Basel Today
Gastkommentar Die neue Basler Zeitung kommt in einem durchaus passablen Layout, aber mit pitoyablen Inhalten daher, meint Jürg Altwegg.
Gastkommentar Die neue Basler Zeitung kommt in einem durchaus passablen Layout, aber mit pitoyablen Inhalten daher, meint Jürg Altwegg.
War der ganze Widerstand umsonst? Mehrmals haben Basler Persönlichkeiten gegen den Kulturabbau in «ihrer» Zeitung und gegen die Einstellung des Magazins protestiert. Jetzt ist die neue «baz» da. «Und sie ist», schreibt ihr Chefredaktor Ivo Bachmann im Bemühen, nicht nur die Kritiker, sondern auch sich selbst zu überzeugen, «schau an, nach wie vor eine Zeitung.» Aber weder der grosse Wurf noch die ganz grosse Kulturkatastrophe.Dass die Protestaktionen weit über Basel hinaus auf breites Echo stiessen, hat mit der Einmaligkeit des Vorgangs und mit der Bedeutung der Zeitung zu tun. Denn im Vergleich mit viel grösseren Regionalzeitungen war die Basler Zeitung nicht provinziell. Feuilleton und Magazin wurden im ganzen deutschsprachigen Raum geschätzt, ja zum Teil kultisch verehrt.
«Wer in der Vergangenheit verharrt, geht unter», begründet Verleger Matthias Hagemann das neue Konzept. Daraus spricht der Schock der letzten Jahre. Minus 50 Prozent bei den Anzeigenerlösen, neue Konkurrenten, katastrophale «Rah- menbedingungen»: Eine Milliarde Franken bekommt die SRG, der Presse werden 500 Millionen entzogen. Die Schweiz betreibe eine Politik «gegen die Lesemedien» und für die «analphabetischen Medien».
Muss, um überleben zu können, auch die Basler Zeitung dazu werden? Viel Violett und viel Luft, farbige Fotos, Infografiken, penetrante «Leserführung»: Im Vergleich zur BaZ erschliesst die baz eine schöne neue Welt. Nur sind die Texte leider holpriger als das Layout. Ein Feuilleton gibt es nicht mehr, dafür ein Kulturmagazin. Ausgerechnet mit Madonna hat man begonnen! Und die erste – tägliche? – Kulturreportage ist den Brücken von Basel gewidmet. Dieses Magazin betreibt keine Kulturkritik, sondern Lifestyle im Bereich Kulturkonsum – mit einem Philosophen als Ratgeber. DVDs und CDs sind so wichtig wie Bücher. Zuletzt fliesst das Ganze nahtlos ins Fernseh- und Ausgehprogramm über: Basel Today. Täglich Züri-Tip.
Fünf «Autoren» verzeichnet das Impressum. Zwei von ihnen sind die beiden letzten Feuilletonchefs. Ihre Namen sind kursiv gedruckt. Das heisst «ständige redaktionelle Mitarbeit». Genauer: Sie dürfen schreiben, haben aber nichts zu sagen. Ein Sternchen beim Namen haben andere: «*=Mitglied erweiterte Redaktionsleitung». Und es gibt weitere Skurrilitäten in diesem Blatt: Über Kleinanzeigen im Text steht – herrlich altbacken – «Reklameteil».
Zur Premiere schliesslich die obligate Umfrage über das Leben in der Region, Seitentitel: «Hobby und Arbeit stellen auf, Politik frustriert». Das tönt fast wie das Programm einer Zeitung, die – wie ihr Chefredaktor ständig betont – auf ihre Leser hören will. (Im Internet kann man die Artikel benoten!) In und um Basel lebt es sich besser als im Landesschnitt. Schlagzeile der nächsten Seite: «Ein Fünftel lebt sogar superzufrieden.» Nach dem Leben wird nun also auch das Lesen noch mehr super. Vielleicht ist die neue baz tatsächlich die Zeitung, die Basel braucht. Man kann es Hagemann und der nichtanalphabetischen Bevölkerung nur wünschen.
