Aufwachen, Messieurs!

Gastkommentar Frankreichs Industriekapitäne mögen Presse-flaggschiffe und ruinieren sie deshalb über kurz oder lang, warnt Stefan Brändle.

Gastkommentar Frankreichs Industriekapitäne mögen Presse-flaggschiffe und ruinieren sie deshalb über kurz oder lang, warnt Stefan Brändle.
Mao ist tot, Trotzki ist tot, und die Pariser Gazetten kämpfen ums Überleben. Le Monde und Libération, die zwei selbst verwalteten linksliberalen Tageszeitungen, müssen einen Rüstungskonzern (Lagardère) beziehungsweise einen Oberkapitalisten (Rothschild) ins Kapital holen, um überhaupt den nächsten Frühling zu erleben. Und das konservative Traditionsblatt Le Figaro gerät zusammen mit 70 anderen Pressetiteln unter die Kontrolle des Flugzeug- und Kanonenbauers Serge Dassault, der sich seit Ende letzten Jahres als Medienzar Frankreichs fühlen darf.Bad News auch aus den Redaktionen. Beim Mittagsblatt Le Monde wurde der ex-trotzkistische Chefredaktor Edwy Plenel durch den pflegeleichteren Gérard Courtois ersetzt. Bei der Libé sollte zuerst der Investor Vincent Bolloré Hauptaktionär werden, obwohl zwei Redakteure ein kritisches Buch über dessen Finanzimperium veröffentlicht hatten. Nun muss die Redaktion darüber abstimmen, ob sie dem (Pferdewett-)Investor Edouard de Rothschild, einem Sprössling der bekannten Bankerfamilie, mehr als ein Drittel des Zeitungskapitals übertragen will. Das von Jean-Paul Sartre mitbegründete und vom Ex-Maoisten Serge July geleitete Blatt sieht seine Ideale täglich die Seine hinunterschwimmen. Und mit ihnen (ver)schwinden jene Feuilletonschlachten, welche die Pariser Blätter für Intellektuelle einst zur Pflichtlektüre machten.
Für die französischen Blätter hat die Ökonomisierung noch dramatischere Folgen als im übrigen Europa. Der allgemeine Anzeigenverlust und Auflagenschwund infolge von Gratis-, TV- und Internetkonkurrenz trifft die «presse parisienne» existenziell. Denn finanziell stand sie schon immer auf schwachen Beinen. Jetzt übernehmen Kanonenhändler und Industriekapitäne das Ruder bei den einst dezidiert unabhängigen Pariser Presseflaggschiffen. Mit ihrer redaktionellen Autonomie verlieren diese wohl auch jene Frech- und Freiheit, die das Publikum weit über die Hauptstadt und sogar die Landesgrenzen hinaus geschätzt hat.
Verkommen sie also zu blossen Papierdrachen? Müssen die französischen Intellektuellen auf andere Kanäle ausweichen, etwa Internet oder die hier nach wie vor sehr
beliebten Special-Interest-Titel? Schon länger macht sich der Eindruck breit, dass Libé am Morgen, Le Monde am Nachmittag und das Figaro-Magazin am Wochenende nicht mehr zur Pflichtlektüre der Pariser Citoyens gehören. Den meisten genügt heute ein auch in der Schweiz reüssierendes Schnellleseblatt. Zeichen der Zeit: Die Existenzkrise ihrer einstigen Leibblätter illustriert auch den Niedergang der revolutionären Pariser Debattierlust und Salonkultur, welche dem Rest der zivilisierten Menschheit 200 Jahre lang als Massstab und Inspirationsquelle dienten. Deshalb: Wacht auf, Mesdames et Messieurs les Maoistes – das kapitalistische Pressesystem in Paris ist in Gefahr!
> Stefan Brändle ist Korrespondent für verschiedene deutschsprachige
Tageszeitungen in Paris.

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