Auflagenbetrug fürs Nachttischchen

Branchenkrimi Interessant macht den Thriller über numerische und menschliche Manipulationen im Medienmarkt erst sein Realitätsgehalt.

Branchenkrimi Interessant macht den Thriller über numerische und menschliche Manipulationen im Medienmarkt erst sein Realitätsgehalt.Dem Standard war der Roman zwar keine Rezension, aber immerhin eine Anfrage beim Springer Verlag wert. Und die Konzernsprecherin bestätigte der Wiener Tageszeitung auch prompt «gewisse Unregelmässigkeiten bei der Auflagenerfassung im Zeitschriftenbereich – vor ungefähr zehn Jahren». Diese seien damals selbstverständlich sofort abgestellt worden. Die in «Kokoschanskys Schachzug» erhobenen Vorwürfe werde man dennoch prüfen.Einen Anspruch hat der dritte Band in der Krimi-Reihe des ös-
terreichischen Ex-TV-Journalisten Günther Zäuner also eingelöst: Er beruht auf wahren Begebenheiten. Tatsächlich treten in dem Opus einige wohlbekannte Akteure und Unternehmen, die in dubiose Machenschaften rund um obigen deutschen Grossverlag, Scheinrechnungen einer Verteilfirma und – natürlich – den obligaten Mord verwickelt sind, kaum chiffriert auf. Das macht die Branchenburleske durchaus unterhaltsam und punktuell auch mal spannend.
Literarisch jedoch hat der Text trotz mehrmaliger Referenz auf Stefan Zweigs «Schachnovelle» entweder keinen Anspruch oder vermag ihn nicht zu erfüllen. Dazu bleibt das ungleiche Protagonistenpaar, bestehend aus dem zum Bauernopfer degradierten Geschäftsmann Lichtenhagen und dem investigativen Gemütsjournalisten Kokoschansky, in seinen Aktionen und Reflexionen einfach zu klischeehaft und kalkulierbar. Da helfen auch die allzu offensichtlichen Anleihen bei der «Tatort»-Legende Schimansky (Typus harte Schale, weicher Kern und flottes Mundwerk) und das Kokettieren mit Insidertum nichts.
Etwas durchsichtig und wacklig konstruiert ist auch die reisserische Rahmenhandlung dieses inzwischen verjährten Skandälchens. Zäuner konnte es sich leider nicht verkneifen, die gesamte Zeitgeschichte in seinen dritten Kokoschansky zu packen, inklusive 9/11, RAF-Neugründung und wüster Verschwörungstheorien. Weniger (künstliche Aufregung) wäre hier mehr (echte Dramatik) gewesen. Das fand vielleicht auch die Springer-Sprecherin – und wartet mit der versprochenen Prüfung bis zum nächsten, hoffentlich auch erzählerisch etwas glaubwürdiger gemachten Kokoschansky-Abenteuer.
> Kokoschanskys Schachzug oder Geld spielt keine Rolle von Günther Zäuner. Schmidt Verlag, Freiburg i.Br. 2004. 252 Seiten, 20 Franken.
Oliver Classen

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