Ausserhalb Basels jedoch wird kein Mensch sie lesen müssen.
> Jürg Altwegg ist Kultur- und
Medienkorrespondent der FaZ für die Schweiz und Frankreich.
War der ganze Widerstand umsonst? Mehrmals haben Basler Persönlichkeiten gegen den Kulturabbau in «ihrer» Zeitung und gegen die Einstellung des Magazins protestiert. Jetzt ist die neue «baz» da. «Und sie ist», schreibt ihr Chefredaktor Ivo Bachmann im Bemühen, nicht nur die Kritiker, sondern auch sich selbst zu überzeugen, «schau an, nach wie vor eine Zeitung.» Aber weder der grosse Wurf noch die ganz grosse Kulturkatastrophe.Dass die Protestaktionen weit über Basel hinaus auf breites Echo stiessen, hat mit der Einmaligkeit des Vorgangs und mit der Bedeutung der Zeitung zu tun. Denn im Vergleich mit viel grösseren Regionalzeitungen war die Basler Zeitung nicht provinziell. Feuilleton und Magazin wurden im ganzen deutschsprachigen Raum geschätzt, ja zum Teil kultisch verehrt.
«Wer in der Vergangenheit verharrt, geht unter», begründet Verleger Matthias Hagemann das neue Konzept. Daraus spricht der Schock der letzten Jahre. Minus 50 Prozent bei den Anzeigenerlösen, neue Konkurrenten, katastrophale «Rah- menbedingungen»: Eine Milliarde Franken bekommt die SRG, der Presse werden 500 Millionen entzogen. Die Schweiz betreibe eine Politik «gegen die Lesemedien» und für die «analphabetischen Medien».
Muss, um überleben zu können, auch die Basler Zeitung dazu werden? Viel Violett und viel Luft, farbige Fotos, Infografiken, penetrante «Leserführung»: Im Vergleich zur BaZ erschliesst die baz eine schöne neue Welt. Nur sind die Texte leider holpriger als das Layout. Ein Feuilleton gibt es nicht mehr, dafür ein Kulturmagazin. Ausgerechnet mit Madonna hat man begonnen! Und die erste – tägliche? – Kulturreportage ist den Brücken von Basel gewidmet. Dieses Magazin betreibt keine Kulturkritik, sondern Lifestyle im Bereich Kulturkonsum – mit einem Philosophen als Ratgeber. DVDs und CDs sind so wichtig wie Bücher. Zuletzt fliesst das Ganze nahtlos ins Fernseh- und Ausgehprogramm über: Basel Today. Täglich Züri-Tip.
Fünf «Autoren» verzeichnet das Impressum. Zwei von ihnen sind die beiden letzten Feuilletonchefs. Ihre Namen sind kursiv gedruckt. Das heisst «ständige redaktionelle Mitarbeit». Genauer: Sie dürfen schreiben, haben aber nichts zu sagen. Ein Sternchen beim Namen haben andere: «*=Mitglied erweiterte Redaktionsleitung». Und es gibt weitere Skurrilitäten in diesem Blatt: Über Kleinanzeigen im Text steht – herrlich altbacken – «Reklameteil».
Zur Premiere schliesslich die obligate Umfrage über das Leben in der Region, Seitentitel: «Hobby und Arbeit stellen auf, Politik frustriert». Das tönt fast wie das Programm einer Zeitung, die – wie ihr Chefredaktor ständig betont – auf ihre Leser hören will. (Im Internet kann man die Artikel benoten!) In und um Basel lebt es sich besser als im Landesschnitt. Schlagzeile der nächsten Seite: «Ein Fünftel lebt sogar superzufrieden.» Nach dem Leben wird nun also auch das Lesen noch mehr super. Vielleicht ist die neue baz tatsächlich die Zeitung, die Basel braucht. Man kann es Hagemann und der nichtanalphabetischen Bevölkerung nur wünschen.
Ausserhalb Basels jedoch wird kein Mensch sie lesen müssen.
> Jürg Altwegg ist Kultur- und
Medienkorrespondent der FaZ für die Schweiz und Frankreich.
