrument sehen, um den Markt zu erobern. Es sei wohl
eher Ignoranz als Mutlosigkeit, die dazu führe, dass «viele
hervorragende Kreative gute Werbung nur noch für Restaurants machen, in
denen man scharf essen kann, für die Condomeria oder einen Buchladen»,
sagt Wyler mit ironischem Understatement. Als Bauchmensch hält er vom
mystisch-emotionalen Brimborium rund um die Werbung nicht viel.
«Wichtig ist allein der Ehrgeiz, gute Werbung zu machen – und möglichst
keine Penaltys zu verschiessen.»
Die Reduktion war die eine, die
Agenturgrösse die andere Konstante in seiner Laufbahn. Angebrachter
wäre, von Kleinheit zu reden, denn selten hatte er mehr als drei
Mitarbeitende angestellt. Was nicht heisst, dass er ein Eigenbrötler
ist: «Ich bin vielleicht nicht der Beziehungstyp», gesteht der
unverheiratete Ruedi Wyler. «Aber teamfähig musste ich allein schon
des-halb sein, weil ich immer mit hervorragenden Menschen
zusammengearbeitet habe», sagt der frisch gekürte Werber des Jahres und
reicht die Lorbeeren seinen Mitarbeitern, Christine Guarnieri,
Assistentin und Beraterin, Art Director Andreas Konrad und seinem
freien Texter/Konzepter Beat Egger, weiter.
Ruedi Wylers Schutzengel leben an der Decke seiner Agentur: Er wurde bereits zum zweiten Mal zum «Werber des Jahres» gewählt.
Ruedi Wyler feiert 2003 zum zweiten Mal Werber-Weihnachten.
Ruedi Wyler: Mehrfach preisgekröntDer
gebürtige Luzerner besuchte die Kunstgewerbeschule und absolvierte bei
Fritz Kaltenbach die Grafikerlehre. Danach zog es ihn nach Zürich, wo
er als Atelierchef bei der Agentur Biland arbeitete. Die folgenden
Stationen seiner Laufbahn waren die Vorzeigeagenturen Wiener &
Deville und GGK, Basel. Es folgten knapp fünf Jahre bei Advico als CD
bei Bruno Widmer, worauf er sich 1979 selbstständig machte und in
Zürich Wyler Werbung gründete. Bereits vier Jahre später wurde er von
den Lesern der WerbeWoche zum Werber des Jahres gewählt. Er betreute –
und tut dies teilweise heute noch – Kunden wie Tamedia, Du, Das
Magazin, das Zürcher Theater Spektakel, das Einkaufszentrum Glatt oder
Shoppi & Tivoli, die Aargauer Zeitung, das Museum für
Kommunikation, Digicomp und andere mehr. Für seine konstant gute und
erfolgreiche Werbung wurde Ruedi Wyler im In- und im Ausland mehrfach
prämiert. Gemessen an der Anzahl Auszeichnungen pro Mitarbeiter war
Wyler Werbung jahrelang die kreativste Werbeagentur der Schweiz.
Viermal wurde er nach 1983 zum Werber des Jahres nominiert. Zweimal
schaffte er es auf den Ehrenrang. Jetzt, beim vierten Mal, wird der
Vollblutwerber mit dem Egon erneut als Werber des Jahres ausgezeichnet.
(la)
Irene Hiltpold über Ruedi Wyler«Ruedi
Wyler ist ein Exot in der Werbebranche. Seit Jahrzehnten realisiert er
als «Einzelkämpfer» unkonventionelle, gescheite und witzige Kampagnen.
Sein schräger Humor, sein liebenswürdig-kompliziertes Wesen erinnern
mich an Woody Allen, und der ist meiner Meinung nach genial! Ergo: In
Amerika wäre Ruedi Wyler ein Superstar.»
…

Jean Etienne Aebi über Ruedi Wyler«Wie
kein anderer beweist Ruedi Wyler, dass man auch als Einzelmaske über
Jahrzehnte zur kreativen Spitze gehören kann. Er hat gezeigt, dass es
nicht darauf ankommt, wie gross die Küche ist, sondern wer am Herd
steht. Besonders hoch rechne ich ihm an, dass er immer «sympa» und
ehrlich geblieben und nicht zum Opportunisten geworden ist.»
Die KampagnenEinkaufszentrum Glatt: Wyler Werbung setzte für die Shoppingcenter-Werbung richtungsweisende Massstäbe.
Aargauer
Zeitung: Den Lesern im «Rüebliland» machte der Werber des Jahres auch
auf humorvolle Weise klar, dass Minderheiten ein Thema sind.
Einkaufszentrum
Glatt: Eines der wichtigsten USP des Shoppingcenters sind die 4500
Gratisparkplätze, auf die Wyler pointiert und augenzwinkernd hinweist.
Digicomp:
Ein Schultornister als Laptop: Auch für die Informatikschule reduzierte
die Zürcher Agentur die Kernaussage auf ein starkes und einprägsames
Bild.
Shoppi
& Tivoli: Politisch «unkorrekt», werbetechnisch aber sehr korrekt
verhielt sich Ruedi Wyler bei diesem Plakat für den «Ausverkauf» im
Spreitenbacher Einkaufszentrum.

Luca Aloisi

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